AnalyseEinst nur die günstige Werkbank der Welt, stellt China heute ein Drittel der globalen Wirkstoffpipeline – die USA geraten unter Druck, Europa fällt ab. Das zwingt die westliche Pharmaindustrie zum Umdenken, eröffnet für Anleger aber neue Chancen.«China spielt in einer anderen Liga: halb so hohe Kosten und ein drei- bis viermal höheres Tempo sind die neue Norm, die sie in diesem Wettbewerb setzen werden.»Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenThemarket.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Albert Bourla, CEO von Pfizer am 8. Juni 2026 in einer Telefonkonferenz mit Analysten.Chinas biopharmazeutische Forschung und Entwicklung hat in den vergangenen Jahren einen rasanten Aufstieg erlebt. Noch 2015 entfielen nur wenige Prozent der weltweit entwickelten innovativen Wirkstoffe auf die Volksrepublik. Seither haben sich die Kräfteverhältnisse grundlegend verschoben: 2024 war China gemäss Zahlen des Pharmadatendienstleisters IQVIA für fast ein Drittel der globalen Biopharmapipeline verantwortlich.Damit liegt das Reich der Mitte bei der Forschungsaktivität nur noch knapp hinter den führenden USA, die auf 35% kommen. Europas Anteil ist seit Jahren rückläufig und beträgt inzwischen bloss noch 21%, während Japan und Südkorea jeweils rund 3% beisteuern.Anteil an klinischen Studien nach Hauptsitz des Unternehmens (2009–2024)Europa (blaue Linie) umfasst alle Länder Kontinentaleuropas.Grafik: Oliver Wyman; Daten: IQVIAWie in vielen anderen Branchen fungierte China auch in der Pharma- und der Biotech-Industrie lange als Werkbank der Welt und produzierte vor allem günstige Generika. «Heute ist China in einigen Bereichen der Biotechnologie zum Innovationsführer aufgestiegen», sagt Thomas Vorlicky, Geschäftsführer des auf Biotechnologie spezialisierten Asset-Managers Medical Strategy.Das gelte etwa für Antikörper-Wirkstoff-Konjugate (ADC). Solche Medikamente ermöglichen es, mit toxischen Wirkstoffen direkt auf einen Tumor zu zielen, ohne gesundes Gewebe zu schädigen. Sie gehören zu den vielversprechendsten Innovationen in der Krebsbekämpfung.«Geopolitischer Wettbewerb zwischen China und den USA»Dass Chinas Biotech-Industrie im Aufschwung ist, kommt nicht von ungefähr. Seit fast zwei Jahrzehnten treibt die Regierung den Aufbau einer eigenen Biotech-Industrie systematisch voran. Bereits 2006 rückte Peking Themen wie Biotechnologie, Medikamentenentwicklung und Impfstoffe stärker in den Fokus der Industriepolitik. 2010 erklärte es innovative Arzneimittel zu einem strategischen Zukunftsfeld, später folgten weitere Förderprogramme wie «Made in China 2025» und «Healthy China 2030».Mit diesen Initiativen wurden unter anderem die Entwicklung neuer Wirkstoffe und Antikörpertherapien sowie medizinische Spitzentechnologien gezielt gefördert. Das Ziel: Bis 2049 – zum hundertsten Geburtstag der Volksrepublik – soll China zur globalen Führungsmacht in der Biotechnologie aufsteigen.Diese Entwicklung reflektiert sich auch in der Grundlagenforschung, in der China in den vergangenen Jahren deutlich aufgeholt hat. Gemäss dem Nature Index, der die Leistung von Ländern und Forschungseinrichtungen bei wissenschaftlichen Publikationen anhand führender Fachzeitschriften misst, hat China 2025 in den Bereichen Health Sciences und Biological Sciences fast mit den USA gleichgezogen. Noch vor drei Jahren veröffentlichte es weniger als halb so viele Forschungsarbeiten wie die USA.