Die Kunst war im buchstäblichen Sinne sein Leben, und über nichts konnte Hans Traxler sich in den letzten Jahren so aufregen wie über den Niedergang des künstlerischen Handwerks. Er selbst beherrschte es in Vollendung, erlernt an der Städelschule, im Frankfurt der Fünfzigerjahre. In dieser Stadt hatte Traxler seine neue Heimat gefunden, nachdem er die alte im Krieg verloren hatte. Von der böhmischen Herkunft blieben ihm nur ein winziger Zungenschlag bis ins höchste Alter, der schönste aller denkbaren Geburtsstadtnamen (Herrlich, heute Hrdlovka, was aber nicht mehr „herrlich“, sondern auf Tschechisch „Kehle“ bedeutet) und eine Menge Kindheits- und Jugenderinnerungen, aus denen Traxler 2019, pünktlich zu seinem neunzigsten Geburtstag, für sein Buch „Mama, warum bin ich kein Huhn?“ reichlich geschöpft hat.Eine Legende: Hans Traxlers Elch-Bild, das zum Emblem der Neuen Frankfurter Schule wurdeHans TraxlerEs sind leichthändige und doch wehmütige Miniaturen, die aber Schluss vor jenem Einschnitt machen, den der Heimatverlust bedeutete. Denn der ging einher mit dem Verlust der Eltern: Traxlers Vater starb in einem tschechischen Gefangenenlager, die Mutter überlebte die Flucht nach Westdeutschland nur kurze Zeit – sie habe keinen Lebensmut mehr gehabt, erzählte Hans Traxler einmal im Gespräch. Das eigene Überleben ermöglichte ihm in den Hungerzeiten der unmittelbaren Nachkriegszeit nur eine Suppenküche, die der Fürst von Thurn und Taxis damals für Bedürftige eingerichtet hatte. Die bunte Gesellschaft, die sich dort täglich zur Essensausgabe einfand, stand Traxler bis zuletzt so deutlich vor Augen, dass er seinen Bericht mit jenen Ausrufen und Gesten anreichern konnte, die er vor 75 Jahren beobachtet hatte.Es ist diese erfahrungssatte Lebendigkeit, die Traxlers Erzählkunst in Wort und Bild ausmacht. „Mama, warum bin ich kein Huhn?“ war sein erstes dezidiert autobiographisches Buch, aber wie viel steckte schon zuvor von Traxler in jeder seiner Bildergeschichten, in jedem seiner Bilderbücher. Aus den Erlebnissen an der Kunsthochschule, im Beruf als Illustrator, mit den sieben Kollegen jener Komischekünstlergruppe, die als Neue Frankfurter Schule berühmt werden sollte (von Traxler stammt deren allseits bekanntes Elch-Emblem), also Robert Gernhardt, F. W. Bernstein, Friedrich Karl Waechter, Chlodwig Poth, Eckhard Henscheid, Pit Knorr und Bernd Eilert, als Mitbegründer und -arbeiter des Satiremagazins „Titanic“, vor allem aber eben als Schauender und Staunender gewann Hans Traxler seine Stoffe.Eine Publikationsliste, die bis 1963 zurückgehtExemplarisch dafür mag sein langjähriges Ferienquartier am Ammersee stehen, wo er und seine Frau Inge (die ihm so unermesslich wichtig für Seelenfrieden und Werk gewesen ist) die Sommer zu verbringen pflegten. Dortige Architektur, Menschen und Landschaft sind Kulissen und Staffage für die Bilderbücher von Traxlers sogenannter Alpentrilogie geworden: „Komm, Emil, wir gehen heim“, „Franz, der Junge, der ein Murmeltier sein wollte“ und „Sofie mit dem großen Horn“, aber auch noch „Die grünen Stiefel“ (2020), das letzte publizierte Bilderbuch, spielt an einem Seeufer im Voralpenland. Oder das wunderbare Bildergedicht „Wallfahrt“ aus „Ich, Gott und die Welt“ von 2010.Nicht der Ammersee, sondern die Côte d’Azur; entsprechend traurig geht die Sache aus.Hans TraxlerNun stammen alle bisher genannten Bücher aus den letzten beiden Schaffensjahrzehnten, aber Traxlers Publikationsliste begann schon 1963, mit einem für ihn ganz untypischen, nämlich unillustrierten Buch: „Die Wahrheit über Hänsel und Gretel“, einer fingierten Recherche zu den wahren Ursprüngen der Märchenhandlung – heute würde man von einer mockumentary reden. Der Zeichnerkollege Peter von Tresckow machte dazu Fotos, Hans Traxler schrieb den Text, und der Erfolg war gewaltig. Man kann die Qualität des Zeichners Traxler daran ermessen, dass seine Bilder es in den Folgejahren vermochten, die Stil- und Spielsicherheit des Schriftstellers Traxler zu überlagern. Aber im von ihm reich gepflegten Genre der Bildergedichte blieb doch zeit seiner Karriere viel davon bewahrt.Traxler war ein