Pro ArtikelStrategie gegen Russland: Wie Polen sein Volk wehrhaft macht – und was die Schweiz daraus lernen kannNicht nur die Armee, die gesamte Gesellschaft soll der Bedrohung aus Russland trotzen können: Polen bereitet seine Zivilbevölkerung systematisch auf den Ernstfall vor. Eine neue Studie empfiehlt das Modell zur Nachahmung.25.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Train with the army»: Das polnische Militär bietet Zivilisten eintägige Militärtrainings an.Omar Marques / GettyPolen ist eines jener Länder, die exponiert an der Ostflanke der Nato liegen. Der Krieg im Nachbarland gehört hier zum Alltag: Russische Drohnen und Militärflugzeuge dringen in den Luftraum ein, gezielte Desinformation heizt politische Spannungen an, und selbst vor Sabotageakten auf das Schienennetz Richtung Ukraine schreckt der Kreml nicht zurück.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Warschaus Antwort auf die russische Aggression heisst Aufrüstung im grossen Stil. Gemessen an der Wirtschaftsleistung, gibt kein europäisches Land so viel für seine Armee aus wie Polen: über vier Prozent des Bruttoinlandprodukts – mehr als die USA.Doch der Aufrüstungsschub beschränkt sich nicht auf Milliardenkredite für die Armee, wie eine Untersuchung des geo- und sicherheitspolitischen Think-Tanks Swiss Institute for Global Affairs zeigt.Militärische Grundkurse für JugendlichePolen begreife Sicherheit als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Staat und Private versuchten gemeinsam, das Krisenbewusstsein der Bevölkerung und die Wehrhaftigkeit jedes Einzelnen zu stärken. Bis nächstes Jahr will die Regierung beispielsweise rund 400 000 Bürgerinnen und Bürger in grundlegenden Verteidigungs- und Krisenreaktionsfähigkeiten schulen. Soldaten unterrichten an Schulen Notfallvorsorge oder das Verhalten bei Luftalarm. Jugendliche können ihre Ferien in militärischen Grundkursen verbringen; seit letztem Jahr ist für Oberstufenschülerinnen und Schüler ein Schiesskurs Pflicht.Auch die Zivilgesellschaft ziehe mit: NGO klärten Senioren über hybride Bedrohungen und Betrugsversuche auf. Pfadfinder gelten per Gesetz als Zivilschutzpartner im Krisenfall. Und die einflussreiche katholische Kirche erarbeitet mit dem Innen- und dem Verteidigungsministerium einen Aktionsplan für den Kriegsfall.Zudem heisst es in der Studie, Polen verfüge seit rund zehn Jahren über eine militärische Hilfstruppe aus geschulten Zivilisten – eine leichte Infanterie, verankert in den Regionen. Sie agiere als Bindeglied zwischen Volk und Armee.In der Schweiz klingen solche Massnahmen heute wohl für viele absurd. Das weiss Marcel Hirsiger, der Osteuropa-Experte und Dozent an der Fachhochschule Nordwestschweiz. Er ist Studien-Co-Autor und Senior Fellow am Swiss Institute for Global Affairs. In Polen herrsche ein Konsens über die russische Bedrohung, während in der Schweiz das Bewusstsein dafür fehle – obwohl auch das neutrale Land schon Opfer von Cyberangriffen oder Desinformation geworden ist.Marcel Hirsiger.PDDie Schweiz besitze ideale Voraussetzungen, um sich als ganze Gesellschaft wehrhaft zu machen, so Hirsiger: «Schutzräume und Milizprinzip sind heute noch fest verankert in der Schweiz – Polen muss das derzeit nachholen.» Die Schweiz habe zudem Erfahrung mit zivilem Wehrwillen: Während des Zweiten Weltkriegs prägte die «geistige Landesverteidigung» das neutrale Land. Heute nehmen die meisten in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft Abstand davon, das Konzept gilt als veraltet. Ohnehin wähne sich der Kleinstaat als Sonderfall in relativer Sicherheit, beobachtet der Osteuropa-Experte. Die Studie solle eine Diskussion anstossen und aufzeigen, wie eine moderne, umfassende Sicherheitsarchitektur aussehen kann.Der Bundesrat spricht in seiner ersten sicherheitspolitischen Strategie von Ende 2025 zwar ebenfalls von der «umfassenden Sicherheit» als Ziel für die Schweiz. Als eine Massnahme soll die Resilienz der Bürger gestärkt werden, etwa durch verstärkte Information zur Lage und Notfallplanung. Die Federführung liegt jedoch stets bei den Departementen des Bundes, meist beim Verteidigungsdepartement. Genau hier setzt Hirsigers Kritik an: Bleibe Sicherheit reine Staatsaufgabe und bei den klassischen Sicherheitsinstitutionen, erreiche sie viele Teile der Gesellschaft nicht. Zahlreiche Firmen wähnten sich wegen der noch guten Konjunktur in trügerischer Sicherheit. Sie und ihre Belegschaften seien «enorm verletzlich» – ohne es überhaupt zu realisieren.Polen zeige, dass Resilienz nur im Zusammenspiel von Staat, Wirtschaft, Wissenschaft und Zivilgesellschaft entstehe. Diese Einsicht sei trotz der politischen Polarisierung gereift. So betonte Verteidigungsminister Wladyslaw Kosiniak-Kamysz Ende 2023, wie zentral die Zivilbevölkerung im Kriegsfall sei. Als Beweis nannte er das Beispiel der Ukraine: Kiew sei 2022 nur deshalb nicht gefallen, weil die Bürger in den ersten Wochen entschlossenen Widerstand leisteten. Laut Hirsiger haben sie etwa die zivile Logistik aufrechterhalten und für Nachschub gesorgt.Die hybride Kriegsführung mache auch die Schweiz verletzlichDoch ist Polen als Nato-Land im Osten wirklich das passende Vergleichsland für die Schweiz? Hirsiger bejaht. Die Schweiz müsse zwar keine russischen Panzer fürchten, wohl aber die hybride Kriegsführung des Kremls: Drohnen und Cyberattacken scherten sich nicht um Landesgrenzen und erreichten Bern ebenso wie Warschau. «Wir sind genauso bedroht wie alle anderen.»Die neue Studie schlägt konkrete Schritte vor: beispielsweise einen jährlichen nationalen «Resilienztag», Übungen in Gemeinden, Krisentests für Wirtschaft und Behörden oder auch mehr Cyber- und Medienkompetenz an den Schulen. Das Fazit der Autoren: Polen taugt als Impulsgeber, kopiert werden muss das Konzept jedoch nicht eins zu eins. Zivilgesellschaft, Milizsystem und Innovationskraft stünden in der Schweiz bereit und seien je nach Region auch stark ausgeprägt. Sie müssten nur strategisch und proaktiv zusammengeführt werden.Passend zum Artikel