«Es herrscht ein geopolitischer Wettbewerb zwischen China und dem Westen, allen voran den USA», sagt Vorlicky, der den Chinesen noch einiges zutraut und Investoren daher empfiehlt, mit einem Teil des Biotech-Portfolios auf China zu setzen – auch wenn die USA, der lukrativste Absatzmarkt für chinesische Arzneimittelhersteller, bis auf Weiteres schwer zugänglich bleiben dürften. Die US-Arzneimittelbehörde FDA steht Zulassungsanträgen, die sich ausschliesslich auf in China erhobene klinische Daten stützen, skeptisch gegenüber.China verfüge allerdings über einen grossen Binnenmarkt und habe zudem das Potenzial, auf dem europäischen Markt Fuss zu fassen. «Allein daraus ergibt sich ein überzeugender Investment Case für Chinas Biopharmasektor», ist Vorlicky überzeugt.Was Chinas Biotech-Sektor besser machtWie ernst China als Konkurrent bei der Entwicklung innovativer Medikamente mittlerweile zu nehmen ist, zeigt eine Analyse des Unternehmens- und Strategieberaters McKinsey. Demnach kostet die Entwicklung einer Antikörpertherapie bei multinationalen Unternehmen aus den USA und Europa etwa 2,7-mal so viel wie bei einer chinesischen Gesellschaft.Der Hauptgrund liegt gemäss den Analysten in der höheren Entwicklungsgeschwindigkeit, die allein 40% der Kostenersparnis erklärt. Das zeige sich bereits zu Beginn des Entwicklungsprozesses, wenn nach neuen Molekülen oder Substanzen gesucht werde. «Diese Discovery-Phase dauert in China rund 36 Monate, bei globalen Pharmaunternehmen dagegen 54 Monate», schreibt McKinsey.Vergleich der F&E-Kostenstrukturen in der biopharmazeutischen Industrie. Der obere Balken zeigt die Kosten in China (indexiert auf 100 Punkte). Die mittleren Balken zeigen, wie stark einzelne Faktoren wie Löhne, Infrastruktur und Entwicklungszeit die Kosten erhöhen. Daraus ergeben sich für globale Pharmaunternehmen Gesamtkosten von 266 Punkten.Grafik: McKinseyDie Überlegenheit Chinas beim Entwicklungstempo beschreibt Pfizer-Chef Albert Bourla in einer Telefonkonferenz mit Analysten Anfang Juni so: «Wenn man die westlichen Pharmagrössen wie Eli Lilly, AstraZeneca, Merck oder Pfizer vergleicht, ist mal der eine, mal der andere besser.» Während der Pandemie habe Pfizer zu den Gewinnern gehört, im Geschäft mit den Abnehmmedikamenten habe wiederum Eli Lilly die Nase vorn. «Trotzdem bewegen wir uns alle innerhalb einer ähnlichen Bandbreite und spielen in derselben Liga.»Albert Bourla, seit 2019 CEO von Pfizer.BloombergNicht so China: Dort erreiche man bei halb so hohen Kosten eine drei- bis viermal höhere Geschwindigkeit. «China und künstliche Intelligenz sind das Letzte, woran ich vor dem Schlafengehen denke, und das Erste, woran ich morgens nach dem Aufwachen denke», sagt Bourla. «Und im Schlaf träume ich davon, wie wir mithilfe von KI unsere Entwicklungsgeschwindigkeit verdreifachen und unsere Kosten halbieren können.»Doch warum ist die Entwicklung eines Medikaments in China so viel schneller? McKinsey führt dies auf mehrere Faktoren zurück: auf ein pragmatischeres Regulierungsumfeld mit strikten 30-Tage-Prüffristen, die für Planungssicherheit sorgen, sowie einen grossen Pool an Patienten, der eine bis zu fünfmal schnellere Rekrutierung für klinische Studien als im globalen Durchschnitt ermöglicht. «In Europa müssen Unternehmen bei den meisten Spitälern einzeln