KommentarMit Sportrobotern will China seine Überlegenheit inszenieren. Das mag unterhaltsam sein, darf uns aber nicht zu Fehlschlüssen verleitenAn den World Humanoid Robot Games pulverisieren Roboter die Sportrekorde von Menschen. Aber das Spektakel ist eine reine Zirkusnummer. Echter technologischer Fortschritt schafft Produkte, die unser Leben verbessern.26.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDieser Roboter mag kickboxen können. Eine Orange schälen übersteigt aber seine Fähigkeiten. World Humanoid Robot Games in Peking, China, 24. August 2026.Kevin Frayer / GettyDieser Tage erreichen uns beeindruckende Bilder aus Peking: An den World Humanoid Robot Games treten Roboter auf, die schneller laufen und höher springen können als alle Menschen der Welt. Und Roboter, die Fussball, Tennis, Tischtennis und Seilziehen spielen, die Gewichte heben, turnen, boxen, tanzen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Spiele sind durch und durch ein Event des chinesischen Staats. Er ist nicht bloss Sponsor, sondern Initiator, Organisator und Geldgeber. Was er mit der Veranstaltung bezweckt, ist offensichtlich: Er will der eigenen Bevölkerung und der Weltöffentlichkeit suggerieren, dass China im Technologiewettlauf nicht nur aufholt, sondern ihn anführt.Die Strategie geht auf. Weltweit berichten Medien über die Rekorde. Und auf den sozialen Netzwerken mehren sich Stimmen mit dem Grundtenor: Schaut her, was die Chinesen können. Nun ist der Westen definitiv abgehängt.Doch dieser Schluss ist falsch. Denn in der Robotik gilt: Vieles, was für uns Menschen schwierig ist, ist für Roboter eher einfach. Zum Beispiel sehr schnell rennen. Oder hoch springen.Allerdings ist es absurd, die Leistung eines Roboters mit der Leistung eines Menschen zu vergleichen. Schliesslich kann man die Beine der Roboter um ein paar Zentimeter verlängern, dann können sie schneller rennen.Ausserdem gibt es schon seit Jahrzehnten Maschinen, die schneller sind als der Mensch: Autos zum Beispiel. Die humanoide Form ist für Roboter in echten Einsatzgebieten oft ein Nachteil. Warum soll man einen Roboter auf zwei wackelige Beine stellen, wenn doch Räder oder Raupen viel besser geeignet wären?Roboter sind noch FachidiotenDie beeindruckenden Sportvideos verleiten zu einem weiteren Fehlschluss. Weil es für uns Menschen schwierig ist, aus dem Stand über zwei Meter hoch zu springen, haben wir den Eindruck: Ein Roboter, der das schafft, müsse auch Tätigkeiten erledigen können, die für uns Menschen kinderleicht sind.Das stimmt aber nicht. Roboter können keinen eingetrockneten Fleck Ketchup vom Tisch wischen. Sie schaffen es nicht, einem dementen Patienten die richtige Zahl Pillen aus den Verpackungen zu drücken. Und sie können keine Einkäufe im Kühlschrank verstauen.Herstellerfirmen gelingt es zwar, Roboter zu bauen, die eine einzelne solche Aufgabe einigermassen zuverlässig meistern. Aber einen Allrounder-Roboter, der alle drei Aufgaben erledigen könnte, gibt es nicht. Den Maschinen fehlt die Geschicklichkeit und das Verständnis für die Welt. Sie müssen erst noch lernen, dass eine heisse Pfanne nicht auf Plastiktellern abgestellt gehört. Dass schmutziges Geschirr in den Geschirrspüler soll, ein schmutziges Smartphone aber nicht. Dass ein Papierschnipsel am Boden entsorgt werden kann, ein Geldschein aber keinesfalls.In den Bereichen, auf die es in der Robotikforschung eigentlich ankommt, lässt China an den World Humanoid Robot Games keine Durchbrüche erkennen. Zwar messen sich die Roboter auch in Alltagsaufgaben. Aber die vorgeführten Roboter lassen Experten kalt: Es gelingt den Robotern nur, ein Dutzend kleine Kartonschachteln in eine grosse Kartonschachtel zu packen, wenn sie Hände haben, die genau für diese eine Anwendung mit einem Saugnapf und einer Vakuumpumpe ausgestattet wurden.Das macht die chinesischen Sportroboter zu technologischen Zirkusnummern. Sie können rennen, aber nicht anhalten. Sie können springen, aber keine Kiste greifen. Sie können boxen, aber keine Orange schälen.Erinnert an eine Armee. Der chinesische Staat inszeniert seine Stärke. World Humanoid Robot Games in Peking, China, 22. August 2026.Kevin Frayer / GettyEin realistischer Blick auf die Spiele ist nun entscheidend. Er schützt uns vor dem Glauben, das Spektakel sei mit anwendbarem technologischem Fortschritt gleichzusetzen.Echter technologischer Fortschritt entsteht aus unternehmerischer Initiative, nicht aus staatlicher Planung. Er zielt auf die Lösung konkreter Probleme ab. Er schafft Produkte, die unser Leben verbessern – nicht Roboter, die nach dem Überqueren der Ziellinie am Boden zerschellen.All die Trümmer an den Rändern der Laufbahnen sind ein Symbol dafür, dass China gewillt ist, Ressourcen über ihre Belastungsgrenze hinaus zu nutzen, ein Spektakel zu inszenieren, nur um das Bild der Überlegenheit zu projizieren. Davon dürfen wir uns nicht blenden lassen.Passend zum Artikel