Mann für alle Alter – in Hinsicht auf sein eigenes, das am Ende beinahe ein ganzes Jahrhundert erreicht hat, und mit Blick aufs lesende und schauende Publikum, das ihm in sechs Jahrzehnten Buchproduktion nie abhandenkam. Mit „Fünf Hunde erben eine Million“ hatte er 1979 einen ersten Kinderbuchklassiker geschrieben und gezeichnet, und diesen Erfolg steigerte er fast zwanzig Jahre später noch einmal mit „Paula die Leuchtgans“. Im ersteren Fall gab ein Landhaus unweit Frankfurts, das er gemeinsam mit seinen Kollegen der Neuen Frankfurter Schule als Ruhe- und Arbeitsstätte nutzte, den Erzählanlass ab, im letzteren ein Ende der Neunzigerjahre modisches Konsumprodukt. Traxler hatte immer Antennen sowohl fürs Private wie fürs Gesellschaftliche.Das Einzige, was der Satiriker ernst nahm, war die KunstUnd für die katholische Kirche, aber da setzte er seine Antennen lustvoll als Störsender ein. Das Metaphysische war Hans Traxlers Sache nicht, und keine andere der vielen historischen Figuren, die er karikierte, gelang ihm so grandios bösartig wie „sein“ Papst, Paul VI. Goethe, Dostojewski oder Helmut Kohl (um nur drei von Dutzenden zu nennen) müssten neidisch auf „Pillen-Paul“ sein, aber Traxler ließ auch diesen realen Vorbildern seiner Bildergeschichten etwas angedeihen, was man ihnen gemeinhin nicht häufig zusprach: Humor.Johann Wolfgang von Goethe, gezeichnet von Hans TraxlerHans TraxlerWomit er es ernst meinte, das war die Kunst selbst. Vor allem die eigene. Traxlers Ansprüche an sich waren enorm. Deshalb ist nur wenig von seiner Malerei an die Öffentlichkeit gelangt, obwohl er nur zu gerne mit der Staffelei auf Pleinair-Ausflüge ging. Sein früh verstorbener Kollege Bernd Pfarr hat ihn einmal dabei begleitet und gemalt und diesem Bild des düster den Witterungsunbilden trotzenden Freundes den Text beigegeben: „Hans Traxler war so sauer über seine Unfähigkeit, dieses kleine Landschaftsbild ordentlich zu Ende zu malen, daß er eine derart mörderische Aggression entwickelte, die – umgerechnet in Kilowatt – ausgereicht hätte, eine Stadt wie Bielefeld gut sechs Stunden lang mit Strom zu versorgen.“ Traxler sah sich bei aller Freude an der Formulierung darin zu genau erkannt, woraufhin Pfarr den Namen des dargestellten Malers in Hans-Ludwig Kosel veränderte.Der Mensch war ihm das zeichnende TierOrdentlich malen, darum ging es. In seinem schmalen Buch „Die Nacht, in der Kasimir Malewitsch das Schwarze Quadrat klaute …“ hatte Traxler 2022 seinen Spott über die Moderne ausgegossen. Abstraktion war ihm ein Graus, weil sie in seinen Augen die Entschuldigung für Dilettantismus darstellte, und für die besten Zeichner seiner eigenen Lebensspanne erklärte er deshalb einmal die Comiczeichner Robert Crumb und Moebius – weil sie keine willigen Sklaven eines Kunstmarkts waren, der mit der Tradition gebrochen hat. Bilder schaffen, um damit zu anderen zu sprechen, das war sein Verständnis von Zivilität; der Mensch war ihm das zeichnende Tier.Und so war sein Buch „Wie die Malerei verschwand“, das er kurz vor dem vierundneunzigsten Geburtstag zu Ende brachte und zunächst selbst verlegt hatte, weil es seinen langjährigen Verlagen als zu reaktionär erschienen war, denn auch wieder eines über seine von ihm als bedroht empfundene Leidenschaft geworden: Traxlers erster Science Fiction, eine Geschichte über eine Gesellschaft, der durch eine Naturkatastrophe sämtliche gemalten Bilder verloren gehen, die sie nicht zurückgewinnen kann, weil sie das Malen verlernt hat. Traxler lässt die Sache gut ausgehen (oder zumindest offen hoffnungsfroh), aber wir, die wir den Künstler und seine Kunst geliebt haben, werden diese Geschichte nie mehr ohne die Wehmut lesen können, dass es nun schon eine Gegenwart gibt, die ohne Hans Traxler auskommen muss. In der Nacht auf den 24. August ist er siebenundneunzigjährig in Frankfurt gestorben.
Hans Traxler: Zeichner und Karikaturist mit 97 Jahren gestorben
Er begründete die Neue Frankfurter Schule und gab ihr als Emblem den Elch. Seine Karikatur Helmut Kohls als „Birne“ wurde berühmt: zum Tod des Zeichners, Karikaturisten und Schriftstellers Hans Traxler.










