Kanadier sind zäh. Das beweist Premierminister Mark Carney im Handelsstreit mit den USAAusgerechnet der ehemalige Banker will Donald Trump zeigen, dass Geld nicht alles ist.25.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Kanada wird die neuen Zölle aus Washington Dollar für Dollar erwidern», sagte Mark Carney.Sammy Kogan / APVielleicht hatte er die Ferien wirklich gebraucht. Dass Mark Carney ausgerechnet Mitte August in Italien weilte, hatte ihm viel Kritik eingebracht. Denn es war klar, dass das von Donald Trump gesetzte Ultimatum für die 50-Prozent-Strafzölle ablaufen würde. In der kritischen Phase der Verhandlungen lag der kanadische Premierminister unter der Sonne der Toskana. Doch er fühlte sich danach offenbar gestärkt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Er kam zurück und wusste genau, was er wollte. Oder nicht wollte. Er verweigerte sich Trump, liess die Gespräche platzen und kündigte Gegenzölle an. Während die Amerikaner kanadische Exporte wie Eishockeyschläger, Möbel und Wein auf die Liste setzen, revanchiert sich Carney mit Milch, Stahl, landwirtschaftlicher Ausrüstung oder Elektrogeräten.«Kanada wird die neuen Zölle aus Washington Dollar für Dollar erwidern», sagte er. Es gelte, die eigenen Landwirte, Familien und Unternehmen vor amerikanischen Gängeleien zu schützen. Denn die von Trump vorgelegten Bedingungen hätten «die Zuverlässigkeit eines jeden Abkommens infrage gestellt».Oder wie es Ontarios Premier Doug Ford, ein Konservativer, formulierte: «Präsident Trump ist die Art von Person, die dir am ersten Tag das Geld fürs Mittagessen stiehlt. Er stiehlt dir am zweiten Tag die Mütze vom Kopf und am dritten Tag die Laufschuhe.» Ihm sei nicht zu trauen, sagte Ford, und so denkt auch Carney. So denken die meisten Kanadier.Die Kanadier haben Trump sattIn einer Umfrage des Angus-Reid-Instituts gaben mehr als 75 Prozent an, dass der Premierminister zu Recht stur geblieben sei. Schon im Vorfeld hatte eine Mehrheit erklärt, dass sie amerikanische Produkte fortan meiden würde, egal wie die Verhandlungen ausgingen. Die Kanadier, kurzum, haben Trump satt.Was Wunder, denn seit James Madison, der im frühen 19. Jahrhundert mehrere Invasionen gestartet habe, sei kein amerikanischer Präsident so antikanadisch eingestellt gewesen, schreibt die «National Review». Trumps ständige Invektiven, Kanada zum 51. Gliedstaat der USA machen zu wollen, spielten Carney zu – wenngleich sie hohles Gerede waren.Wieso auch sollte sich der Republikaner einen zusätzlichen Gliedstaat, der gewiss demokratisch ticken würde, aneignen wollen? Gleichzeitig ist klar, dass Kanada im Handelsstreit am kürzeren Hebel sitzt. «Wir brauchen nichts, was Kanada hat», sagte Trump, «aber sie brauchen alles, was wir haben.»Das stimmt so natürlich nicht ganz. Bourbon, zum Beispiel, brauchen die Kanadier offenkundig nicht. Ein bereits im März 2025 in Kraft getretenes Verbot von in den USA hergestelltem Whiskey wird schon als «Kanadas Strasse von Hormuz» bezeichnet: ein kleiner Würgepunkt, der den Amerikanern wirtschaftliche Schmerzen zufügt.Doch die Bourbon-Abstinenz bietet nur einen Vorgeschmack darauf, wonach Carney dürstet. Er verspricht, das amerikanisch-kanadische Kräfteverhältnis neu auszutarieren. Kanadas wirtschaftliche Beziehungen zu den USA seien eine «Schwäche, die wir korrigieren müssen», sagte er in einer Ansprache im Juni.Carneys politischer Aufstieg war rasant. Die Aufnahme zeigt ihn mit seiner Frau Diana Fox Carney während des Wahlkampfs 2025.Carlos Osorio / ReutersDer grosse Auftritt am WEFNachdem er im März 2025 den Vorsitz der Liberalen Partei sowie das Amt des Regierungschefs von Justin Trudeau übernommen hat, betont Carney mantraartig die kanadische Souveränität. Der ehemalige Zentralbanker, der vor seinem rasanten Aufstieg nie ein politisches Amt innegehabt hat, treibt die ökonomische, aber auch die sicherheitspolitische Unabhängigkeit von den Vereinigten Staaten voran.Freilich ist er kein isolationistischer Nationalkonservativer. Seine geopolitische Richtschnur hatte er am vergangenen Weltwirtschaftsforum (WEF) in Davos ausgelegt, als er sich an Trump abarbeitete, ohne ihn überhaupt beim Namen zu nennen. In einer Welt, in der «die Starken tun können, was sie können, und die Schwachen erleiden, was sie erleiden müssen», gelte es, sich unter Gleichgesinnten zu verbünden, sagte er. «Wenn wir nicht mit am Tisch sitzen, stehen wir auf der Speisekarte.»Die Rede ging viral. Der Weltbürger mit dem kanadischen, dem irischen und dem britischen Pass hatte «Trump die Stirn geboten», wie der britische «Guardian» jubilierte. Aber nicht erst in der Schweiz, schon zuvor hatte er sich wiederholt gegen das amerikanische Grossmachtgebaren aufgebäumt. Kein Abkommen sei besser als ein schlechtes, sagte er immer wieder. «Wir werden keiner Nation erlauben, unsere Zukunft zu bestimmen», so erklärte er auch nach den gescheiterten Verhandlungen am Freitag.«Freitag, der 21. August, könnte als Kanadas Tag der Befreiung in die Geschichte eingehen», schrieb der kanadische Autor Stephen Marche in der «New York Times»: «Es war der Tag, an dem uns Amerika holen wollte, und wir sagten Nein.»Geprägt durch die WildnisFür Marche kommt in Carneys Standfestigkeit eine kanadische Eigenart zum Ausdruck. Amerikaner, so meint er, würden mit Vorliebe Macht projizieren und gewinnen. «In Kanada ist die bestimmende Tugend die Zähigkeit.»Schon die «Coureurs des bois», jene französischen Pelzhändler, die mit Kanus in den unwirtlichen Norden vordrangen, hätten sich an der Fähigkeit gemessen, inmitten der rauen Wildnis mit dem Nötigsten zu überleben. Diese Mentalität mache sich nun auch in der Abfuhr, die Carney Trump erteilt habe, bemerkbar.Dinge zu ertragen, sei typisch kanadisch. Carneys Geste des Widerstands werde aber weit über die Landesgrenzen hinaus nachhallen, schreibt Marche. Denn ausgerechnet ein «ergrauter Banker» habe sich erhoben und klargemacht, dass es mehr im Leben gebe als ein bisschen Geld. «Trumps Welt – eine Welt der Transaktionen und der Unterwerfung – ist nicht die einzige Welt, in der wir alle leben müssen.»Während Mark Carney, gut erholt aus den Ferien, für den strapaziösen Kampf gegen Trump gewappnet scheint, muss sich aber noch weisen, wie lange die kanadische Bevölkerung bereit ist, wirtschaftliche Nöte zu ertragen.Passend zum Artikel