Nahezu jeder Deutsche verbringt einen großen Teil seiner Freizeit im Internet. Dahinter folgt Fernsehen mit 84 Prozent und Musik hören mit 82 Prozent. So geht es aus dem „Freizeit-Monitor“ 2026 hervor, einer repräsentativen Umfrage der Hamburger „Stiftung für Zukunftsfragen“. Für die seit vierzig Jahren regelmäßig durchgeführte Untersuchung wurden im Juli und August dieses Jahres mehr als 3000 Bundesbürger ab 18 Jahren zu rund 100 unterschiedlichen Freizeitaktivitäten befragt.81 Prozent der Befragten gaben an, dass sie am Smartphone spielen, surfen oder Nachrichten austauschen. Zeit am Computer, Laptop oder Tablet verbringen 76 Prozent, wobei deutlich mehr als ein Drittel der Befragten nach eigener Aussage auf verschiedene soziale Medien zurückgreift.Zum Vergleich: 1998 wurde das Internet von lediglich drei Prozent der Bundesbürger wenigstens einmal in der Woche genutzt, so hieß es damals in der Studie. Heute sind es 97 Prozent. „An die Stelle eines einzelnen Leitmediums ist damit eine jederzeit verfügbare digitale Infrastruktur getreten“, so die an der Studie beteiligten Wissenschaftler.Gleichwohl nehmen soziale Interaktionen weiter ab. Freunde zu treffen war und ist die wichtigste soziale Freizeitaktivität, jedoch ist ihr Stellenwert laut der Befragung gesunken. Im Jahr 1986 waren 37 Prozent regelmäßig mit Freunden unterwegs, 2003 sogar 41 Prozent. Heute liegt der Wert bei 19 Prozent. Die „klassische Geselligkeit“ verliere damit an Reichweite, während soziale Kontakte stärker in individuell planbare und digitale Formen übergehen würden.„Es ist nicht überraschend, dass die digitalen Medien in unserer Freizeit so dominant sind“, sagt Ulrich Reinhardt, wissenschaftlicher Leiter der „Stiftung für Zukunftsfragen“, bei der Vorstellung des Berichts am Dienstagmorgen. „Die Attraktivität dieser Angebote liegt in ihrer Flexibilität: Sie fügen sich mühelos in den Tagesablauf ein und entsprechen dem Wunsch nach Selbstbestimmung und Bequemlichkeit.“Dennoch sei Freizeit weit mehr als „bloße Medienzeit“. Laut der Befragung gehören für die Mehrheit der Bürger das Nachgehen der eigenen Gedanken, Gespräche über wichtige Dinge, gemeinsame Zeit mit dem Partner sowie das bloße Faulenzen zu ihrem Wochenrhythmus. Auch Spaziergänge, Aufenthalte in der Natur und sportliche Betätigung zählen dazu. Reinhardt zufolge bewegt sich der Freizeitalltag der Bundesbürger somit im Spannungsfeld dreier Pole: „Erstens der ständigen Verfügbarkeit von Medien, zweitens dem Bedürfnis nach Ruhe und Entlastung und drittens der aktiven Beschäftigungen sowie Persönlichkeitsentfaltung.“„Vom Lagerfeuer hin zum Livestream“Sport hat im Zeitverlauf deutlich an Bedeutung gewonnen: 1986 trieb nicht einmal jeder Fünfte einmal pro Woche Sport. Heute ist mehr als die Hälfte der Bevölkerung regelmäßig sportlich aktiv (53 Prozent), so die Studie. Sport stehe damit stellvertretend für einen Wandel hin zu mehr Aktivität, Selbstfürsorge und körperlichem Ausgleich, folgert Reinhardt.Im Zehnjahresvergleich (2016 zu 2026) zeigt sich eine Entwicklung, die Reinhardt auf die Formel bringt: „Vom Lagerfeuer hin zum Livestream.“ Es wird weniger telefoniert (mobil und von zu Hause aus; jeweils von 80 auf 61 Prozent sowie von 90 auf 64 Prozent), weniger Zeitung gelesen (von 72 auf 36 Prozent) und weniger Radio gehört (von 90 auf 70 Prozent).Stattdessen würden regenerative Freizeitaktivitäten häufiger ausgeübt. Einen deutlichen Anstieg gebe es beim Faulenzen, Nichtstun oder Chillen (plus 15 Prozentpunkte). Das gilt auch für das Musikhören (plus 30 Prozentpunkte) und Gaming beziehungsweise für Videospiele (plus 24 Prozentpunkte).„Faulenzen statt Badewanne“Außerdem geben die Befragten häufiger an, verschiedenen Aktivitäten nachzugehen, darunter Kaffee trinken, Kuchen essen, ein Buch lesen, Wellnessangebote nutzen und Mittagsschlaf halten. „Faulenzen statt Badewanne“, fasst Reinhardt diese Entwicklung zusammen: „Das sind die kleinen Genussmomente des Alltags, die an Bedeutung gewinnen.“ Zeitlich aufwendigere Aktivitäten hingegen wie das Sich-in-Ruhe-Pflegen – darunter fasst die Studie etwa Hautpflege und Baden – finden seltener statt (minus 25 Prozentpunkte).Im Kulturbereich sei ein ähnlicher Wandel zu beobachten. „Obwohl kulturelle Aktivitäten insgesamt seltener auf dem Programm stehen als der Medienkonsum, verzeichnen erlebnisorientierte Angebote Zuwächse“, heißt es. Demnach besuchen gegenwärtig mehr Bundesbürger wenigstens einmal jährlich Freizeit- und Vergnügungsparks (plus 15 Prozentpunkte), Museen und Kunstausstellungen (plus 15 Prozentpunkte), Zoos und Tierparks (plus 13 Prozentpunkte) sowie Konzerte und Festivals (plus 13 Prozentpunkte), als noch vor zehn Jahren.Allerdings werden Diskotheken (minus 11 Prozentpunkte) und Volksfeste (minus 5 Prozentpunkte) nicht mehr so stark besucht. Reinhardt erklärt das mit einer „veränderten Ausgehkultur“: „Gesucht werden vor allem Freizeitformen, die eine lockere, spontane und eher kurzfristige Nutzung ermöglichen, anstatt an feste Anlässe, längere Abende und gemeinschaftliche Geselligkeit gebunden zu sein.“Schließlich hat die Studie erforscht, wie viel freie Zeit Bürger an einem Werktag für ihre Freizeitgestaltung zur Verfügung haben. Im Jahr 1988 hatten die Bürger rund vier Stunden Freizeit, 2026 sind es 3,56 Stunden täglich. Demnach hat sich das verfügbare Freizeitbudget der Bundesbürger in den vergangenen vierzig Jahren wenig verändert. Seit 1988 würden die Zeitressourcen in einer „Bandbreite von 28 Minuten“ schwanken.Für Ulrich Reinhardt lautet die zentrale Frage, ob das konstant gebliebene Zeitbudget der Bundesbürger auch künftig Bestand haben werde. „Freizeit wird vielfältiger und technisch jederzeit verfügbar, aber nicht automatisch freier und entspannter“, sagt er.