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Eva Hoffmann ist Juristin in Vollzeit und gibt nebenberuflich Yoga-Kurse. Foto: Sofia BRandes Zweitjob: Nebenjob als Normalfall? Ein Trend zeichnet sich ab Fast jeder Zehnte geht in Deutschland inzwischen mehr als einem Beruf nach. Tendenz steigend. Dabei geht es längst nicht immer nur ums Geld.

Das Kreischen der Mauersegler vor dem Fenster mischt sich mit der Entspannungsmusik aus dem Lautsprecher. Elf Teilnehmerinnen sind an diesem schwülen Sonntag im Juni ins Yogastudio Shivasloft in einem belebten Stadtteil von Düsseldorf gekommen. Wartend liegen oder sitzen sie auf ihren Matten und versuchen, ihren Alltag hinter sich zu lassen. Eva Hoffmann schaltet die beiden Ventilatoren an und begrüßt mit ruhiger Stimme den Kurs: „Schließt eure Augen, atmet tief ein und aus und lasst eure Gedanken vorbeiziehen.“Auch Hoffmanns Woche war voll. In ihrem Hauptjob ist sie Juristin bei einer großen Versicherung in Düsseldorf. Für 40 Stunden in der Woche verdient sie dort gutes und vor allem sicheres Geld. Heute aber stockt die 33-Jährige ihr persönliches Zeitkonto einmal mehr auf. 75 Minuten volle Konzentration, Fokus auf die Atmung, auf die Übungen, auf das Anleiten ihrer Schülerinnen und Schüler. Seit zweieinhalb Jahren unterrichtet sie inzwischen Yoga. Anfangs freiberuflich in zwei verschiedenen Studios, aus Zeitgründen inzwischen etwas reduziert und auf Minijob-Basis. Sie sagt: „Fürs Geld mache ich das nicht.“Wofür dann?Steigender NebenerwerbMehr als jeder Zehnte geht in Deutschland inzwischen einem oder mehreren Nebenjobs nach, Tendenz steigend. Das geht aus aktuellen Zahlen des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB), einer Forschungseinrichtung der Bundesagentur für Arbeit, hervor. 2005 lag die Quote der Beschäftigten mit Nebenerwerb noch bei rund sechs Prozent. 20 Jahre später hat sich der Wert mit fast elf Prozent nahezu verdoppelt.„Im Nachgang der Hartz-IV-Reformen ist die Attraktivität von Nebenjobs deutlich gestiegen“, erläutert Susanne Wanger, Arbeitsmarktexpertin am IAB. Seitdem sind bei vielen Nebenjobs keine Steuern mehr fällig, sondern nur noch Sozialabgaben in geringem Maße. „Ein hoher Anreiz für die Beschäftigten“, wie Wanger sagt. Eine Abschaffung oder eine grundlegende Reform der Minijobs, wie sie die Rentenkommission im Juni vorgeschlagen hatte, „dürfte dazu führen, dass bestimmte Nebenjobs weniger attraktiv werden“, so Wanger. „Für Beschäftigte könnte der Anreiz steigen, statt eines ­Nebenjobs mehr Arbeitsstunden in der Hauptbeschäftigung anzustreben.“Arbeiten im Ruhestand Warum Gutverdiener freiwillig weiterarbeiten von Leonard KnollenborgDabei zeigen Daten des IAB: Mehrfachbeschäftigung ist vom Randphänomen längst zu einem festen Bestandteil der Beschäftigungsstruktur in Deutschland geworden. Im Vergleich zur Ent­wicklung der Gesamtbeschäftigung verzeichnet dieser Bereich aktuell sogar ein überproportionales Wachstum. Und dabei geht es längst nicht nur ums Geld. Etwa ein Drittel derjenigen, die eine Nebentätigkeit ausüben, tut dies, um sich etwas dazuzuverdienen, so zeigt es die IAB-Auswertung. Fast jeder sechste der Befragten ist sogar auf den Nebenjob