In Kiew war die Nacht vor dem Unabhängigkeitstag ungewöhnlich ruhig. Am Abend ertönte einmal wegen russischer Drohnen Luftalarm, doch von Raketen blieb die ukrainische Hauptstadt verschont – eine seltene Verschnaufpause. Die russische Armee pausierte ihre Luftkampagne zwar nicht, nahm zu Wochenbeginn aber vor allem Odessa unter Beschuss.Die nächtliche Stille in der Hauptstadt könnte auch mit den angereisten europäischen Gästen zusammenhängen. Für den 35. Unabhängigkeitstag am Montag hatten sich Staats- und Regierungschefs aus Großbritannien, Moldau, Finnland, Estland, Lettland, Litauen und Luxemburg sowie der EU-Ratspräsident auf den Weg gemacht. In Kiew sehen viele einen Zusammenhang zwischen dem Ausbleiben von Angriffen und prominenten Staatsgästen in der Stadt. Angesichts des dramatischen Mangels an Flugabwehrraketen sind Nächte ganz ohne Einschläge in den vergangenen Wochen selten geworden.Selenskyj: Die ukrainische Armee ist die stärkste EuropasDer ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj veröffentlichte am Montagmorgen eine Videoansprache, in der er wieder die Einigkeit und Widerstandsfähigkeit des Landes in den Vordergrund stellte. Die ukrainischen Streitkräfte seien die beste Armee Europas, sagte Selenskyj. Er dankte den Menschen im Land, insbesondere den Soldaten und den Arbeitern der Verteidigungsindustrie. Ausgesprochen optimistisch sprach Selenskyj auch die Probleme mit der Luftverteidigung an. Man schieße bereits Drohnen mit Strahlantrieb ab, dasselbe werde bald auch für ballistische Raketen gelten. „Die Ukraine tut alles dafür. Und sie wird Erfolg haben“, bekundete Selenskyj.Allein mit der eigenen Stärke, die Selenskyj in seiner Rede immer wieder beschwor, wird das Problem allerdings nicht zu lösen sein. Im Bereich der Flugabwehr ist das Land kurz- und mittelfristig auf Unterstützung angewiesen. Kiew sucht derzeit vor allem Abfangraketen für Patriot-Systeme, um sich gegen ballistische Raketen zu verteidigen. Am effektivsten kann man diese mit Abfangraketen vom Typ Pac-3 abwehren. Es funktioniert auch mit jenen vom Typ Pac-2, doch davon muss man in der Regel mehrere einsetzen.Selenskyj nennt Bedarf an FlugabwehrraketenVor Journalisten äußerte Selenskyj am Wochenende erstmals detaillierte Zahlen. Die Ukraine habe noch im Jahr 2023 insgesamt 675 Abfangraketen vom Typ Pac-2 und Pac-3 erhalten, 2025 seien es nur noch 364 gewesen, in diesem Jahr rechne er nur mit insgesamt 264 Raketen. Dieser Abwärtstrend hänge vor allem mit Washingtons Kurs zusammen. Mit Bundeskanzler Friedrich Merz habe man (im April) zwar die Lieferung von insgesamt 600 Pac-2-Raketen für die Jahre 2027 und 2028 vereinbart. Kurzfristig aber klaffe eine große Lücke.Selenskyj äußerte, für den kommenden Winter habe sich Kiew deshalb um rund 300 Abfangraketen bemüht. Da jährlich nur 600 Stück produziert würden, sei das allerdings schwierig. Selenskyj machte deutlich, dass er weiterhin darauf baut, dass die Amerikaner einen bedeutenden Teil ihrer Reserven an die Ukraine abgeben könnten.Den eigenen Bedarf erklärte Selenskyj mit russischen Vorräten und Produktionskapazitäten. Im schlimmsten Fall verfüge Russland über rund 100 ballistische Raketen im Monat, rechnete Selenskyj vor. Man arbeite aber daran, diese Anzahl zu verringern, etwa durch Angriffe auf die Rüstungsindustrie.Andy Burnham bekundet seine EntschlossenheitIn seiner Rede auf dem Sophienplatz im Zuge der Feierlichkeiten am Montagnachmittag rief Selenskyj deshalb zu weiterer Unterstützung auf. „Keine Nation hätte für einen solchen Krieg allein