Fred Vasseur ist beliebt beim Gute-Laune-Fernsehen der Formel 1, denn der Ferrari-Teamchef lächelt jede auch nur ansatzweise kritische Frage weg. So versuchte der Franzose auch alle Kritik an der blamablen Vorstellung der Scuderia beim Großen Preis der Niederlande wortreich zu entschärfen. Er erzeugte damit allerdings nur ähnlich viel Konfusion wie zuvor an seinem Kommandostand. Gewiss, die roten Rennwagen waren stark und wurden immer stärker beim Start in die zweite Saisonhälfte. Aber einmal mehr bremsten Lewis Hamilton und Charles Leclerc die eigenen Taktiker aus.Am Ende belegten sie nur die Ränge vier und fünf. Für versierte Fans der Königsklasse wird es immer dann spannend, wenn zu den Bildern von der Rennstrecke auch der Ton des Boxenfunks eingeblendet wird. Denn an den Dialogen lassen sich nicht nur prima die Emotionen im Cockpit erkennen, daraus ergibt sich auch ein Gesamtbild der Stimmung in einem Rennstall. Schon nach der Hälfte des zwölften WM-Laufs ließ sich so erkennen, dass der Haussegen bei Ferrari mächtig schief hängt.Termine der Saison im Überblick:Formel-1-Rennkalender 2025: Alle Rennen und ErgebnisseAuftakt in Australien, Finale in Abu Dhabi: 24 Grand Prix warten in der Formel-1-Saison 2025 auf die Fans. Der Rennkalender mit allen Terminen, Rennen und Ergebnissen im Überblick.Zu diesem Zeitpunkt lief Hamilton auf seinen Teamkollegen Leclerc auf, das rasende Hörspiel konnte beginnen: „Ich bin schneller als Charles!“ Das behaupten natürlich die meisten Rennfahrer von sich, aber die Strategen oder deren künstliche Intelligenz urteilen nach der Datenlage, und die schien den Briten zu bestätigen – Leclerc wurde zum Boxenstopp befohlen. Der Monegasse, der in diesem Rennjahr überraschend stark ins Hintertreffen gegenüber seinem Teamkollegen geraten ist, dachte nicht daran, den Befehl zu befolgen: „Meint ihr das ernst? Das zerstört mein Rennen!“ Er blieb draußen und ließ die Ferrari-Mechaniker unverrichteter Dinge vor der Garage stehen, ehe er dann einen Umlauf später doch reinkam. Ein peinliches Bild. Alles bloß ein Missverständnis? Vasseur behauptete hinterher jedenfalls, dass das alles Teil der Taktik war.Lewis Hamilton, der damit eine weitere Runde im Heck Leclercs hängen musste, bewertete das spontan deutlich anders. Mit deutlichem Sarkasmus funkte er an die Box: „Eine großartige Art und Weise, Zeit zu verschwenden. Klasse gemacht!“ Auch der siebenfache Weltmeister war später im Rennen nicht mit der Taktik der Reifenwechsel einverstanden, fühlte sich als „Versuchskaninchen“, wie er sagte. Aus diesen Worten sprach der pure Frust, denn in einem Rennen voller Wendungen war er am Ende tatsächlich kurz davor, noch einen Podiumsplatz zu ergattern.Hamilton verfehlt das Siegertreppchen in Zandvoort um knapp eine SekundeIhm fehlte weniger als eine Sekunde auf den drittplatzierten George Russell. Der hatte in der hektischen Schlussphase – auch nicht ganz freiwillig – seinem heranpreschenden Teamrivalen Kimi Antonelli auf Geheiß der Strategen Platz gemacht. Schließlich geht es für den Italiener darum, seine Führung in der Gesamtwertung abzusichern. Angesichts der sich verändernden technischen Machtverhältnisse, für die auch der zweite aufeinanderfolgende Triumph von McLaren-Pilot Lando Norris aus Großbritannien steht, ist diese Art von Stallorder kein moralischer Makel mehr, sondern Pflicht im Mannschaftssport Formel 1.Antonelli, der bei seinem kommenden Heimspiel in Monza wegen eines Motorenwechsels eine hohe Startplatzstrafe in Kauf nehmen muss, konnte dank des am Ende gelungenen Abschirmdienstes seines Teamkollegen die WM-Führung um weitere sechs Zähler ausbauen. Der Italiener hat nun 59 Punkte Vorsprung auf Hamilton und Russell, die punktgleich auf Rang zwei der Gesamtwertung liegen. Leclerc liegt als Fünfter 28 Zähler hinter den beiden. Auch für Mercedes-Teamchef Toto Wolff war es zwar stressig, die beiden internen Rivalen unter Kontrolle zu halten, da der im Generationenduell ins Hintertreffen geratene Russell auch leidenschaftlich gern diskutiert. Aber die Argumentation, dass er Antonelli nicht weichen müsse, da dieser ja nicht mehr um den Tagessieg fahre, war zu durchsichtig. Für Wolff war der Platztausch dann auch keine Frage: „Wir haben schon morgens besprochen, dass wir Punkte verlieren, wenn wir untereinander kämpfen.“ Der Österreicher lobte Russell, dass dieser mit dem unterlegenen Silberpfeil am Ende Hamilton noch im Zaum halten konnte.Lewis Hamilton hatte bei der Verfolgungsjagd aus dem Ferrari-Cockpit damit den besten Blick darauf, wie Mannschaftsdienlichkeit funktioniert. Als er dann vor die Mikrofone trat, klang das ganz anders als bei seinem herum lavierenden Vorgesetzten Vasseur: „Das war definitiv frustrierend. Ich bin hier, um zu gewinnen, und ich glaube auch, dass dieses Team gewinnen kann. Selbst wenn es hier für uns nicht um den Sieg ging, muss man jeden Punkt sichern, den man bekommen kann. Die Zeit, die ich hinter Charles verloren habe, hätte am Ende einen Unterschied gemacht. Mein Ziel ist es, Ferrari zur Weltmeisterschaft zu führen. Aber es gibt einiges, an dem wir ganz sicher noch arbeiten müssen.“Ende der Motivationsansprache – und der Anfang weiterer Diskussionen im Ferrari-Hauptquartier in Maranello. Dorthin, und ganz sicher auch in die Führungsetage zu Rennstall-Boss John Elkann, der den spektakulären Hamilton-Transfer eingeleitet hatte, wird der siebenfache Weltmeister seine Sorgen und Klagen tragen. Mit einem klaren Verweis auf seinen ehemaligen Arbeitgeber: „Die Mercedes-Fahrer sind aufgefordert worden und haben umgehend das ausgeführt, was sie machen sollten. Das unterscheidet sich von dem, wie wir es gehandhabt haben“, so Hamilton. Ein kleiner Unterschied, der noch große Konsequenzen haben kann.