Der Einlass zum Kongresshotel in Wernigerode läuft so schleppend wie der Wahlkampf der CDU in Sachsen-Anhalt. Zwei Frauen streichen Strich für Strich die Namen von hunderten Menschen ab, die gekommen sind, um mal einen über Jahre erfolgreichen Ministerpräsidenten zu erleben.CSU-Chef Markus Söder ist aus Bayern angereist, um seinen einsam gegen die miesen Umfragen kämpfenden CDU-Kollegen Sven Schulze zu unterstützen. Was der angesichts von 20 Prozentpunkten Rückstand auf den sich als Volkstribun gerierenden AfD-Herausforderer Ulrich Siegmund dringend gebrauchen kann.„Bei Didi Hallervorden ging’s schneller rein“, murrt ein schlangestehender Besucher und fasst damit unfreiwillig die bisherige Strategie Sven Schulzes zusammen, gegen die allpräsente AfD Schlagzeilen zu machen: Mit dem nicht mehr immer lustigen Komödianten Hallervorden auf der Bühne und nun mit dem gerne gegen Berlin stichelnden Söder setzt sich Schulze sichtbar von der Bundes-CDU ab.Zuletzt reihte er sich auch in den ostdeutschen Widerstand gegen die Abschaffung der abschlagsfreien Rente nach 45 Arbeitsjahren ein. Schulze weiß eben auch: Aus der gerade im ländlichen Osten inzwischen verhassten Bundeshauptstadt kamen zuletzt wohl nur deshalb weniger schlechte Nachrichten, weil die große Politik in den Sommerferien war.„Jemand, der immer nur schimpft, der mag sich selber nicht.“Markus Söder (CSU), Bayerns Ministerpräsident, über die AfDAls endlich alle drin sind im Saal und es losgeht, marschiert Söder mit bayerischer Blasmusik vom Band ein und zeigt, dass auch er das kann: sich vom Volk bejubeln lassen. Eigentlich soll es am Montagabend um die Wirtschaft gehen; darum, was Sachsen-Anhalt von Bayern lernen kann auf dem Weg vom Agrar- zum Technologieland. Doch der rechten bis rechtsextremen Es-reicht-Partei AfD entkommt auch diese Veranstaltung nicht.Söder erinnert daran, wie er als junger Mensch in Nürnberg zur Politik kam: aus Interesse an Geschichte und dem Wunsch, dass Nazis nie wieder die Macht in Deutschland ergreifen. „Ich möchte mir niemals den Vorwurf machen müssen, dass ich mich aus Laschheit oder Egoismus nicht genug engagiert habe, damit das nicht wieder passiert“, sagt Söder. Und an die Adresse der AfD schickt er interher: „Jemand, der immer nur schimpft, der mag sich selber nicht.“ Dafür gibt’s tosenden Applaus von den anwesenden Unternehmerinnen und Unternehmern. Gehirn und Rückgrat – aber wo bleibt das Bauchgefühl? Auch Schulze, der detailgetreu, aber nicht gerade mitreißend seine Wahlkampfthemen Wirtschaft, innere Sicherheit und Bildung herunterrattert, wird erst richtig emotional, als es um die AfD geht. Die nennt er nicht beim Parteinamen, sondern nur „unser Hauptkonkurrent“.„Wir in Sachsen-Anhalt wollen nicht aus der Schweiz oder dem Saarland regiert werden“, sagt Schulze mit Blick auf AfD-Chefin Alice Weidel und BSW-Chefin Sarah Waganknecht, die gerne gemeinsam in Magdeburg die lokal bröckelnde, aber zumindest auf Länderebene haltende Brandmauer zur AfD einreißen wollen, „um in Berlin mehr Einfluss zu bekommen“, wie Schulze beklagt.Empfohlener redaktioneller Inhalt An dieser Stelle finden Sie einen von unseren Redakteuren ausgewählten, externen Inhalt, der den Artikel für Sie mit zusätzlichen Informationen anreichert. Sie