PfadnavigationHomeGeschichteGuerillakrieg in Amerika„Das Kind blieb in den Armen seines toten Vaters zurück“Stand: 15:52 UhrLesedauer: 6 MinutenSüdstaatliche Guerilla-Kämpfer veranstalteten am 21. August 1863 in Lawrence (Kansas) ein BlutbadQuelle: picture-alliance/newscom/Picture HistoryWährend des Amerikanischen Bürgerkriegs wurden Missouri und Kansas von Freischärlern beider Seiten terrorisiert. Grausamer Höhepunkt war das Massaker, das Südstaatler im August 1863 in Lawrence veranstalteten. Mit dabei: Frank und Jesse James.Auch der Wilde Westen hatte seine „Robin Hoods“. Zu den berühmtesten Gesetzlosen mit sozialer Ader zählen Frank und Jesse James. Schier endlos ist die Liste der Filme, in denen Hollywood den Brüdern ein Denkmal setzte und sie zu Rächern der Armen und Enterbten stilisierte. Dabei fiel in der Regel unter den Tisch, dass die beiden eine dunkle Vergangenheit hatten, in der sie weniger als sozialrevolutionäre Rebellen, sondern als skrupellose Massenmörder während des Amerikanischen Bürgerkriegs (1861–1865) ihr Unwesen trieben. Blutiger Höhepunkt dieser Karriere war das Massaker in der Stadt Lawrence Ende August 1863, dem fast 200 Menschen zum Opfer fielen.Die James-Brüder stammten aus Missouri. Dass ausgerechnet dieser US-Bundesstaat zur Bühne eines grausamen Guerilla-Terrors wurde, hat viel mit der Sklaverei zu tun. Denn obwohl diese „besondere Institution des Südens“ auch hier gepflegt wurde, verweigerte sich die überwiegende Mehrheit der Missourier dem Werben der Konföderation, sondern hielt – wie Delaware, Kentucky und Maryland – im Bürgerkrieg zur Union. Damit brachen die Gräben erneut auf, die bereits in den 1850er-Jahren im südlich angrenzenden Kansas zu bürgerkriegsähnlichen Unruhen geführt hatten. Denn die Frage, ob in dem Territorium die Sklaverei zugelassen sein sollte oder nicht, tangierte das labile Gleichgewicht zwischen den Nord- und Südstaaten. Wiederholt hatten Südstaaten-Sympathisanten die Hauptstadt Lawrence mit Waffengewalt attackiert, weil sie eine Bastion der Sklavereigegner war.Während die großen Schlachten an Potomac und Mississippi geschlagen wurden, erinnerten sich die Bewohner von Kansas und Missouri wieder ihrer Kleinkrieg-Traditionen und fielen übereinander her. Dabei sorgten Anhänger der Union als „Jayhawkers“ für Angst und Schrecken, gegen die ihre Gegner als „Bushwhackers“ mobil machten. Zu deren berüchtigtsten Anführern gehörte William Clark Quantrill (1837–1865). Nachdem er sich als Lehrer, Soldat und Glücksspieler versucht hatte, fand er im Bürgerkrieg die ideale Rolle, um Skrupellosigkeit und Killerinstinkt freien Lauf zu lassen. Für nicht wenige Historiker gilt er als „bloodiest man in american history“.Lesen Sie auchDie Blutspur, die Quantrill hinterließ, verschaffte ihm bald ein Charisma, das weitere Gesetzlose und Psychopathen anlockte. Zu ihnen gehörten Jesse und Frank James, der nach einer schweren Verwundung nicht mehr zur konföderierten Armee zurückkehrte, sondern lieber seine Nachbarn terrorisierte. Dass die Bushwhackers in kleinen Banden operierten, die bei gleichgesinnten Sympathisanten Unterschlupf fanden, machte es den Behörden der Union schwer, ihrer habhaft zu werden. Daher ließ General Thomas Ewing zahlreiche Zivilisten, vor allem Frauen und Kinder, die er der Kollaboration bezichtigte, in Kansas City internieren. Als beim Einsturz eines Gefängnisgebäudes einige Frauen ums Leben kamen, schwor Quantrill Rache. Er rief weitere Banden zu Hilfe, die seine Truppe auf 450 Mann brachten. Dann zwang er Farmer, ihm den Weg nach Lawrence zu zeigen, und erschoss sie, sobald sie es getan hatten. Am frühen Morgen des 21. August 1863 gab er den Befehl: „Tötet jeden Mann, verbrennt jedes Haus!