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Juni 2026: Arbeiten an einer Brücke über die A30 im Landkreis Osnabrück Foto: picture alliance / Fotostand Konjunktur Deutschland: Ein zartes Brummen – springt da gerade die Wirtschaft an? Nach Jahren des ökonomischen Siechtums scheinen sich Teile der Wirtschaft zu berappeln. Geht es endlich aufwärts? Fünf Antworten auf drängende Fragen.

Das ostwestfälische Unternehmen Phoenix Contact ist eine weltweite Macht, wenn es um Steckverbindungen für Elektrosysteme aller Art geht. Und doch zeigte sich vor gut zwei Jahren: Die Firma ist recht abhängig von einer Kundengruppe. Als sich bei VW, BMW und Mercedes-Benz die Lage eintrübte, verdunkelten sich auch in der Phoenix-Zentrale in Blomberg die Aussichten: Ende 2024 kündigte das Unternehmen an, Stellen abzubauen.Seither haben sich die Ostwestfalen aber von der deutschen Autoindustrie freigeschwommen. Wie Phoenix Contact vorige Woche mitteilte, gewinnt das Unternehmen derzeit neue Aufträge. Das Umsatzwachstum: 20 Prozent allein im ersten Halbjahr: „Dies resultiert insbesondere auch aus der dynamischen Entwicklung in den internationalen Märkten“, so begründet das Unternehmen die Zahlen. Vor allem der Absatz in China und den USA habe sich positiv entwickelt.Dann diese Nachricht: Erste Konjunkturprognosen sehen für das laufende Jahr eine Eins vor dem Komma. 1,1 Prozent könne das Bruttoinlandsprodukt in diesem Jahr wachsen, so die Förderbank KfW und das gewerkschaftsnahe Institut IMK. Ein so starkes Plus gab es zuletzt 2022.Das ist auch der Bundesregierung nicht verborgen geblieben. Zum Abschluss der Klausurtagung auf Schloss Neuhardenberg bei Berlin am Mittwoch unterstrich der Kanzler die Meldungen. „Wir haben drei Jahre der Rezession hinter uns, und nun wachsen wir wieder, trotz Krieg am Golf und in der Ukraine, trotz der Handelskonflikte, die wir überall sehen“, sagte Merz. Es gäbe zudem „beeindruckende Zahlen von Neugründungen“. Und auch „traditionelle Firmen trauen sich wieder etwas“.Was spricht für einen Aufschwung, der diesen Namen auch verdient? Der viel beachtete ifo-Geschäftsklimaindex ist im August von 86,7 auf 88,8 Zähler gestiegen. Er ist ein sogenannter Frühindikator, der den Blick nach vorne von befragten Unternehmen beinhaltet. Die Firmen bewerteten in der aktuellen Auswertung sowohl die Lage als auch die Perspektiven für die kommenden Monate optimistischer als im Vormonat. Dies sei „angesichts der zuletzt wieder gestiegenen Energiepreise und der Belastung durch die anhaltende Trockenheit eine positive Überraschung“, schreibt die Commerzbank.Auch der Einkaufsmanagerindex für das Verarbeitende Gewerbe – also etwa metallverarbeitende Unternehmen – legte im August zu und erreichte mit 54,1 Punkten sogar den höchsten Wert seit mehr als vier Jahren. Werte über 50 deuten auf wirtschaftliche Expansion hin.Dies sind zwar nur Umfragen aus dem Unternehmerlager. Doch auch aus der Realwirtschaft gibt es Positives zu vermelden. Das Statistische Bundesamt hat das Wirtschaftswachstum für das zweite Quartal von 0,2 auf 0,3 Prozent nach oben revidiert. „Die Zeiten der Stagnation sind endgültig vorbei“, heißt es in einer Analyse der Vermögensverwaltungsgesellschaft Bantleon.Vor allem der deutsche Export läuft angesichts der aktuellen geopolitischen Verwerfungen überraschend gut. Im Juni lag