Der schnellste Zweibeiner der Welt ist weiterhin der Vogel Strauß. Doch in der Rangliste derartiger Geschöpfe gibt es auf den Plätzen dahinter eine Wachablösung. Über die Paradedistanz 100 Meter haben die humanoiden Roboter die vorbildgebende Gattung Mensch an diesem Samstag hinter sich gelassen. In einem Vorlauf benötigte Tiangong Ultra (Himmelswerk) in Peking nur 9,39 Sekunden und unterbot damit den 17 Jahre alten Weltrekord um 19 Hundertstel, den der Mensch Usain Bolt im Olympiastadion in Berlin aufgestellt hatte. Der Roboter Lightning (Blitz) des chinesischen Smartphoneriesen Honor soll zuvor in einem Test sogar schon 9,32 Sekunden geschafft haben.Das Rennen ist Teil der Weltspiele für humanoide Roboter, die von Samstag bis Mittwoch in Peking stattfinden und zum zweiten Mal abgehalten werden. Das Finale über 100 Meter findet im Laufe der Woche statt. Die Roboter messen sich in 51 Disziplinen, einige davon völlig autonom, andere mit Fernsteuerung. Sie rennen schnell und springen weit und hoch. Das Himmelswerk, das aus einem Pekinger Forschungszentrum kommt, erreichte eine Höhe von 2,88 Meter und übertraf damit den 33 Jahre alten menschlichen Weltrekord im Hochsprung um 43 Zentimeter – und das ohne Anlauf, aus dem Stand, die Beine in den Spagat werfend.Die Roboter heben Gewichte und spielen Fußball. Tischtennis darf in China nicht fehlen. Zudem treten sie in Wettkämpfen gegeneinander an, die weniger spektakulär sind, aber ihren potentiellen Nutzen andeuten. Dazu gehören Haushaltsaufgaben, Produktionsstraßen und Rettungseinsätze.Chinesische WeltspieleIn der Eröffnungszeremonie hatte der Roboter Blitz, wie es sich für gute Sportler gehört, einen Eid geleistet. Er versprach etwa, seine Gegner, die Schiedsrichter und die Regeln zu respektieren, menschliche Weisheit zu bewahren und den Traum vom friedlichen Zusammenleben aufzubauen.Die Welt dieser Weltspiele sieht indes wie schon bei der ersten Ausgabe sehr chinesisch aus. 24 ausländische Teams aus 15 Ländern sind dabei. Das sind zwar acht mehr als im Vorjahr, macht aber doch nur einen Bruchteil der insgesamt 666 Teams aus, knapp 400 mehr als im Vorjahr. 666 wird in China als Synonym für „cool“ verwendet.97 Prozent aller humanoiden Roboter kommen aus ChinaNach der Zahl der ausgelieferten Roboter dominiert China die Branche ähnlich stark, legt zumindest ein Bericht eines chinesischen Industrieverbandes nahe. In China wurden im ersten Halbjahr dieses Jahres demnach mehr als 40.000 humanoide Roboter ausgeliefert, 97 Prozent aller Auslieferungen auf der Welt. Allerdings dürften 50 bis 70 Prozent der chinesischen Roboter an staatliche oder staatsnahe Roboter-Trainingszentren gehen, schätzt der Robotik-Fachmann Georg Stieler.Die Lokalregierungen sind aber nicht selten gleichzeitig Investoren der Unternehmen, haben also ein Interesse daran, die Auslieferungen in die Höhe zu treiben. Stieler und andere Beobachter sehen US-Start-ups gerade in der Software noch vorn gegenüber der chinesischen Konkurrenz. Von einem breiten Einsatz in der Fabrik sind die Roboter, egal aus welchem Land, noch einige Jahre entfernt.Roboter als StaatsprojektDass zu den Ausrichtern die Pekinger Stadtregierung und das chinesische Staatsfernsehen zählen, gibt einen Hinweis darauf, dass es sich um eine hochpolitische Veranstaltung handelt, die die technologischen Fähigkeiten des Landes demonstrieren soll. Die Spiele finden parallel zur Weltroboterkonferenz, Chinas wichtigster Robotikmesse, statt. Am Mittwoch war Unitree, ein führender chinesischer Hersteller humanoider Roboter, fulminant an die Börse gegangen. Sogenannte verkörperte Intelligenz ist eine Kernbranche des neuen Fünfjahresplans Pekings und damit Teil des Techno-Nationalismus von Staats- und Parteichef Xi Jinping. Für Chinas Konzerne ist der Einstieg in den Roboterbau nicht nur eine Investition in eine aufstrebende Branche, sondern auch eine Möglichkeit, ihre Linientreue unter Beweis zu stellen.Weil die Roboter zwar schneller rennen als Menschen, mit dem Anhalten aber noch ihre Mühe haben, bauten die Veranstalter – ähnlich wie bei manchen Indoor-Leichtathletik-Wettkämpfen – am Ende eine blaue Matte auf. Bei der Kollision mit dieser Matte verloren einige der Roboter Gliedmaßen, andere fingen an zu brennen, wie Videos in Chinas sozialen Medien zeigten. Mitarbeiter kamen mit Tragen und verarzteten die geschundenen Athletenkörper. Das Himmelswerk wollte aber gar nicht mehr aufhören mit dem Rennen, wurde von der Matte nur abgelenkt und nicht gestoppt, und stolperte, seine Beine und Arme um sich werfend, in Richtung Publikum.Das Rennen mit einem Vogel Strauß ist indes für Bolt, Blitz und das Himmelswerk vorerst aussichtslos. Bolt kam einst auf knapp 45 Kilometer in der Stunde, Blitz und das Himmelswerk nun auf mehr als 50, der Vogel Strauß schafft 70. Für die Roboter und ihre Schöpfer dürfte das eher Ansporn sein als ein Grund, den Kopf in den Sand zu stecken.