“Was anschließend geschah, hat ein Überlebender, Reverend Richard Cordley, wenige Tage später zu Papier gebracht: In der Stadt habe eine trügerische Ruhe geherrscht, nachdem sich Gerüchte von einem geplanten Überfall der Bushwhackers einige Wochen zuvor als unwahr entpuppt hatten. Doch diesmal wurde es blutiger Ernst. „Ihre Pferde schienen kaum den Boden zu berühren, und die Reiter saßen mit völlig freiem Oberkörper und Armen da, die Revolver gespannt, und feuerten auf jedes Haus und jeden Mann, an dem sie vorbeikamen“, schrieb Cordley. Männer fielen tot und verwundet zu Boden, Frauen und Kinder, halb bekleidet, rannten und schrien – einige versuchten, der Gefahr zu entkommen, andere eilten zu ihren ermordeten Freunden.Während ihre Überlebensinstinkte die Schwarzen in der Stadt rechtzeitig die Flucht hatten suchen lassen, waren die meisten Weißen zurückgeblieben. Die Schnelligkeit der Angreifer machte organisierten Widerstand unmöglich. Eine kleine Truppe Rekruten der Unionsarmee wurde buchstäblich hingerichtet. Der Bürgermeister ertrank in einem Brunnen, in dem er Zuflucht gesucht hatte. Der Arzt, der Herausgeber des Lokalblatts und weitere Honoratioren wurden erschossen. Als ihre Frauen versuchten, zu ihren Ehemännern zu gelangen, wurden sie mit Flüchen und Drohungen zurückgetrieben. Die Häuser wurden geplündert und anschließend niedergebrannt. Lesen Sie auchDie Frau des Richters versuchte, ihren verwundeten Mann mit ihrem Körper zu schützen, „aber ein Schurke zerrte ihre Hand hoch, setzte den Revolver an und feuerte, sodass sie sehen konnte, wie die Kugel in seinen Kopf eindrang“. Ein deutscher Schmied rettete sich mit seinem kleinen Kind in ein Maisfeld. Als das Kind zu weinen begann, stürmten die Rebellen hinein und töteten den Vater. „Das Kind blieb in den Armen seines toten Vaters zurück ... Das sind Grausamkeiten, zu denen Wilde noch nie fähig waren.“ Als Quantrill und seine Leute gegen neun Uhr Lawrence verließen, waren 182 Männer und Jungen tot, etwa 80 Witwen und 250 Waisen blieben zurück, 185 Häuser waren ein Raub der Flammen geworden. Die Reaktionen waren höchst unterschiedlich. Stirling Price, konföderierter Kommandeur im Westen des Mississippi, erwies Quantrill „höchste Anerkennung für die Nöte und Entbehrungen, die Sie und Ihr tapferes Kommando so heldenhaft erduldet haben“. Unions-General Thomas Ewing sah das allerdings anders und befahl die Evakuierung von vier Countys im Süden Missouris, die auf Jahre hinaus verödeten.Dass diszipliniertes Kämpfen nicht seine Sache war, musste Quantrill im Herbst 1864 erkennen, als er sich Price’ Offensive gegen Missouri anschloss. Die brach im Feuer überlegener Unionstruppen zusammen, die auch die Partisanengruppen des Südens dezimierten. Auch „Bloody Bill“ Anderson, Rivale und zeitweiliger Partner Quantrills, kam dabei ums Leben.Mit dem Rest seiner Männer verfiel Quantrill auf den fantastischen Plan, US-Präsident Abraham Lincoln zu ermorden. Doch seinem Zug nach Osten machten Unionssoldaten in Kentucky ein Ende. Nachdem die konföderierten Hauptarmeen längst kapituliert hatten, wurde er schwer verwundet und starb wenige Wochen später im Gefängniskrankenhaus von Louisville. Als „gallant and brave-hearded boy“ lebt er zusammen mit Jesse und Frank James in der Folklore des Südens weiter. Auch Hollywood-Veteran Clint Eastwood hat ihm ein Denkmal gesetzt. In seinem Film „The Outlaw Josey Wales“ (1976; aus unerfindlichen Gründen in Deutschland als „Der Texaner“ vermarktet) spielt Eastwood einen Farmer, dessen Familie von den Jayhawkers ermordet wird und der sich anschließend Quantrill anschließt. Das Massaker von Lawrence spielt in dem Film keine Rolle.Schon in seiner Geschichts-Promotion beschäftigte sich Berthold Seewald mit Brückenschlägen zwischen antiker Welt und Neuzeit. Als WELT-Redakteur gehörte der Amerikanische Bürgerkrieg zu seinem Arbeitsgebiet.