angewiesen, um den Lebensunterhalt zu sichern. Der Großteil der Befragten aber scheint nicht vornehmlich aus finanziellen Gründen mehrere Jobs zu haben. Was ist ihr Antrieb?Auch Andrea Schwendemann hat heute mehrere berufliche Standbeine. Vor ungefähr zehn Jahren hatte sie das Gefühl, 40 Stunden oder mehr die Woche für ein einziges Unternehmen, einen einzigen ­Arbeitgeber, das erfülle sie nicht mehr. Damals leitete die heute 55-Jährige ein Kindermagazin, hatte eine klassische Medienlaufbahn hinter sich: Studium, Volontariat, dann erste Stellen als Redakteurin und ein schneller Aufstieg im Hamburger Verlagshaus Gruner + Jahr.40 Stunden in ein und demselben Job war nichts mehr für Andrea Schwendemann. Vor zehn Jahren machte sie sich selbstständig. Foto: Silvia WolfHeute arbeitet sie in Freiburg als ­Kinderbuchautorin, Business Coach und berät Unternehmen in Sachen Kommunikation. Schwendemann genießt die Abwechslung, die ihr die unterschiedlichen Tätigkeiten bieten: „Am Vormittag diskutiere ich ein komplexes Kommunikationskonzept in großer Runde, am Nachmittag brüte ich über der möglichst einfachen Formulierung eines Kapitels im Kinderbuch.“ Zuletzt hat sie ein Buch über Finanzbildung für Kinder veröffentlicht. Es erfülle sie, ganz konzentriert und ganz bei sich, einfache Antworten auf komplexe Fragen zu finden, etwa: Wie erkläre ich Achtjährigen den Bitcoin? An ihrer Arbeit als Coach wiederum schätze sie die Zusammenarbeit mit den Kunden, die neuen Gedanken, die eben erst im Miteinander entstehen. Die Entwicklung, die sie bei anderen beobachten und beeinflussen kann. Überblick für Job-Jongleure Eine Nebentätigkeit kann für mehr Geld und Glück sorgen. Wenn Sie einiges beachten:In vielen Arbeitsverträgen steht, dass ein Nebenerwerb vom Arbeitgeber genehmigt werden muss, vor allem wenn es um Arbeitszeit, Interessenkonflikte oder Sicherheitsrisiken geht. Suchen Sie also rechtzeitig das Gespräch mit Ihrem Chef.In der Regel dürfen 48 Stunden pro Woche nicht überschritten werden. Kurz­fristig sind auch 60 Stunden möglich. Das Arbeitszeitgesetz legt acht Stunden werktäglich fest. Zwischen zwei Arbeitseinsätzen müssen elf Stunden Ruhezeit liegen. Ausnahmen sind möglich, sollten aber mit ­allen Beteiligten geklärt werden.Ein kurzfristiger Nebenjob, etwa für ein maximal dreimonatiges Projekt, ist nicht zwingend sozialversicherungspflichtig. Ein langfristiger schon. Minijobs mit einem Verdienst von 603 Euro monatlich sind davon ausgenommen. Diese Grenze gilt auch, wenn Sie mehrere Minijobs machen. Klären Sie Fragen mit der Personalabteilung.Steuerlich gilt im Nebenjob generell Klasse VI. Heißt: mehr monatlicher Abzug. Mit der Steuererklärung kann man sich das zurückholen, dort zählen die Gesamteinkünfte im Jahr. Zu viel eingezogene Lohnsteuer wird erstattet. Beim Minijob führt der Arbeitgeber meist zwei Prozent ab, Sie selbst ­haben nichts zu versteuern.Mehr sein als ein Titel„Spaß an der Tätigkeit“ haben die meisten Befragten als wesentlichen Grund für ihre Zusatzbeschäftigung angegeben, so zeigt es die Auswertung des IAB, in der auch erkenntlich wird, dass gerade diese Motivation über die Jahre deutlich zugenommen hat: von 33 Prozent im Jahr 2017 auf 46 Prozent 2023. Der Anspruch vieler Menschen, vor allem der Jüngeren, aber immer mehr auch der von erfahrenen Fachkräften, hat sich verändert: Sie wollen im Arbeitsleben mehr sein als nur ein Jobtitel. Einige versuchen sogar, das Hobby zum (Teil-)Beruf zu machen.