können sich hier den externen Inhalt mit einem Klick anzeigen lassen oder wieder ausblenden. Externen Inhalt anzeigen Ich bin damit einverstanden, dass mir der externe Inhalt angezeigt wird. Damit können personenbezogene Daten an Drittplattformen übermittelt werden. Mehr Informationen dazu erhalten Sie in den Datenschutz-Einstellungen. Diese finden Sie ganz unten auf unserer Seite im Footer, sodass Sie Ihre Einstellungen jederzeit verwalten oder widerrufen können. Schulze dagegen will als Sachsen-Anhalter gewählt werden, als ein Vertreter für „vernünftige, sachliche Politik“, als einer, der weder die „90er Jahre zurück will noch die DDR“. Damals, erinnert er alle Nostalgiker, habe man dem Brocken im Harzer Grenzgebiet nicht besteigen können.Beschwörend klingt das und oft auch gut begründet, aber eben nicht so emotional wie bei der AfD, die in schnell geschnittenen Videos angeblich gute alte Zeiten beschwört und mit Tausenden Schaulustigen eine Ausfahrt mit dem DDR-Moped Simson zelebriert. „Gehirn und Rückgrat müssen zusammenarbeiten“, ruft Schulze in den Saal – doch das Bauchgefühl zu vieler Menschen hat sein Wahlkampf noch nicht erreicht.Mit Söder, der in Wernigerode mit Brezeln, Würsten und Selfies umworben wird, weht zumindest ein wenig Emotionalität über die frühere Ost-West-Grenze herüber. Markus Söder zeigt der CDU in Wernigerode, wie Volkstribun geht. © dpa/Matthias Bein „Master und Meister müssen gleich viel wert sein“, ruft der Bayer dem jubelndem Saal zu – und dass es keinen ideologischen Green Deal in Europa brauche, sondern einen Economic Deal. Schließlich glaube doch wohl keiner, dass „bis 2035 überall in Europa E-Ladesäulen stehen bis nach Schottland zu Loch Ness“ – ach ja, und warum säßen überhaupt noch Teile des Verteidigungsministeriums in der alten Bundeshauptstadt Bonn? „Die wären im Osten besser untergebracht.“Wieder Jubel. Wieder Geschenke. Auch Schulze applaudiert anerkennend. Ein paar solcher massentauglichen Pointen könnte auch er noch gebrauchen.Zwei Stunden lang wird durchaus viel gelacht im Saal, vielleicht sogar mehr als bei Didi Hallervorden. Sven Schulze ist erst seit fünf Monaten Ministerpräsident. Nun muss er aus dem Stand einen immer noch riesigen Rückstand im Wahlkampf aufholen. Sollte er sein Amt doch noch retten, hätte er mit Söder künftig wohl durchaus einen Verbündeten in der Bundespolitik.Bis dahin aber werden es noch harte zwei Wochen, in denen nicht nur Sachsen-Anhalt etwas von Bayern lernen kann, sondern wohl auch Sven Schulze von Markus Söder. „Öfter mal Humor zu zeigen, tut auch im Wahlkampf gut“, sagt hinterher Bianca Heine, örtliche CDU-Kandidatin aus Wernigerode. Die 28-Jährige ist jüngste Kandidatin auf der CDU-Liste und zeigt sich am Ende des Männergesprächs auf dem Podium, das sie moderiert hat, ziemlich kaputt, aber zufrieden.„Den Einlass machen wir nächstes Mal anders“, sagt die lokale Kandidatin zum Abschied. Was wohl auch heißen soll: Sachsen-Anhalts CDU hat sich noch nicht aufgegeben.
Endspurt in Sachsen-Anhalt: Söder hilft Schulze – mit ein bisschen Humor
Im Aufholkampf gegen die AfD setzt sich Sachsen-Anhalts Ministerpräsident von der Bundespolitik ab. Schulze kann dabei von seinem bayerischen Amtskollegen Söder lernen.











