Die Szene, mit der Deutschland dieses Jahr versuchen wird, in Hollywood auf sich aufmerksam zu machen, bei der Oscar-Verleihung in der Kategorie „Bester internationaler Film“, ist aus weiter Ferne gefilmt. Zwei Teenager unterhalten sich auf dem Dach eines Hochhauses, verträumtes Gerede, Drogen rauschen in ihren Köpfen. Wie toll es wäre, wenn Berlin am Meer wäre. Ob das eine Möwe sei? Dann folgt die Kamera dem Vogel, der natürlich keine Möwe ist, der Morgensonne nach der Partynacht entgegen, die Kamera sucht und verliert ihn, auch die Teenager hat sie aus dem Blick verloren, sie gleitet die Fassade des Hochhauses entlang, scheint sich zu verirren, zu träumen, und plötzlich fällt da ein Körper durchs Bild, verschwindet unten hinter den Büschen.„Everytime“, den German Films, die Auslandsvertretung des deutschen Films, ins Rennen um einen Oscar geschickt hat, ist kein leichter Film. Das Thema – es geht um die trauernde Mutter und die jüngere Schwester des verunglückten Mädchens, um das Bröckeln der Realität angesichts der Sinnlosigkeit des Verlusts – ist eine Herausforderung, ebenso die Art, wie das erzählt wird.Kino:Darf man von diesem Film genervt sein?Die Österreicherin Sandra Wollner ist ein Regietalent, ihre Filme werden von Jurys bejubelt. „Everytime“, über eine trauernde Mutter, ertrinkt allerdings im eigenen Kunstanspruch.Grob drei Viertel des Films funktionieren wie ein mehr oder weniger übliches Familien- und Sozialdrama, mit Birgit Minichmayr in der Hauptrolle. Dann überschreitet der Film die Schwelle zum Traum, verwandelt sich in eine Fantasie von Rückkehr und Zeitlosigkeit, die über dem darunterliegenden Horror liegt wie die Abendsonne über dem nächtlichen Meer. Dann wird auch deutlicher spürbar, dass „Everytime“ ein Film von Sandra Wollner ist.Wollners Filme operieren zwischen Horror und AlltagDie Regisseurin, 1983 in der österreichischen Steiermark geboren, wird seit Beginn ihrer Karriere mit Preisen reichlich bedacht, die Oscar-Einreichung ist dabei womöglich noch nicht einmal der bisherige Höhepunkt. „Everytime“ gewann den prestigeträchtigen Hauptpreis der Sektion „Un Certain Regard“ in Cannes, in der künstlerische Experimente und aufstrebende Regiestimmen ausgezeichnet werden. Wollners Filme operieren im Grenzgebiet von Horror und Alltag, sie säen Zweifel an dem, was die Kamera präsentiert.In „Das unmögliche Bild“, das Wollner noch während ihres Studiums an der Filmakademie Ludwigsburg drehte, führt die Hauptfigur selbst die Kamera, ein Mädchen in den Fünfzigerjahren, das seinen Vater verloren hat, filmt weiter mit dessen Super8. Der Film besteht aus den krisseligen 16-mm-Aufnahmen, er ist ein Home Movie, in dem es spukt, voller Bilder, die gar nicht möglich wären, weil auch das Mädchen selbst darin auftaucht. Als versuche die Kamera auf eigene Faust, hinter die Oberfläche der Bilder zu stoßen, zu den Geheimnissen dieser Familie vorzudringen. Damit gewann Wollner sofort den Preis der deutschen Filmkritik.Regisseurin Sandra Wollner . Gregor Fischer/dpaIhre Abschlussarbeit an der Filmhochschule, „The Trouble with Being Born“ ist noch düsterer. Ein junges Mädchen lebt bei einem Mann in einem Haus am Waldrand, aber etwas stimmt ganz und gar nicht. Das Mädchen ist nicht echt, sie ist ein Android, und die Nähe zwischen ihr und diesem Mann, den sie wie einen Papa anhimmelt, der ihr erlaubt, ganz lang aufzubleiben, hat offenbar etwas mit dessen sexuellen Neigungen zu tun. Einmal spült er am Waschbecken ein herausziehbares Fach zwischen ihren Beinen aus. In ihrem Kopf braut sich etwas zusammen. Wieder wurde Wollner mit Lob und Lorbeer überschüttet, sie gewann unter anderem den Österreichischen Filmpreis für den besten Spielfilm.Das Klischee der vermeintlich typisch österreichischen Lust am Abgründigen wird bisweilen zur Einordnung von Wollners Filmästhetik herangezogen. In „Everytime“ senkt sie sich in eine zunächst sehr geradlinige, zugängliche Geschichte ein. Mal sehen, wie die Academy auf diese Überraschungsportion Austrian Weirdness zum Filmende hin reagieren wird. Den teilweise gar nicht so unähnlich funktionierenden deutschen Beitrag des vergangenen Jahres, „In die Sonne schauen“ von Mascha Schilinski, hat sie übergangen, nachdem dieser ebenfalls in Deutschland und Cannes bejubelt worden war, heftiger sogar. Er schaffte es – in einem überragend starken Jahrgang in der Sektion des besten internationalen Films – nicht in die Endauswahl, die Nominiertenliste.Kino:Ein Film, den man nicht vergisstOscar-Kandidat, Preis der Jury in Cannes: Kein deutscher Film in den vergangenen Jahren kommt mit mehr Vorabehrungen in die Kinos als Mascha Schilinskis Generationendrama „In die Sonne schauen“. Ist der Hype gerechtfertigt?Schilinski und Wollner sind Teil derselben Generation deutschsprachiger Filmemacher, sie haben sogar zusammen studiert. Zu ihren Kommilitonen gehörte auch Timm Kröger, der Regisseur von „Die Theorie von allem“ (2023), Wollners Lebenspartner und Kameramann bei ihren ersten beiden Langfilmen, der Regisseur und Drehbuchautor Roderick Warich, die Produzentin Viktoria Stolpe und der Kamermann Fabian Gamper. Die Mitglieder dieser Gruppe haben mehrfach überkreuz miteinander gearbeitet. Der Spiegel ging so weit, „die Ludwigsburger“ zu vergleichen mit der „Berliner Schule“, einer losen Gruppe um Christian Petzold, Thomas Arslan und Angela Schanelec, die ab den Neunzigern für einen neuen deutschen Autorenfilm stand.Nun kriegen „die Ludwigsburger“ also nach dem vergangenen Jahr eine zweite Chance bei den Oscars.Neben „Everytime“ können außerdem zwei weitere deutsche Beiträge antreten. Die Academy hat nämlich im Frühjahr beschlossen, auch Filme für die Einreichung zuzulassen, die Hauptpreise bei bedeutenden Filmfestivals gewonnen haben. Das trifft in diesem Jahr zu auf „Gelbe Briefe“ von İlker Çatak, den Gewinner des Goldenen Bären bei der Berlinale, und „Von Scham und Geld“ von Visar Morina, der den World Cinema Grand Jury Prize beim Sundance Festival gewonnen hat.