Fussball, Sprint, Tischtennis: Bei der Weltmeisterschaft für humanoide Roboter demonstriert China technologische StärkeDie Wettkämpfe in Peking sind nicht nur ein Sportereignis. China will der Welt zeigen, wie Mensch und Roboter künftig Seite an Seite leben könnten.24.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenDer Schlussspurt im 400-Meter-Rennen der WM für humanoide Roboter in Peking.Kevin Frayer / GettyAls sich die vier Finalisten für das letzte Rennen über 400 Meter bereitmachen, tauchen Hunderte blinkender Scheinwerfer das Pekinger Stadion in eisblaues Licht. Eine Kaskade von Trommelwirbeln zieht durch das weite Rund. Dann verliest der Stadionsprecher die Namen der vier Sprinter.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Wenige Sekunden später fällt der Startschuss, die vier Finalisten sprinten los. Doch nicht Menschen treten hier gegeneinander an. Die Finalteilnehmer sind Maschinen in Menschengestalt – humanoide Roboter. Drei der 125 Zentimeter grossen Gestalten sind aus weissem Kunststoff gebaut, der vierte ist silberfarben.Die Bewegungen der Finalteilnehmer wirken etwas hastiger als bei Menschen. Bei ihrem Sprint gehen die kurzen Arme der Roboter auf und ab. Der Roboter, dem die Organisatoren den Namen Gao Fengjie gegeben haben, kommt schliesslich mit ansehnlichem Abstand als Erster ins Ziel – die Stadionuhr zeigt die Zeit des Gewinners an: 44,79 Sekunden. Der Weltrekord liegt bei 43,03 Sekunden.Die 125 Zentimeter grossen Gestalten rennen um den Sieg im 400-Meter-Rennen.Lintao Zhang / GettyNicht nur UnterhaltungHumanoide Roboter erbringen Leistungen, die nah an diejenigen von Menschen herankommen. Das will China der Welt an den Wettkämpfen zeigen, die derzeit in Peking über die Bühne gehen. Noch bis Mittwoch werden sich 666 Mannschaften aus sechzehn Ländern in zahlreichen Sportarten messen. Der Sprint, Gewichtheben und Tischtennis gehören genauso dazu wie Fussball und die chinesische Sportart Tai-Chi.Es ist das zweite Mal nach 2025, dass China die Weltmeisterschaft für humanoide Roboter abhält. Das Teilnehmerfeld ist dieses Mal indes fast doppelt so gross wie im vergangenen Jahr. Das Staatsunternehmen Beiao, das schon die Olympischen Winterspiele 2022 organisierte, will mit dem Sportereignis jedoch nicht nur das Publikum unterhalten.Mit einem K.-o.-Schlag erledigt: humanoide Roboter im Boxring.Achmad Ibrahim / APMit der WM sendet die chinesische Regierung auch eine politische Botschaft: China will der Welt seine technologischen Erfolge präsentieren und dem Publikum demonstrieren, wie wir in Zukunft leben werden: mit humanoiden Robotern als Krankenpfleger, als Kellner oder als Handlanger in Fabriken.Die Pekinger kommen in Massen. Vor den Eingängen des Stadions verkaufen humanoide Roboter, assistiert von echten Menschen, Glace, Tofu und gebratene Nudeln. An einem der Stände gibt es Hamburger und Bier vom Fass. Dazwischen drängen sich die Neugierigen.Auch an der Weltmeisterschaft für humanoide Roboter gibt es eine klassische Eröffnungszeremonie. Danach treten die Maschinen in 51 Disziplinen gegeneinander an – wie Boxen, Tennis oder Sprint.Quelle: ReutersNicht ganz TrittsicherEine junge Pekingerin, die sich mit englischem Namen Michelle nennt, steht mit ihrem sechsjährigen Sohn Andy vor dem Nudelstand. Chinas technologischer Fortschritt erfüllt sie mit Stolz. «Wir sind noch nicht so gut wie die USA», räumt Michelle ein, «aber sehr nahe dran.» Tatsächlich haben sich die technischen Leistungen der Roboter im Vergleich zum vergangenen Jahr deutlich verbessert. Damals stolperten die Maschinen in Menschengestalt noch massenweise durch das Stadion, manche fielen beim Sprint auf die Laufbahn.Nachdem das Finale im Sprint über 400 Meter an den diesjährigen Wettkämpfen zu Ende geht, zeigt ein Roboter mit grüner Aussenhaut seine Künste im Tai-Chi, einer chinesischen Sportart, die Athletik mit meditativen Komponenten verbindet. Die Arme der Maschine vollführen elegant kreisende Bewegungen. Das Bein zieht der Roboter so an, dass das Knie fast die Brust berührt. Nur das Auftreten gelingt ihm nicht immer perfekt. Der Fuss berührt im Abstand eines Bruchteils einer Sekunde zweimal den