Pro ArtikelDer Krieg in der Ukraine franst aus – und die Gefahr einer militärischen Eskalation zwischen Russland und der Nato wächstRussische Drohnen und Marschflugkörper gelangen immer häufiger in Nato-Gebiet. Aus der Reaktion der Allianz kann Moskau viel lernen.26.08.2026, 10.46 Uhr6 LeseminutenEin rumänisches Kampfflugzeug F-16 vor einem Einsatz auf der Luftwaffenbasis Borcea.Vadim Ghirda / APDie Katastrophe war nicht fern, als vor einigen Tagen eine Seedrohne auf die rumänische Bohrinsel «Neptun Deep» im Schwarzen Meer zufährt. Kampfjets vom Typ F-16 steigen auf und zerstören das mit Sprengstoff beladene unbemannte Boot mit ihren Bordkanonen wenige hundert Meter vor der Gasförderplattform. Die Regierung in Bukarest spricht anschliessend von einer «Eskalation solcher verantwortungslosen Zwischenfälle durch Russland».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Einige Tage vorher dringt ein mutmasslich ebenfalls russisches Fluggerät in den Luftraum Rumäniens ein. Eine spanische F-18, die dort im Nato-Auftrag stationiert ist, schiesst das unbemannte Flugzeug ab. Das sind zwei Beispiele von mehreren Zwischenfällen mit Drohnen in der Luft und zur See in der jüngsten Zeit.Ein Nato-Staat, der offiziell nicht am Krieg in der Ukraine beteiligt ist, muss mehrfach zu seiner Verteidigung Kampfjets einsetzen und Drohnen abschiessen. Rumänien ist kein Einzelfall: Ende Juli explodierte ein russischer Marschflugkörper KH-101 auf polnischem Gebiet. Wenige Tage später schiesst ein italienischer Kampfjet über Lettland eine Drohne ab. Später stellte sich heraus, dass es sich um eine ukrainische Drohne handelte, die Russland vom Kurs abgebracht hat.Eine Seedrohne wie diese soll dem rumänischen Verteidigungsministerium gemäss von einem F-16-Jet zerstört worden sein, als sie sich vor kurzem mit Sprengstoff beladen in Richtung der Gasförderplattform «Neptun Deep» im Schwarzen Meer bewegte.Radu Miruta via Facebook / HandoutDiese auffällige Häufung militärischer Zwischenfälle entlang der Nato-Ostflanke in den vergangenen Wochen wirft eine Frage auf: Was passiert hier gerade an den Rändern des Krieges in der Ukraine?Der Krieg greift in das Gebiet der Nato hineinSeit der russischen Invasion im Februar 2022 greift der Krieg nicht nur in hybrider Weise, sondern zunehmend physisch in das Gebiet der westlichen Militärallianz hinein. Zunächst handelte es sich um «Spillover»-Aktionen, also um ein unbeabsichtigtes Überschwappen der militärischen Handlungen. Später registrierte die Nato wiederholte und offenkundig bewusste Verletzungen ihres Luftraums durch Russland, reagierte darauf aber ohne den Einsatz eigener Waffen.Seit dem Vorjahr aber erwidert die Allianz diese Provokationen immer öfter mit Waffengewalt. Das heisst nicht, dass Russland die Nato inzwischen direkt angreift. Aber die Lage an der Ostflanke hat sich still und leise verändert. Es ist eine Entwicklung, die komplex ist und gerade deshalb auch Eskalationspotenzial birgt.Die Nato-Ostflanke ist nicht Front, aber auch kein klassisches Friedensgebiet mehr. Dort operieren inzwischen russische Raketen, Drohnen und Marschflugkörper, aber auch ukrainische Drohnen. Dort stören russische Dienste und Militäreinheiten den Funkverkehr, sie manipulieren GPS-Signale und hacken Computernetze. Gleichzeitig hat sich die Nato gewappnet: Radare, Awacs-Flugzeuge, Kampfjets wie F-16, F-18, F-35 und andere Abfangjäger, bodengebundene Luftverteidigung und auf beiden Seiten zunehmend unbemannte Systeme auf See.Der Begriff «hybrider Krieg», der für Russlands Agieren gegen die Nato bisher gebraucht wurde, greift inzwischen zu kurz. Die militärischen Räume des Krieges in der Ukraine und der Nato beginnen sich an ihren Rändern zu überlagern.Das zeigt das Beispiel Rumäniens. Das Land ist besonders exponiert. Nahe der Grenze befinden sich ukrainische Häfen sowie wichtige Infrastruktur für Energieversorgung und Seehandel.Russland lernt aus den Angriffen in der GrauzoneDie Vernichtung einer sprengstoffbeladenen mutmasslich russischen Seedrohne nahe dem Gasfeld «Neptun Deep» im Schwarzen Meer zeigt die Grauzonen auf, in denen das Geschehen spielt. Handelte es sich um einen Angriff oder um eine fehlgeleitete Waffe, die gegen die Ukraine gerichtet war?Nicht jede russische Grenzüberschreitung ist ein gezielter Angriff auf die Nato. Aber Russland lernt aus all diesen Vorfällen. So sieht es auch das International Institute for Strategic Studies (IISS), eine Denkfabrik für Sicherheitspolitik in London.In einer kürzlich veröffentlichten Studie berichtet das Institut von einer koordinierten russischen Drohnen-Kampagne, die seit einiger Zeit über Europa stattfindet. Es sieht darin den Versuch Moskaus, die Luftverteidigung und die