der Ausfuhrwert bei 139,3 Milliarden Euro – der höchste Monatswert aller Zeiten. Und dies war offenbar kein statistischer Ausreißer: Die vom ifo Institut ermittelten Exporterwartungen kletterten im August auf den höchsten Wert seit Februar 2022 „Die Exportwirtschaft nimmt Fahrt auf“, sagt ifo-Ökonom Klaus Wohlrabe. „Insbesondere die Ausfuhr in die EU boomt“.Zu einer wichtigen Stütze werden aktuell Mittel- und Osteuropa sowie Zentralasien. Die Ausfuhren in die 29 Länder dieser Regionen legten im ersten Halbjahr um knapp elf Milliarden Euro zu – ein Plus von 7,4 Prozent.Welche Unternehmen und Branchen haben wieder Oberwasser? Die Nachrichten aus Blomberg zeigen, dass diese Zahlen das Bild ein wenig verzerren. So bedeutend die Autobranche für die deutsche Konjunktur sein mag, allein bestimmend ist sie keineswegs. Und in einigen anderen Branchen läuft es eben durchaus zurzeit:Mögen auch diverse Branchenverbände monatlich melden, wie es bei ihnen so läuft – die öffentliche Wahrnehmung hängt vor allem an der dominanten Autobranche. Und da überschlugen sich bis vor kurzem die schlechten Nachrichten. Alle großen Hersteller fahren inzwischen Sparprogramme. Insgesamt sank die Zahl der Beschäftigten in der Branche auf 691.500 – ein Minus von 42.300 Arbeitsplätzen im Vergleich zum Vorjahr. So wenige Menschen waren bei BMW, Bosch, Mahle und Co. zuletzt vor gut zwei Jahrzehnten tätig.Das verstellt den Blick. Insgesamt wuchs der Auftragsbestand der deutschen Industrie zuletzt um 3,1 Prozent im Vergleich zum Vorjahresmonat. Im Maschinenbau lag das Plus bei 12,7 Prozent, bei den elektrotechnischen Betrieben erhöhte sich der Wert der Bestellungen sogar um 22,7 Prozent.Ein Richtkranz hängt an einem Kranhaken über einem fertiggestellten Rohbau. Foto: picture alliance / FotoMedienSerUnsicher bleibt die Lage hingegen in der Chemiebranche. Zwar meldeten auch hier zuletzt einige Unternehmen verbesserte Ergebnisprognosen, der Branchenverband VCI sieht darin aber nur kurzfristige Sondereffekte: Wegen möglicher Knappheiten infolge der Irankrise hätten Unternehmen ihre Bestellungen vorgezogen.Für das Gesamtjahr senkte der Verband seine Prognose für die Produktion zuletzt auf einen Rückgang um 1,5 Prozent. Auch in der Lebensmittelindustrie sanken die Umsätze zuletzt. Der Export, der die Branche im vergangenen Jahr noch in Schwung gehalten hatte, nahm zuletzt stark ab.Profitiert der Arbeitsmarkt von den besseren Konjunkturaussichten?Nicht spürbar. Die Arbeitslosenzahlen kreisen seit Monaten um die Drei-Millionen-Marke. Die Stellenkürzungen in der Industrie halten an. Im Juli stieg die Erwerbslosenzahl um 65.000 auf 2,979 Millionen. Und die Perspektiven bleiben mau.Der Frühindikator des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) dümpelt seit Jahresbeginn unterhalb der neutralen 100-Punkte-Marke; im August lag er bei 99,5 Punkten. Das Jobbarometer basiert auf einer monatlichen Umfrage der Bundesagentur für Arbeit unter allen lokalen Arbeitsagenturen.