KommentarPro ArtikelKanadas Premierminister bleibt sich in der Handelspolitik treu: lieber kein Abkommen mit Washington als ein schlechtes. Damit geht er grosse wirtschaftliche Risiken ein. Als Anführer des Widerstands gegen Trump kann er politisch aber nicht anders.24.08.2026, 19.00 Uhr3 LeseminutenEin Bild aus alten Zeiten: Bei den Nachverhandlungen zum Nordamerikanischen Freihandelsabkommen Nafta 2017 hängen kanadische und amerikanische Flaggen nebeneinander.Andrew Harrer / Bloomberg / GettyGeht man von den wirtschaftlichen Kräfteverhältnissen aus, müsste der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada eigentlich längst entschieden sein. Der nördliche Nachbar exportiert rund 70 Prozent seiner Produkte in die Vereinigten Staaten. Die USA jedoch liefern nur etwa 15 Prozent ihres Exports nach Kanada.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. 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Gemäss Carney verlangte Washington unter anderem von seiner Regierung, die staatlichen Fördermassnahmen für das Französische in Quebec einzuschränken. Ebenso wollten die USA ihr Nachbarland angeblich darin einschränken, Freihandelsabkommen mit Drittstaaten zu schliessen.Die Trump-Regierung machte hingegen kanadische Forderungen in letzter Minute für das Scheitern verantwortlich. Unabhängig davon jedoch, welches Detail und welche Seite für den Kollaps der Gespräche am Wochenende verantwortlich war, gehen die Ursachen dafür viel tiefer. Donald Trump hatte Carneys Amtsvorgänger Justin Trudeau wiederholt als «Gouverneur» verspottet und träumte davon, Kanada zum 51. Gliedstaat der USA zu machen. Der amerikanische Präsident stellte nicht nur die Ausgewogenheit der wirtschaftlichen Beziehungen infrage, sondern Kanadas Existenz als solche. Er traf damit eine ganze Nation in ihrem Stolz.Im Wahlkampf hatte Carney im vergangenen Jahr versprochen, Amerika die Stirn zu bieten. Die bisherige Beziehung mit den USA, die auf einer zunehmenden wirtschaftlichen und sicherheitspolitischen Integration beruhte, sei «vorbei», erklärte Carney. «Wir müssen unsere Wirtschaft grundlegend neu erfinden.»Gewählt für den WiderstandWeil die Kanadier in Trumps Zollerhöhungen einen Angriff auf die Existenz des Landes sehen, kann Carney nun keinerlei Kompromisse gegenüber den USA machen, denn sie würden wie eine Kapitulation aussehen. Auch wenn der Widerstand hohe wirtschaftliche Kosten zur Folge haben könnte. Der kanadische Journalist und Buchautor Stephen Marche schrieb am Montag in einem Gastkommentar für die «New York Times»: «Carney hat sich für das Leiden entschieden. Aber er tat, wofür ihn die Kanadier gewählt hatten: um für Kanada einzustehen.»Die wichtigsten kanadischen Tugenden seien Zähigkeit und Ausdauer, um in Kanadas oft wilder Natur überleben zu können, erklärt Marche. Carney beweise diese Qualitäten und zeige der Welt, «dass es Wichtigeres gibt als ein bisschen Geld».Am Samstag sind zusätzliche amerikanische Zölle von 50 Prozent auf kanadische Produkte im Wert von 20 Milliarden Dollar in Kraft getreten – rund 5 Prozent des gesamten Exports. Carney aber hat mit Vergeltungszöllen gedroht. Auch wenn Kanada die schwächere Konfliktpartei ist, könnte das Land schmerzhafte Nadelstiche setzen. Sein Land liefere 99 Prozent der amerikanischen Erdgasimporte, 85 Prozent der Stromimporte und 60 Prozent der Rohölimporte, sagte der Premierminister am Samstag. «Ich glaube, sie wollen nicht, dass wir diese einstellen.»Grenznahe Gliedstaaten wie Ohio oder Michigan exportieren zudem 30 bis 40 Prozent ihrer Produkte ins nördliche Nachbarland. Treffen Kanadas Vergeltungszölle deren Industrien empfindlich, könnte dies dort auch republikanischen Kandidaten bei den Zwischenwahlen schaden. Bereits jetzt ist Trumps Wirtschafts- und Zollpolitik in den USA wenig populär. Im Gegensatz dazu befindet sich Carney immer noch im Umfragehoch. Sieg oder Niederlage in einem Handelskrieg hingen nicht nur von der Frage ab, wer mehr Schmerzen bewirken könne, schreibt der konservative Kolumnist David Frum im «Atlantic» treffend. «Kriege werden auch durch die Frage entschieden, wer mehr Schmerzen ertragen kann.» Momentan scheint Kanada bereit zu sein, weitere Härten in Kauf zu nehmen, um Trump die Stirn zu bieten.Passend zum Artikel
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