politischen Reaktionsschwellen der Nato zu testen. Diese Logik bezeichnen die Autoren der Studie als «Reconnaissance by battle». Das heisst: Um herauszufinden, wie ein gegnerisches System funktioniert, zwingt man es zur Reaktion.Wie das funktioniert, zeigt das Beispiel vom massiven Einflug russischer Drohnen auf das Gebiet Polens im September 2025. Damals aktivierte die Nato polnische F-16, niederländische F-35 und italienische Awacs- sowie Tankflugzeuge. Das habe Russland, so die IISS-Autoren, wertvolle Erkenntnisse über Reaktionszeiten, Führungsverfahren, Radarreichweiten, Abfangkorridore und Verhaltensregeln der Nato-Kräfte verschafft.Ein Awacs-Aufklärungsflugzeug der Nato Ende Juli über der Lielvarde Air Base in Lettland.Valda Kalnina / EPASolche Aktionen sind aus der Zeit des Kalten Krieges bekannt, allerdings andersherum. Damals flogen US-Flugzeuge dicht an die Grenzen der Sowjetunion und ihrer Verbündeten heran, teilweise drangen sie auch in ihren Luftraum ein. Die Sowjets sahen sich gezwungen, ihre Frühwarn- und Feuerleitradare einzuschalten sowie Abfangjäger starten zu lassen.Russland sammelt wertvolle InformationenAnders als damals sind dafür heute keine speziellen Aufklärungsflugzeuge mehr nötig. Es genügt eine Drohne. Sie muss nichts zerstören, um einen militärischen Nutzen zu erzeugen. Es genügt, dass sie die Nato zwingt, ihre Radare einzuschalten, Kampfjets zu starten und Reaktionsmuster offenzulegen. Auf diese Weise verschaffen sich die Russen wertvolle Informationen.Das ist wichtig für mögliche Angriffsplanungen. Welche Sensoren erfassen welches Ziel? Wann werden Abfangjäger alarmiert und wie lange brauchen sie bis zum Einsatzort? Wer erteilt die Feuerfreigabe? Welche Waffen verwendet die Nato gegen billige Drohnen? Und an welchem Punkt entscheidet sie sich gegen einen Abschuss?Was Russland gerade an der Ostflanke betreibt, das ist Aufklärung durch Interaktion.Doch auch die Nato lernt. Seit gut zehn Jahren, seit der Krim-Annexion durch Russland, überwacht sie intensiv den Luftraum an ihrer Ostflanke. Erst verstärkte sie nur ihre Kräfte und beobachtete die russischen Flugzeuge. Dann verfolgte sie den Gegner, schoss aber nicht. Inzwischen zerstört sie Drohnen und Marschflugkörper.Die Nato hat in der Luft, zu Land und auf See einen zusammenhängenden Verteidigungsraum an der Ostflanke geschaffen. Nun entsteht ein Wettbewerb, wer schneller aus den Erfahrungen lernt. Russland testet die Nato. Die Nato passt sich an. Russland beobachtet diese Anpassung und passt wiederum seine eigenen Verfahren an.Das Risiko für Fehler steigtDas ist etwas anderes als die klassische Abschreckung aus der Zeit des Kalten Krieges. Damals blieben beide Seiten meist weit voneinander entfernt. Heute testen, stören und beobachten sie sich aus der Nähe und ohne Unterlass. Das birgt Risiken.Je häufiger Nato-Kampfjets starten und je häufiger sie Waffen einsetzen, desto häufiger gibt es direkte militärische Begegnungen zwischen Nato-Systemen und russischen Fluggeräten aus einem Krieg, an dem die Allianz offiziell nicht beteiligt ist. Der lettische Fall vom 14. August dieses Jahres zeigt, wie kompliziert das Verhältnis geworden ist.Ein italienischer Kampfjet schiesst eine Drohne ab. Erst später erweist sich, dass es ein ukrainisches Fluggerät war. Lettland äussert einige Tage später die Vermutung, Russland habe die Drohne manipuliert.Zu Beginn des Krieges in der Ukraine hatte die Nato meist Zeit, um abgewogene Entscheidungen treffen zu können. Nun entsteht immer häufiger eine zeitliche Asymmetrie. Die Allianz sieht sich gezwungen, schnell zu reagieren.Je mehr der Krieg in der Ukraine geografisch ausfranst, desto mehr Möglichkeiten entstehen für Fehlinterpretationen, technische Fehler und politische Missverständnisse. Im Nato-Hauptquartier in Brüssel heisst es, es gebe nach wie vor belastbare und direkte Kontakte nach Russland für Vorfälle, die eine gefährliche Eskalation nach sich ziehen könnten.Dieses Bild veröffentlichte das rumänische Verteidigungsministerium. Es soll zeigen, wie Ende Juni die Überreste einer russischen Drohne vernichtet werden, die auf dem Gebiet des Nato-Landes niedergegangen waren.Romanian Defence Ministry / HandoutDoch solche Vorkehrungen entsprechen eher der klassischen Eskalationslogik. Die Frage lautet, ob solche Direktleitungen noch wirksam sind, wenn autonome unbemannte Systeme aufeinander treffen. Ihre Zahl wächst auf beiden Seiten seit Jahren kontinuierlich.Die eigentliche Eskalationsgefahr besteht deshalb momentan nicht darin, dass Russland beschliesst, den Krieg auf die Nato auszuweiten. Sie besteht eher darin, dass sich Russland und die Nato an den Rändern dieses Krieges immer häufiger militärisch begegnen.Passend zum Artikel