„Sport war von klein auf meine Leidenschaft“, erzählt Eva Hoffmann. „Ich wollte sogar mal Sportlehrerin werden.“ Sie entschied sich dann doch für ein Jurastudium, für „was Sicheres“. Statt in einer Sporthalle landete sie so am Schreibtisch. Acht Stunden täglich prüft sie Versicherungsfälle im Immobilienbereich. „Ich schaue, ob wir als Versicherung verpflichtet sind, den Schaden zu übernehmen, und ob es Erfolgsaussichten gibt.“Für das Jurastudium entschied Eva Hoffmann sich, um „was Sicheres" zu machen. Foto: Sofia BRandesIhr Beruf erfüllt die Juristin in ihr. Auch die Teamplayerin. Aber ihr Nebenjob als Yogatrainerin gibt Hoffmann etwas, das sie in ihrem Hauptjob nicht in diesem Maße bekommt: „Jura ist sehr kopf- und faktenlastig“, sagt Hoffmann. „Da ist es total bereichernd, nebenbei noch etwas ganz anderes zu machen, zum Beispiel Menschen etwas beizubringen“, erzählt sie. „Wenn danach noch Schüler zu mir kommen und mir sagen, wie gut ihnen diese Stunde getan hat, ziehe ich daraus sehr viel.“ Diese direkte Rückkopplung mit dem Kurs macht Hoffmann stolz, motiviert sie – und stärkt ihr Selbstbewusstsein, ihr Vertrauen darauf, Herausforderungen zu meistern. Und zwar in beiden Jobs.Absicherung in KrisenzeitenDie Wissenschaft spricht von Ressourcen, die sich Arbeitnehmer durch ihr Engagement im Nebenerwerb aneignen. Dazu zählen nicht nur neue Fähigkeiten. Sondern auch: Kontakte, Anerkennung, Selbstvertrauen, Sinn. Wie bei Eva Hoffmann. Diese Ressourcen können sich vom Nebenjob in den Hauptjob übertragen lassen – und umgekehrt. Die Zufriedenheit oder Anerkennung im Zweitjob kann auch negative Gefühle abfedern, wenn es im eigentlichen Job gerade einmal schlecht läuft.Zahl der Gründer wächst Warum sich ein Nebenerwerb doppelt lohnt von Celine ImensekSeit einigen Wochen hat Hoffmann eine besondere Aufgabe bei der Versicherung. Sie ist für das Onboarding neuer Kolleginnen und Kollegen zuständig. Bedeutet: vor und vor allem mit vielen Menschen sprechen, Fragen beantworten, auf sie eingehen. „Mir macht das sehr viel Spaß, aber es gibt schon Tage, da bin ich abends echt ausgelaugt“, sagt sie. Ihre Erfahrung im Yoga und die regelmäßige Praxis helfen ihr, so erzählt sie es, auch in stressigen Situationen ausgeglichen zu bleiben – und für andere da zu sein.Auf das Geld aus ihrem Nebenjob ­jedenfalls ist Hoffmann derzeit nicht angewiesen. Die 300 bis 400 Euro, die sie monatlich damit verdient, legt sie zum größten Teil auf einem Tagesgeldkonto an. Dann und wann gönnt sie sich auch etwas davon: mal ein Yoga-Retreat, mal eine teure Tasche oder schönen Schmuck, den sie sich sonst nicht „einfach so“ kaufen würde, wie sie betont.Scheinselbstständigkeit Scheinselbstständigkeit bedroht Freelancer – und bremst die Wirtschaft von Sophie CrocollAndrea Schwendemann hat ihr Einkommen ganz bewusst auf drei Säulen aufgebaut. Ihr Einkommensanker, wie sie das nennt, sind die PR-Aufträge für Kunden, mit denen