genügend Waffen. Keine Nation hätte ohne die Hilfe der Welt solch mächtigen Angriffen standhalten können“, sagte er. Wenn ein so brutaler Krieg gegen ein Volk geführt werde, dürfe dieses nicht ohne Unterstützung bleiben. Im Anschluss verlieh er vor der Sophienkathedrale Orden an Militärangehörige und ausländische Gäste.Der britische Premierminister Andy Burnham wollte bei seinem ersten Auslandsbesuch keine Zweifel daran lassen, dass er die Unterstützung seines Vorgängers Keir Starmer für die Ukraine fortsetzen wird. Auf dem Sophienplatz sagte Burnham, die Ukraine habe es seit der Erklärung der eigenen Unabhängigkeit vor 35 Jahren mit Angriffen auf die Kultur, die Sprache und Wahlen zu tun gehabt. Doch der Tag beweise, dass alle Versuche, die ukrainische Unabhängigkeit zu unterdrücken, gescheitert seien.Passend dazu übergab er im Rahmen seines Besuchs die Genehmigung, vormals unter Verschluss gehaltene Informationen zum Bau britischer Komponenten für die französisch-britischen Marschflugkörper des Typs Scalp/Storm Shadow mit Kiew zu teilen, um die ukrainische Eigenproduktion zu stärken. Zuvor hatte der französische Präsident Emmanuel Macron bereits die französische Genehmigung gegeben.Kiew kauft mehrere SAMP/T-BatterienEU-Ratspräsident António Costa warb in seiner Rede für eine entschlossene Unterstützung der EU-Beitrittsbestrebungen der Ukraine. Die EU-Erweiterung sei eine „geopolitische Notwendigkeit“, sagte Costa. Die Zukunft der Ukraine in der EU sei die beste Garantie für Sicherheit und langfristige demokratische Stabilität für die Ukraine und für Europa insgesamt, sagte Costa weiter. Die Ukraine kann daher auch auf weitere Militärhilfe und Unterstützung bei der Luftverteidigung durch Brüssel bauen. Am Montag gab die EU-Kommission weitere 6,1 Milliarden Euro an Waffenhilfe aus dem Ukraine-Kredit für Kiew frei. Damit sollen nun erstmals Fähigkeiten zur Abwehr ballistischer Raketen finanziert werden.Nach F.A.Z.-Informationen wird die ukrainische Regierung einen Teil der Summe zum Kauf von mehreren Batterien des französisch-italienischen Typs SAMP/T und der zugehörigen Aster-Lenkflugkörper einsetzen. Macron und Selenskyj hatten sich auf ein solches Geschäft im Juli verständigt und es kürzlich konkretisiert.Mit der Zusage vom Montag beläuft sich die freigegebene Summe für Militärhilfe nunmehr auf gut 22 Milliarden von insgesamt 28,3 Milliarden Euro, die für dieses Jahr zur Verfügung stehen. Insgesamt wurden, wie ein Kommissionssprecher gegenüber der F.A.Z. präzisierte, elf Produktpläne für militärisches Gerät genehmigt: etwa für verschiedene Drohnen-Typen, für Kampfflugzeuge, für Lenkflugkörper und für Radarsysteme. Ausgezahlt wird das Geld erst, nachdem die Ukraine entsprechende Lieferverträge geschlossen und diese bei der EU-Kommission zur Prüfung eingereicht hat. Das trifft momentan für einen Betrag von 8,5 Milliarden Euro zu.Im September dürfte die EU-Kommission erstmals auch Geld aus dem Kredit für den Erwerb von amerikanischen Patriot-Systemen und den zugehörigen Abfangraketen freigeben. Dafür ist eine Ausnahmegenehmigung der Mitgliedstaaten nötig, weil das Geld im Regelfall der europäischen Rüstungsindustrie zugutekommen soll. Intern wird mit einer breiten Zustimmung gerechnet, weil Frankreich und Italien mit der aktuellen Tranche ihren Teil vom Kuchen abbekommen.
Wolodymyr Selenskyj: Ukraine fehlen Abfangraketen
Selenskyj betont zum Unabhängigkeitstag die Widerstandsfähigkeit der Ukraine, doch es fehlen Abfangraketen. Die europäischen Partner sagen weitere Unterstützung zu.