Boden.Ein Roboter versucht sich in Tai-Chi.Andres Martinez Casares / EPAIn den Pausen zwischen den Wettkämpfen laufen auf grossen Bildschirmen Filme, die zeigen sollen, was die Roboter können. Ein metallener Arm greift zum Beispiel einen Baozi, eine mit Fleisch gefüllte Teigtasche, die bei Chinesen zum Frühstück beliebt ist. Der Arm legt den Kloss in einen Mikrowellenherd, schliesst die Tür und programmiert die Zeit.Fehlende motorische FähigkeitenDanach entnimmt der Roboterarm den Kloss der Mikrowelle und legt ihn auf ein Tablett. Das ist einigermassen beeindruckend. Allerdings kann der Roboter noch nicht einen Baozi «bauen», wie es auf Chinesisch heisst: den Teigfladen mit Hackfleisch belegen und anschliessend daraus einen fast kugelförmigen Kloss formen. Dazu reichen selbst die motorischen Fähigkeiten der modernsten humanoiden Roboter vorderhand nicht aus.Die begrenzten Fähigkeiten der Maschinen in Menschengestalt zeigen sich auch beim Fussball. Während des Finals im 400-Meter-Sprint bereiten Ingenieure die Spieler bereits für das Duell zwischen China und Brasilien vor. Die 190 Zentimeter grossen Roboter liegen auf dem Feld aus Kunstrasen. Techniker haben ihre Laptops an die Maschinen angeschlossen und bearbeiten die Tastaturen.Dann stellen sie die Roboter an den Spielfeldrand. Brasilien trägt Blau, China Rot. Jedes Team hat fünf Spieler, es werden zwei Halbzeiten von je fünfzehn Minuten gespielt.Behäbige FussballspielerDie Spieler aus Metall und Kunststoff bewegen sich auffallend behäbig. Nicht immer scheinen sie den Ball im Blick zu haben. Manche Roboter laufen an den Spielfeldrand, obwohl sich der Ball im Mittelkreis befindet. Als ein roter Roboter leicht gegen den Ball tritt, rollt dieser in spitzem Winkel gemächlich ins brasilianische Tor. Das Eins-zu-Null für China sieht eher nach einem Zufall als nach einer gezielten Aktion aus. Trotzdem: Das Publikum jubelt frenetisch.Es fehlt den Robotern ganz augenscheinlich an Koordination. Als einer der chinesischen Spieler leicht einen Teamkollegen touchiert, gehen beide zu Boden. Ein dritter Spieler läuft auf die beiden Fussballer zu und fällt ebenfalls zu Boden.Die Koordination bereitet Mühe: zwei Roboter-Mannschaften beim Fussballmatch.Tingshu Wang / ReutersDrei in Schwarz gekleidete Männer laufen aufs Spielfeld. Sie greifen die drei Roboter und tragen sie über die Aussenlinie. Dann verbinden sie ihre Laptops mit den Spielern. Die Szene belegt Erkenntnisse von Experten: Humanoide Roboter sind noch nicht in der Lage, sich in einem unübersichtlichen Umfeld wie einem Kaufhaus, einem gut besetzten Restaurant oder eben auf einem Fussballplatz mit zehn Spielern zu bewegen.Arbeiten in Restaurants, Spitälern und AltenheimenFührende chinesische Entwickler humanoider Roboter wie Unitree oder Ubtech und die chinesische Regierung glauben fest daran, dass solche Defizite mit der Weiterentwicklung der künstlichen Intelligenz behoben werden. Peking hat die Entwicklung von Maschinen in Menschengestalt denn auch als eine Schlüsselindustrie in seinem neusten Fünfjahresplan festgeschrieben, die Behörden überschütten die Unternehmen mit Geld.Chinas Wirtschaftsplaner sind davon überzeugt, dass humanoide Roboter den Menschen schon bald Arbeiten in Restaurants, Spitälern und Altenheimen, aber auch im Haushalt abnehmen werden.Als Wang Weiyi, der Abgesandte des staatseigenen Veranstalters der Weltmeisterschaft, am Sonntag vor die Medien trat, hielt er eine entsprechende Botschaft für die Öffentlichkeit bereit: «Die diesjährigen Wettkämpfe werden einen Beitrag zur Kommerzialisierung von humanoiden Robotern leisten», sagte Wang. Wichtiger noch: Die Weltmeisterschaft werde die Menschen mental auf eine künftige Koexistenz von Mensch und Roboter vorbereiten.Michelle, die Pekingerin mit dem englischen Namen, ist sich nicht sicher, ob sie das wirklich will. «Ich weiss nicht, ob ich möchte, dass ein Roboter meine Wohnung putzt», sagt Michelle. Vielleicht sei das etwas für die nächste Generation, sagt die junge Frau und streicht ihrem Sohn über den Kopf.Kickboxen für humanoide Roboter: Die WM in Peking stösst auf grosses Medieninteresse.Kevin Frayer / GettyPassend zum Artikel