„Die Konjunktur hat sich zuletzt gefestigt, aber am Arbeitsmarkt reicht das gerade einmal, um Schlimmeres zu verhindern“, sagt Enzo Weber, Leiter des Forschungsbereichs „Prognosen und gesamtwirtschaftliche Analysen“ am IAB. Zumal die Einstellungsbereitschaft der Unternehmen weiterhin schwach ausgeprägt ist. „Der schleichende Abwärtstrend bei der Beschäftigung setzt sich fest“, konstatiert Weber.Wie verhalten sich die Verbraucher?Der Konsum steht für mehr als die Hälfte des deutschen Bruttoinlandsprodukts. Ohne kauffreudige Verbraucher wird es nichts mit einem sich selbst tragenden Aufschwung.Doch die Lage ist derzeit diffus. Das vom Nürnberg Institut für Marktentscheidungen (NIM) monatlich ermittelte Konsumklima stagniert mehr oder weniger. Zuletzt hat die Sparneigung der Verbraucher wieder zugenommen, während die Einkommenserwartungen zurückgingen.„Angst um den Job ist ein Konsumkiller“, sagt NIM-Ökonom Rolf Bürkl. Aber auch die anhaltend hohe Inflation in Deutschland drückt auf die Kauflust der Bürger. Im Juli legte die Teuerungsrate in Deutschland um 2,8 Prozent zu – deutlich stärker als in den Vormonaten. Der Zielwert der Europäischen Zentralbank für die Euro-Zone liegt bei 2,0 Prozent.Könnte der Aufwärtstrend also nur ein Strohfeuer sein? Diese Gefahr besteht. Rund 0,3 Prozentpunkte des diesjährigen Wachstums gehen allein auf einen Kalendereffekt zurück – das Jahr 2026 hat mehr Arbeitstage als das Vorjahr. Eine treibende Kraft hinter der aktuell steigenden Dynamik sind zudem die massiv höheren Staatsausgaben – ein schuldenfinanziertes Doping, das kaum nachhaltig wirkt und die Zinsausgaben in der Zukunft drastisch nach oben treiben wird.Investitionen Wie Deutschland wieder wettbewerbsfähig werden kann von Sebastian SchugSkeptiker des Aufschwungs betrachten vor allem die privaten Investitionen mit Sorge. Denn diese sind im Vergleich zu 2019 um zwölf Prozent geschrumpft und auf das Niveau von 2015 zurückgefallen. Die Folgen seien „dramatisch“, warnt ifo-Präsident Clemens Fuest. „Sinkende Investitionen bedeuten nicht nur, dass die gesamtwirtschaftliche Nachfrage fällt. Gravierender ist, dass das Produktionspotenzial schrumpft – und damit die Fähigkeit der Volkswirtschaft, bei guter Konjunktur Wohlstand zu schaffen.“Hinzu kommt eine gefährlich wachsende Zahl von Firmenpleiten. Nach Erhebungen des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH) gab es im zweiten Quartal 2026 so viele Insolvenzen wie seit 21 Jahren nicht mehr. „Der Anstieg erfasst nahezu alle großen Branchen“, schreiben die Ökonomen. Insgesamt mussten knapp 5000 Personen- und Kapitalgesellschaften den Gang zum Konkursrichter antreten. Das entsprach einem Zuwachs von neun Prozent gegenüber dem ersten Quartal. Allerdings gibt es Insolvenzen auch stets am Ende einer konjunkturellen Talfahrt gehäuft.Auch die fragile weltpolitische Lage birgt weiterhin immense Risiken. Eine neuerliche Eskalation im Golfkrieg und ein Schub bei den Öl- und Gaspreisen könnten die verbesserte Stimmung im Unternehmerlager schnell wieder vermiesen.Unklar ist zudem, wie es an den Finanzmärkten angesichts der globalen Schuldenentwicklung weitergeht. Die Warnsignale vom US-Anleihemarkt sind unüberhörbar. „Die aktuelle Situation ist heikel – die Voraussetzungen für eine Finanzkrise sind gegeben“, warnt der Finanzwissenschaftler und langjährige Wirtschaftsweise Lars Feld. Die Schuldensituation in den USA hält der Freiburger VWL-Professor für „beängstigend“.Fazit: Die deutsche Wirtschaft sendet Lebenszeichen, die konjunkturelle Talsohle ist durchschritten. Doch bis zu einem selbsttragenden und nachhaltigen Aufschwung ist der Weg noch weit. 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