Herr Landrat, Sie haben unlängst gesagt, man sollte einer Regierungsbeteiligung der AfD offen gegenüberstehen. Warum?Aus der Überlegung heraus, dass die Brandmauerdiskussion das eigentliche Thema verschleiert. Die Frage ist: Wäre es gut, wenn im Land andere Mehrheiten entstehen, die die Themen abräumen, derentwegen die AfD überhaupt so stark geworden ist? Migration zum Beispiel. In Dänemark räumt die Sozialdemokratie genau die Themen ab, die hier der AfD überlassen werden. Eine Offenheit gegenüber Koalitionen mit der AfD würde nach meiner Überzeugung auch zu einem neuen Realismus im linken politischen Lager führen.Aber die AfD ist in Teilen rechtsextrem, auch in Mecklenburg-Vorpommern ist das Programm teils völkisch. Zudem diffamiert die Partei die Presse, will den öffentlichen Rundfunk abschaffen. Ist Ihr Wunsch da nicht gefährlich?In der AfD gibt es Rechtsextreme und ganz normale Leute. Der für mich entscheidende Punkt ist längst ein anderer: Wir delegitimieren mit der Bezeichnung „rechtsextrem“ im Osten 40 Prozent der Wähler. Wir sagen diesen Menschen: Du bist zwar Staatsbürger, aber so richtig auch wieder nicht. Wir erfinden Bürger erster und zweiter Klasse – solche, die richtig wählen, und solche, die falsch wählen.Dann sind Sie gegen ein Parteiverbot?Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier hat in seiner Rede zum 9. November 2025 für ein Parteiverbot geworben. Ich halte Steinmeier für einen hochgebildeten, klugen Menschen – aber das finde ich unfassbar. Wer ein Parteiverbot fordert, muss über die Menschen reden, die diese Partei wählen. Keiner wählt die AfD aus Zufall. Und das Grundgesetz sieht keine politisch halbmündigen Bürger vor. Wen würden Sie wählen?Am 20. September 2026 findet die Landtagswahl in Mecklenburg-Vorpommern statt. Vergleichen Sie die Antworten der Parteien mit Ihren Standpunkten. Zum Wahl-O-Mat Stärkt die Brandmauer die AfD aus Ihrer Sicht?Auf jeden Fall. Mein Gag ist immer: Das Schlimmste, was der AfD passieren könnte, wäre, wenn sie die kostenlose Wahlkampfhilfe versteuern müsste, die ihr die anderen Parteien durch ihr Verhalten liefern. Dann wäre sie sofort pleite.Faktisch gibt es die Brandmauer zumindest auf kommunaler Ebene in Mecklenburg-Vorpommern kaum noch. Bei Ihnen im Kreistag hat die CDU kürzlich einem Antrag der AfD zugestimmt, der sich dagegen ausspricht, dass ein Gaskraftwerk aus Lubmin der Ukraine geschenkt wird.Ich erlebe durchaus noch, dass die CDU bei Anträgen der AfD eine klare Abgrenzung sucht. Es ist nicht so, dass man hier ein Herz und eine Seele wäre. Aber ich spüre, dass man irgendwie am Ende eines Weges angekommen ist und nun sagt: So geht es nicht mehr weiter.Wenn man Ihren Landstrich besucht – die Ostseeküste, die renovierten Städte, die gut ausgebauten Straßen –, scheint es den Leuten gar nicht so schlecht zu gehen. Woher kommt die Wut?Die Frage impliziert: Die Leute sind doch satt und gewickelt – ihre politische Orientierung muss also ein Irrtum sein. Ich glaube, das greift zu kurz. Die Vorstellung stimmt nicht, AfD-Wähler seien vor allem einkommensschwache oder bildungsferne Menschen. Das Klischee des ostdeutschen Skinheads war von Anfang an falsch. Die Leute reflektieren, was passiert, und glauben, dass wir in einer politischen Sackgasse stecken. Viele spüren unterschwellig, dass wir vor einem erheblichen wirtschaftlichen Abstieg stehen