anklopfen. Das verzögert die Rekrutierung von Probanden enorm», sagt Thomas Heimann, Analyst bei der auf den Gesundheitssektor spezialisierten Investmentfirma HBM Partners.Hinzu kommt ein grosses Reservoir an Forschungstalenten. Auch das Finanzierungsumfeld hilft – ein Punkt, bei dem Vorlicky von Medical Strategy China vor allem gegenüber Europa im Vorteil sieht. «Wir haben eine hervorragende Grundlagenforschung in Europa, aber leider fehlt es auf dem alten Kontinent an genügend Beteiligungskapital.»China ist auf die USA angewiesen – und umgekehrtDoch trotz der bemerkenswerten Aufholjagd der vergangenen Jahre ist Chinas Biotech-Industrie noch immer auf die Zusammenarbeit mit westlichen Pharmaunternehmen angewiesen und dürfte es bis auf Weiteres auch bleiben. «China ist zwar schneller in frühen Phasen der Forschung, doch bei der Weiterentwicklung von Medikamentenkandidaten und vor allem bei der globalen Vermarktung braucht es die westlichen Pharmakonzerne», sagt Heimann.Ein bewährtes Modell für die Zusammenarbeit zwischen chinesischen Biotech-Gesellschaften und westlichen Pharmakonzernen sind Lizenzpartnerschaften. Konzerne wie AstraZeneca, Merck, Pfizer, AbbVie, Roche oder Sanofi sichern sich für Milliardenbeträge die weltweiten Rechte an in China entwickelten Wirkstoffen. Der Bedarf an solchen Deals ist gross: Viele westliche Pharmamultis müssen ihre Entwicklungspipelines mit externen Innovationen füllen, weil in den kommenden Jahren zahlreiche umsatzstarke Medikamente ihren Patentschutz verlieren.Die US-Investmentbank William Blair schätzt, dass der globalen Pharmaindustrie zwischen 2026 und 2031 durch den Ablauf von Patenten ein Umsatzverlust von insgesamt 330 Mrd. $ droht. Besonders stark exponiert sind Merck mit 40,6 Mrd. $, Novo Nordisk mit 34,6 Mrd., BMS mit 29,2 Mrd., Johnson & Johnson mit 27,3 Mrd. und Pfizer mit 23,9 Mrd. $.«Dass westliche Pharmakonzerne diese Innovation immer mehr in China suchen und finden, ist der beste Beweis für die Innovationsstärke des Landes», sagt Vorlicky. Gemäss Schätzungen könnten chinabasierte Wirkstoffe inzwischen einen Anteil von rund 40% an den globalen Lizenzpartnerschaften erreichen, so der Biotech-Investor.Die US-Investmentbank Morgan Stanley schätzt, dass Wirkstoffe chinesischer Herkunft im Jahr 2040 rund 35% der Zulassungen durch die US-Arzneimittelbehörde FDA ausmachen werden. Im Jahr 2025 waren es lediglich 5%.Ist die Vormachtstellung der USA in Gefahr?Trotz des chinesischen Vormarschs schätzt Heimann das Risiko, dass die USA ihre Vormachtstellung in der Pharma- und der Biotech-Industrie verlieren, als gering ein: «In den USA wird weiterhin das meiste Geld verdient, und chinesische Firmen dürften es weiter schwer haben, ohne Kooperationen im amerikanischen Markt Fuss zu fassen.» Er könne sich nur schwer vorstellen, dass die FDA in absehbarer Zeit im grossen Stil rein chinesische Arzneimittel zulassen werde, die ohne Beteiligung eines westlichen Pharmaunternehmens entwickelt wurden. Der chinesische Markt allein sei aufgrund der Preise nicht attraktiv genug, ergänzt er.