Die Basketballerin Sophie Cunningham war ein Nobody – mit ihrer Rhetorik gegen Trans-Athleten wurde sie über Nacht zum Star der amerikanischen RechtenIn der Frauen-Basketballliga WNBA tobt ein Kulturkampf. Konservative Kreise wehren sich dagegen, dass transsexuelle Athletinnen in der Liga partizipieren können – obwohl das noch nie vorgekommen ist. Die Spiele gleichen in diesen Tagen einem Zirkus.25.08.2026, 12.00 Uhr4 LeseminutenNeues Postergirl der amerikanischen Rechten: die Basketballerin Sophie Cunningham.Justin Casterline / GettySophie Cunningham ist eine sportlich weitgehend irrelevante Basketballerin. 30 ist sie, Shooting Guard bei den Indiana Fever, eine Ergänzungsspielerin. Aber ihr Trikot hat den zweithöchsten Absatz aller Spielerinnen in der nordamerikanischen Women’s National Basketball Association (WNBA). Ihr eigener, im Juli veröffentlichter Schuh war innert Stunden ausverkauft. Sie ist zu einer Art Postergirl der amerikanischen Rechten geworden, der Maga-Bewegung, seit sie vor einigen Wochen in einem ESPN-Interview sagte, man solle «junge Mädchen in den Kabinen» schützen, indem man sie nicht «gegen biologische Männer» antreten lassen sollte.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Trans-Athleten und -Athletinnen sind seit Jahren ein Thema, an welchem sich die Rechte abarbeitet. Die Trump-Regierung hat eine Reihe von Gesetzen erlassen, die Transgender- und nonbinären Menschen etwa verbieten, dem Militär beizutreten. Und sich im Schulsport mit Mädchen zu messen. In der WNBA gibt es keine einzige Trans-Spielerin. Und unter den mehr als 500 000 Athleten im amerikanischen College-Sport existierten weniger als zehn Personen, die sich als trans identifizierten, sagte Charlie Baker, der Präsident der National Collegiate Athletic Association (NCAA).116 Millionen Dollar für Werbespots gegen Trans-AthletenObwohl ihr Anteil an sämtlichen College-Athletinnen lediglich 0,002 Prozent beträgt, wird bei jeder Gelegenheit die Empörungsmaschinerie angeworfen. Auch John Oliver stellte das fest, der britische TV-Showmaster, der sich des Themas in seiner Sendung «Last Week Tonight» im April 2025 ausführlich annahm.Republikaner hätten innerhalb eines Jahres 116 Millionen Dollar für TV-Spots ausgegeben, die von Trans-Athleten handelten. Die Sportwissenschafterin Joanna Harper sagte: «Trans-Frauen vollziehen ihre Transition nicht für den Sport. Niemand hat jemals gesagt: ‹Oh ja, ich glaube, ich wäre gerne eine Frau, damit ich im Frauensport erfolgreich sein kann.› Wenn man eine Geschlechtsangleichung durchläuft, verliert man so vieles im Leben. Meine eigene Mutter sagte, sie wolle nie wieder mit mir sprechen; ich verlor Freunde und Familie, liess mich scheiden . . . Würde man all das auf sich nehmen, nur um eine Medaille zu gewinnen? Nein. Trans-Personen vollziehen die Transition, weil es der einzige Weg für uns ist, ein glückliches Leben zu führen.»Es ist eine Perspektive, die Personen wie Riley Gaines wenig interessiert. Die Schwimmerin wurde 2022 im NCAA-Final über 200 Yards im Freistil Fünfte. Zeitgleich mit der Trans-Athletin Lia Thomas. Der Umstand, dass die Auszeichnung für den fünften Platz an Thomas vor Ort übergeben wurde und Gaines ihre erst nachträglich per Post erhielt, erzürnte sie so sehr, dass sie ihre Schwimmkarriere beendete und sich seither als rechte politische Aktivistin neu erfunden hat. Es ist bis heute nicht ganz klar, was die Ungerechtigkeit sein könnte, die ihr widerfahren ist: Auch ohne die Partizipation von Thomas wäre sie Fünfte geworden.Gaines sass kürzlich bei einem Auftritt von Cunningham demonstrativ in der ersten Reihe. Die Partien der Indiana Fever sind zu Happenings geworden, bei denen der Kulturkampf ungefiltert tobt. Es geht um Deutungshoheit, um das wohlige Gefühl, auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen. Immer wieder kommt es vor den Stadien zu Protesten und Aufmärschen beider ideologischer Lager.Für die WNBA ist das gut fürs Geschäft: Als Indiana am 16. August auf Atlanta traf, erreichte ESPN 2,6 Millionen Zuschauer, so viele wie noch nie in der Geschichte der Liga. Konservative Kreise, deren Interesse an Frauensport zuvor meist noch tiefer war als der gegenwärtige Dollar-Franken-Kurs, entdecken die Liga für sich. Republikanische Politiker beschwerten sich sogar offiziell bei der Liga: Caitlin Clark, Cunninghams populäre Teamkollegin, werde von den Schiedsrichtern zu wenig geschützt. Zum Teil scheint die Fixierung selbst den Leuten im eigenen Lager ungeheuer zu sein. Der TV-Host Jesse Watters sagte auf Fox News: «Wieso reden wir über die WNBA? Niemanden interessiert das.»Selbst Cunningham schien die Aufregung in letzter Zeit zu viel zu sein, neben all der Zustimmung von rechts erhielt sie auch reichlich Gegenwehr und Hassnachrichten. Es solle doch wieder um den Sport gehen, klagte sie zu Monatsbeginn und schaffte es, dabei noch eine Medienschelte einzubauen. Es gehe in der Berichterstattung viel zu selten um das Sportliche, sagte Cunningham, ausgerechnet sie. Die gläubige Christin, die so gerne über alles andere als ihren Sport spricht. Sie unterhält unter anderem einen Podcast, in dem es nicht zuletzt um Pop-Kultur geht.Dildos auf dem Spielfeld – die WM-Pause kommt gerade rechtSie kann zudem nicht zuletzt ihren Unterstützern dafür danken, dass die traditionell progressiv orientierte WNBA in diesen Tagen einem Zirkus gleicht. Der in der Schweiz geborene ehemalige NBA-Profi Enes Kanter Freedom wurde am Wochenende in Chicago aus der Halle geworfen, nachdem er ein T-Shirt mit einer Unterstützungsbotschaft für Cunningham angezogen hatte und sich mit einer Chicago-Spielerin ein Wortgefecht geliefert hatte. Kanter, 34, hat seit seinem Rücktritt eine Schwäche für kontroverse Ansichten und Stunts, die ihm Aufmerksamkeit einbringen. Er identifiziere sich nun auch als Frau und wolle sich für den WNBA-Draft 2027 einschreiben, sagte er kürzlich.Ungefähr auf dem gleichen humoristischen Niveau anzusiedeln sind die Männer, die kürzlich wieder während einer WNBA-Partie Dildos auf das Spielfeld warfen. Es war nicht der erste dieser bizarren Vorfälle, aber dieses Mal geschah es explizit aus Solidarität mit Cunningham.Bis am Sonntag läuft der Meisterschaftsbetrieb noch, dann ist WM-Pause. Die Titelkämpfe finden vom 4. bis 13. September in Berlin statt, Sophie Cunningham wird nicht dabei sein, sie ist nicht einmal in Indiana Stammspielerin. Ihr sehnlicher Wunsch aber, dass es endlich wieder um Basketball gehen soll, dürfte in Deutschland in Erfüllung gehen.Passend zum Artikel