sie langfristig zusammenarbeitet. Derzeit unterstützt sie ein großes Freiburger Unternehmen bei der Neugestaltung eines Leitfadens für die Kommunikation zwischen Mitarbeitern und Kunden oder Partnern. Laufzeit des Projekts: mehrere Jahre – und damit enorm wichtig, „um ein finanzielles Fundament zu haben“, wie sie betont. Diese Ankerprojekte, „planbar und verbindlich“, machen gut ein Drittel ihres Einkommens aus.Die Buchprojekte und Coachingaufträge lassen sich nicht so verlässlich steuern – und sind daher das Gegenstück zur klassischen Projektarbeit. Finanziell stärker schwankend, aber dafür Herzensangelegenheit. Die unterschiedlichen Projekte zu koordinieren, ist mitunter durchaus eine Herausforderung. Was tun, wenn ein langjähriger Kunde kurzfristig Unterstützung braucht, eine wichtige Buchabgabe aber vor der Tür steht? Schwendemann greift dann üblicherweise zum Hörer und prüft, ob die dringende Anfrage wirklich so dringend ist. Oft, so ihre Erfahrung, lassen sich so akute Fragen schnell klären und zeitliche Engpässe entschärfen.Auch dabei hilft die langjährige Zusammenarbeit: Schwendemann und ihre Kunden kennen die jeweiligen Bedürfnisse des anderen gut, vertrauen einander, schaffen es oft, Kompromisse zu finden. Und notfalls, erzählt Schwendemann, setze sie sich auch „abends noch mal zwei, drei Stunden an den Schreibtisch“. Das komme selten vor, gehöre aber für eine Selbstständige mit mehreren Standbeinen dazu, betont sie.Der Vorteil von Arbeitskonzepten wie dem von Schwendemann bestehe darin, dass sich die „Einkommensströme gegenseitig ausgleichen können“, betont Werner Eichhorst, Professor für Arbeitsmarktpolitik vom Forschungsnetzwerk IZA@Liser (Luxembourg Institute of Socio-Economic Research). Wenn eine Einkommensquelle wegbricht, bleiben noch zwei andere. Gerade in Krisenzeiten wie den jetzigen kann es also auch aus finanzieller Sicht sinnvoll sein, nicht nur den einen Job zu haben. „Das trifft insbesondere auf hoch Qualifizierte zu, die in freien Berufen oder kreativeren Branchen tätig sind“, so Eichhorst.Die eigene Mischung macht’sOb sie rückblickend überhaupt noch einmal Jura studieren würde, da ist sich Eva Hoffmann nicht so sicher. Das viele Lernen habe ihr damals zu schaffen gemacht. Sport war ihr Ausgleich. Sie hat auch mit dem Gedanken gespielt, ihren Hauptjob auf vier Tage in der Woche zu reduzieren und in der dadurch gewonnenen Zeit ­Yogakurse zu geben. „Aber das rechnet sich für mich einfach nicht“, sagt sie. Und es wäre in ihrer aktuellen Position auch gar nicht machbar.Hier finden Sie eine Auswahl der Summer-School-Artikel:KI frisst keine Jobs – sie verteilt Arbeit aber radikal neuAchtung, die Alphas kommen!Sie wurden gekündigt – und müssen noch durchhaltenAndrea Schwendemann bereut es nicht, ihren Job in Festanstellung gleich ganz aufgegeben zu haben. „Mittlerweile laufen meine Standbeine alle gut und liefern mir beides: finanzielle Sicherheit und kreative Freiheiten.“ Etwas, das sich wohl viele mit einem einzigen Haupterwerb wünschen.In der WiWo Summer School liefern wir Ihnen Inspiration, die Ihren Managementalltag verändert. Hier finden Sie alle Lektionen. 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