Sie fressen alles weg und verwandeln Trockenmauern in Geröllhalden: Ziegenplage auf CapriEin Staatsanwalt, ein Starregisseur und neunzig Ziegen sind die Hauptdarsteller einer Sommergeschichte, die auf der Trauminsel im Golf von Neapel spielt.25.08.2026, 11.55 Uhr3 LeseminutenZiegen geniessen die Aussicht auf den Golf von Neapel – und fressen die Felsen leer.Alfio Giannotti / Reda&Co / ImagoCapri, der grosse Felsen da draussen im Golf von Neapel, sieht aus der Ferne einem Urviech nicht unähnlich: zwei massige Höcker, eine furchige Oberfläche, Zacken. Ein Riesenfisch aus prähistorischen Zeiten vielleicht? Ein Meeresungeheuer?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Von weniger bedrohlichen, aber besonders hartköpfigen Viechern handelt die Geschichte, die Wanderer und Bewohner dieses mythischen Eilands seit Tagen umtreibt. Es geht um Ziegen, «capre» auf Italienisch. Jene Tiere, deren Präsenz auf der Insel seit der Antike belegt ist und der sie wohl ihren Namen verdankt. Ausgerechnet!Die Klageschrift des StaatsanwaltsAuf dem Monte Solaro, einem der Höcker, der höchsten Erhebung Capris mit fast 600 Metern über Meer, richten sie grossen Schaden an: «Überall sind ihre Spuren deutlich zu erkennen: abgefressene Vegetation, kahl gefressene Sträucher, Ginster, junge Pflanzen, die nicht mehr wachsen können, Trockenmauern, die zu Geröllhalden geworden sind, lockere oder herausgerissene Felsen, die ins Tal rollen könnten», hiess es kürzlich in der Lokalausgabe der «Repubblica».Autor der Klageschrift: Kein Geringerer als der Generalstaatsanwalt von Neapel, Aldo Policastro. Er gilt als einer der besten Experten des Landes im Kampf gegen das organisierte Verbrechen.Diesmal widmete er sich, unter dem Eindruck eines sommerlichen Ausflugs in die am Monte Solaro gelegene Einsiedelei Santa Maria a Cetrella, anderen Delinquenten – Kleinkriminellen, wenn man sich seine sonstige Kundschaft vor Augen führt.«Niemand will diese Tiere verteufeln», schrieb Policastro, «aber wenn ihre Population so stark anwächst, dass das ökologische Gleichgewicht gefährdet wird, muss eine Lösung gefunden werden.» Als Generalstaatsanwalt weiss er: «Das Problem zu ignorieren, ist niemals eine gute Wahl.»In Capri rannte er damit offene Türen ein. Befragt von den Journalisten, die dank Policastro auf das Problem aufmerksam wurden, wies der Bürgermeister von Anacapri, der zuständigen Gemeinde, auf seine langjährigen Bemühungen hin, der Plage Herr zu werden.Capri, wie man es aus den Prospekten kennt: Rechts die berühmten Faraglioni-Felsen, die aus dem weiten Blau herausragen.Hugh Rooney / Eye Ubiquitous / ImagoSchon 2023 habe er angeordnet, die Tiere zu fangen und auf das Festland zu bringen. Doch die Aktion scheiterte am Widerstand von Tierschützern, die Tausende von Unterschriften sammelten, um die Ziegen vor der Verfrachtung ins Exil und der mutmasslichen Verarbeitung zu Ziegenbraten zu schützen.Vergiftung oder Blitzschlag?Für Empörung sorgte damals die Meldung, wonach zur gleichen Zeit 22 tote Ziegen unter einem Baum gefunden wurden. Die Vermutung machte die Runde, die Tiere seien vergiftet worden. Die Nachricht erwies sich später als falsch. Es stellte sich heraus, dass die Ziegen von einem Blitz erschlagen worden waren, als sie während eines Gewitters Schutz unter einem Baum gesucht hatten.Die Sache treibt die Insulaner jedenfalls um. Und einige von ihnen haben einen Schuldigen ausgemacht: Mario Martone, Filmregisseur von Rang, einer der Grossen in Italiens Kinogeschäft, Autor von Kassenschlagern wie dem Historiendrama «Noi credevamo» über das italienische Risorgimento. 2011 erhielt Martone dafür den David di Donatello, den wichtigsten nationalen Filmpreis des Landes.«Die Ziegen von Martone»2018 drehte Martone auf der Insel den Film «Capri-Revolution» über eine junge Ziegenhirtin. Er habe dafür eigens Ziegen einer anderen Rasse nach Capri gebracht, heisst es nun. «Die Ziegen sind 2018 für die Dreharbeiten gekommen und wurden dann zurückgelassen», zitieren die Medien den Bürgermeister von Anacapri.Martone winkt ab. Für den Überbestand und die Gefrässigkeit der Ziegen will er keine Verantwortung tragen: «Bei den Besichtigungen vor den Dreharbeiten waren die Ziegen in Anacapri bereits vorhanden; wenn ihr Bestand gewachsen ist, liegt das sicherlich nicht an den Tieren, die unsere Produktion mitgebracht hat», sagte der Regisseur in der «Repubblica».Sein damaliger Regieassistent präzisiert. Man habe damals 25 Tiere aus dem Cilento, einer Gegend im Süden Kampaniens, nach Capri geführt. «Wir drehten an zwei verschiedenen Drehorten mit zwei Herden, die gleich aussehen mussten», sagte Luca Federico dieser Tage gegenüber den Medien. Aber die Tiere seien im Gehege geblieben und nach Abschluss der Dreharbeiten wieder auf das Festland zurückgebracht worden. «Doch die Legende von den ‹Ziegen von Martone› verbreitet sich schon seit Jahren, und das amüsiert uns ein wenig.»Was also tun? Offenbar denkt man auf der Insel nun über die Sterilisation der Männchen nach. Auch vonseiten der Tierschützer hält man dieses Vorgehen für tauglich.Capri, so viel steht fest, wird sich noch ein Weilchen mit seinen Tieren beschäftigen müssen.Passend zum Artikel