«Ein grosses Risiko wäre es hingegen, wenn man sich der chinesischen Forschung verschliessen würde», meint der HBM-Analyst. Dafür gebe es derzeit aber keine Anzeichen. Westliche Firmen hätten verstanden, dass China eine wichtige Innovationsquelle sei, auf die sie nicht verzichten könnten. Umgekehrt seien auch chinesische Unternehmen weiterhin auf westliche Partner angewiesen. «China und der Westen ergänzen sich gut», sagt Heimann.Vorlicky von Medical Strategy sieht die USA hingegen ernsthaft herausgefordert, ihre Vormachtstellung gegenüber China langfristig zu behaupten. Er geht davon aus, dass sich die FDA überzeugenden klinischen Daten aus China nicht grundsätzlich verschliessen könne. «Die Frage ist, wie lange ein Land es sich leisten kann, die innovativsten Arzneimittel nicht zuzulassen, nur weil sie aus China kommen.»Allerdings betont er, dass sich die USA der Konkurrenz aus China bewusst seien und darauf reagierten. Letztlich sei es ein Wettlauf, von dem in erster Linie die Patienten profitieren würden – aber auch Biotech-Investoren: «Ähnlich wie das Aufkommen der künstlichen Intelligenz ist Chinas Aufstieg ein Katalysator für die gesamte Biotech-Industrie», sagt Vorlicky.Wie in Chinas Biopharmasektor investieren?Der Biopharmasektor profitiert langfristig von mehreren strukturellen Trends: von einer alternden Bevölkerung, technologischen Durchbrüchen wie etwa bei mRNA-, Gen- und Zelltherapien oder ADC sowie vom wachsendem Wohlstand in Schwellenländern und von der damit verbundenen besseren Gesundheitsversorgung. Für Investoren, die auf diese Trends setzen wollen, dürfte es sinnvoll sein, einen kleinen Teil des Portfolios auf den chinesischen Biotech-Sektor auszurichten.Eine Möglichkeit, auf Chinas Biotech-Sektor zu setzen, ergibt sich indirekt über westliche Pharmakonzerne, die von Kooperationen in China profitieren. Eine andere Option sind direkte Investitionen in chinesische Unternehmen. Namen wie BeOne Medicines, Innovent Biologics, CStone Pharmaceuticals, WuXi Biologics oder Zai Lab werden über ADR-Zertifikate (American Depositary Receipts) auch an der Börse New York gehandelt. Allerdings ist das Handelsvolumen teils begrenzt. Auch sind Investments in einzelne Biotech-Aktien naturgemäss mit hohen Risiken verbunden und erfordern eine aufwendige Recherche.Daher kann es sich lohnen, über börsengehandelte Fonds (Exchange Traded Funds, ETF) breit in den Sektor zu investieren. Hier bietet sich etwa der KraneShares MSCI All China Health Care ETF (Kürzel: KURE) an, der an der Börse New York gehandelt wird. Er bildet den breiten chinesischen Health-Care-Sektor ab und investiert in mittel- bis grosskapitalisierte Unternehmen.Eine weitere Möglichkeit ist der Global X China Biotech ETF, der in Hongkong gelistet ist und sich stärker auf chinesische Unternehmen konzentriert, die neuartige Medikamente, Therapien und Impfstoffe entwickeln. Mit einem Fondsvolumen von umgerechnet 90 Mio. $ ist er allerdings vergleichsweise klein.Wer einen grösseren ETF bevorzugt, kann auf den ebenfalls in Hongkong gehandelten ChinaAMC Hang Seng Biotech ETF ausweichen. Mit einem Fondsvolumen von 330 Mio. $ ist er etwas grösser. Allerdings enthält er ausschliesslich in Hongkong gelistete Gesellschaften, während der Global X China Biotech ETF auch Unternehmen umfasst, die an den chinesischen Festlandbörsen in Schanghai oder Shenzhen notiert sind. In allen drei ETF schlummert Aufholpotenzial (siehe Grafik oben).
USA vs. China: Was die neue Rivalität im Pharmasektor für Investoren bedeutet
Einst nur die günstige Werkbank der Welt, stellt China heute ein Drittel der globalen Wirkstoff-Pipeline. Das eröffnet für Anleger neue Chancen.