könnten.Migration ist immer noch ein Thema, das Unmut schürt, dabei kommen sehr viel weniger Menschen nach Deutschland.Migration ist für mich das Thema, das den Menschen zeigt, dass im Land nichts verstanden wurde. Es geht nicht darum, dass Migration hier täglich spürbar wäre – für 90 Prozent der Menschen spielt das im Alltag kaum eine Rolle. Aber es ist der Tacho, der anzeigt, wie abgehoben und lebensfremd Politik sein kann. Wenn Frau Bas sagt, es gebe keine Einwanderung ins Sozialsystem, dann sagen sich die Leute: Die haben doch alle einen an der Klatsche. Die Migrationspolitik ist der Indikator für den Grad des Wahnsinns – und der steht nach wie vor auf Rot.Und die Russlandpolitik? Der schon erwähnte Plan, der Ukraine ein Gaskraftwerk zu schenken, sorgt für viel Unmut in der Region.Ich bin auch dagegen, das zu verschenken. Wir brauchen Redundanz in der Energieversorgung, und wir müssen unsere Versorgungssicherheit absichern. Ich bin grundsätzlich ein Fan der Energiewende. Aber das gleichzeitige Abschalten noch funktionierender Kraftwerke richtet volkswirtschaftlichen Schaden an. Und ich finde unsere außenpolitische Debatte sehr unterkomplex: Westbindung gut, Ostbindung im Zweifel Teufelszeug – das kommt mir hochgradig vereinfacht vor.Viele Menschen im Nordosten sagen, sie fühlen sich nicht gehört. Können Sie das nachvollziehen?Ja, absolut. Und „sich nicht gehört fühlen“ ist noch die abgeschwächte Form. Wir haben seit einigen Jahren einen Zustand erreicht, in dem man zu bestimmten Themen – auch zur Russlandpolitik – persönliche Nachteile riskiert, wenn man eine abweichende Meinung äußert. Gerade wer am Anfang seiner Karriere steht, überlegt sich das sehr genau. Und der frühere DDR-Bürger, der das selbst erlebt hat oder aus der Familie kennt, wie sich das in einer realen Diktatur anfühlt, reagiert darauf sehr sensibel. Das höre ich ständig – und ich empfinde es selbst auch so.Aber stimmt das denn? Ministerpräsidentin Schwesig etwa macht regelmäßig Bürgerdialoge, bei denen jeder sagen kann, was er will.Wenn bei so einer Veranstaltung die Anmoderation gleich mit dem Bekenntnis zu „Vielfalt“ beginnt, dann weiß jeder im Saal, was das bedeutet. Das ist ein Schlüsselbegriff, der signalisiert: Wer eine andere Meinung hat, ist hier eigentlich nicht gemeint. Das sind Gesprächsangebote, die gleichzeitig Ausladungen sind. Die gehen den Dingen, die die Menschen wirklich bewegen, nicht auf den Grund.Sie sind 2023 aus der SPD ausgetreten, hauptsächlich wegen der Migrationspolitik. Aber die hat sich stark gewandelt, die Zahlen sind gesunken – wäre das kein Grund, wieder einzutreten?Nein. Real hat sich nichts geändert. Ich mag der CDU unter Merz unterstellen, dass dort ein echter Wandel gewollt wird – aber die Umsetzung scheitert. Die dänische Sozialdemokratie macht eine Politik, die man hier als „völkisch“ bezeichnen würde. Und sie tut das, weil sie Probleme lösen will. Warum kann das nicht auch die deutsche SPD?Wo würden Sie sich politisch verorten?Ich bin ein glücklicher parteiloser Landrat und leide gleichzeitig total unter dieser furchtbaren Unfähigkeit, Probleme in unserem Land zu lösen. Ich glaube nicht, dass links grundsätzlich tot ist. In so einer Welt möchte ich nicht leben. Aber dieser reine Ideologismus ohne lebenspraktischen Realismus – das funktioniert nicht.
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