Ob man Nanette Snoep in Köln vermissen werde, fragte Patrick Bahners am 6. Februar im Feuilleton der F.A.Z. anlässlich der Neuausschreibung der künstlerischen Direktion am Kölner Rautenstrauch-Joest Museum. Bahners spielte damit auf die Ausstellung „I Miss you“ an, in der das Museum im Frühjahr 2022 seinen Bestand an Benin-Bronzen präsentiert hatte, deren Eigentum der Stadtrat im Dezember desselben Jahres der Bundesrepublik Nigeria übertrug. Der Kommentar fasste die Arbeit der Direktorin Nanette Snoep, die 2019 aus Dresden nach Köln gekommen war, als „Belehrung durch Entleerung“ zusammen. Damit ist er nicht allein – weite Teile des Kölner Museumsestablishments haben sich mit Händen und Füßen gegen die Restitution der fast einhundert Stücke umfassenden Benin-Sammlung gewehrt, die Snoep zu ihrer Sache machte.Warum sollte man die Direktorin vermissen, deren Arbeitsvertrag der Stadtrat nicht verlängern wollte? Die gebürtige Holländerin hat 2021 in Köln mit „Resist! Die Kunst des Widerstands“ die erste systematische Ausstellung zu antikolonialem Widerstand in einem ethnologischen Museum realisiert und dafür nicht nur historische Kostbarkeiten aus dem Depot neu bewertet, sondern auch intensiv mit Herkunfts- und Diasporagemeinschaften zusammengearbeitet. Insofern lässt sich ihre Arbeit nicht auf das Stichwort „Restitution“ verkürzen. Neben der Aufarbeitung der existierenden Depotbestände ging es ihr vielmehr im traditionell weiß-bürgerlichen Museum um Integration neuer Öffentlichkeiten, andere Wissensbestände und verdrängte Objektgeschichte, so schon 2020 in der Ausstellung „Die Schatten der Dinge“. Am Kölntag 2026 versammelten sich 4500 Personen im Rautenstrauch-Joest-Museum – mehr, so ist zu hören, als am Tag seiner Neueröffnung 2012.Besucher von der falschen SeiteDie 2012 neu gestaltete, später auch prämierte Dauerausstellung war deutlich auf die idealtypische, weiße Museumsbesucherin jenseits der fünfzig zugeschnitten. Unter der Leitung Snoeps wurde das Museum am Neumarkt dagegen zu einem öffentlichen Raum für Menschen und Gruppen, die bis dato keinen Fuß in das ethnologische Museum gesetzt hatten. So trafen Mitglieder der Museumsgesellschaft aus bürgerlichen Stadtvierteln wie Sülz und Marienburg verstärkt mit Menschen von der „Schäl Sick“ zusammen, den rechtsrheinischen, schon seit Jahrzehnten von Migration geprägten Arbeitervierteln Kölns. Das wurde von vielen als eine Bereicherung wahrgenommen, aber nicht immer verlief es konfliktfrei, denn diese Besucher waren nicht gekommen, um sich belehren zu lassen oder Kulturfolklore zu feiern, sondern um mit ihrem Wissen das Museum umzugestalten. So ist es bemerkenswert, dass Vertreter der Sintizze und Romnja an der Resist-Ausstellung mitgearbeitet haben, für die das Kölner Museum als kolonial und nationalsozialistisch belasteter Ort regelrecht diabolisch (in Romanes ist das Wort für Teufel „benga“) besetzt und über den NS-Rassekundler Martin Heydrich in der Tat mit dem Holocaust unheilvoll verflochten ist.Als wären sie gerade erst in Köln angekommen und noch nicht katalogisiert worden: Objekte der Hofkunst des Königreichs Benin in der Ausstellung „I miss you“Fadi EliasMit ihrem Programm „From Conservation to Conversation“ setzte Snoep international Standards für das Bemühen, Wissensvermittlung nicht mehr allein über die Arbeit an Objekten, sondern im direkten Austausch mit Menschen zu gestalten. Dadurch entwickelte sie die antikoloniale Arbeit ihres 1933 vertriebenen Vorgängers Julius Lips entscheidend weiter, der die Umkehrung des kolonial-europäischen Blicks auf die Welt noch allein aus der Objektforschung erarbeitet hatte. Wie die Fortschreibung einer „inversiven Ethnologie“ von Lips im Geiste einer Anthropologie der Kritik aussieht, hat Snoep zuletzt mit dem Programm „Die Zukunft ist indigen“ gezeigt, für das indigene Klimaaktivisten eingeladen wurden, die Blockbuster-Ausstellung des Fotografen Sebastião Salgado über Lebenswelten am Amazonas kritisch zu rahmen.Doch Kooperationen dieser Art verunsichern. Während traditionell Sammlungsreferenten die Expertise beanspruchen, den ihren kulturellen Kontexten entrissenen Objekten Bedeutung abzuringen, kommt mit Vertretern der Herkunftsgesellschaften konkurrierendes Wissen in die Museen. Häufig sind diese Menschen nicht sehr beeindruckt von der Arbeit vor Ort – basieren doch viele Informationen auf einer Geschichte voller Gewalt, Missverständnisse und Verzerrungen. Aus diesem Grund hat die nigerianische Gastkuratorin Peju Layowla in der Ausstellung „I miss you“ die Kölner Benin-Bronzen spektakulär ausgeleuchtet, aber ohne weitere Informationen präsentiert. In der Mitte der Ausstellung fand sich ein Video, in dem die Kuratorin und Kunsthistorikerin Objekt um Objekt von ihren Objektlabeln „befreit“. Die Wut vieler Mitglieder der Museumsgesellschaft zeigt, dass sie dies offenbar als Aggression erlebt haben – während Kolleginnen aus Afrika berichten, sie hätten sich endlich unbefangen den Kunstwerken zuwenden können.Eine Form epistemischer Verunsicherung„Unwissenschaftlich“ lautete denn auch ein in Zeitungsbeiträgen und Wortmeldungen aus der Museumsgesellschaft erhobener Vorwurf gegenüber der Arbeit der Direktorin, die allerdings afrikanische Kunstgeschichte in Paris unterrichtet, am Musée de l’Homme mit französischen Ethnologen zusammenarbeitete und die Neuausrichtung des ethnologischen Museums am Quai Branly mitgestaltete. Insofern ist man gut beraten, mit der großen alten Dame der französischen Ethnologie, Jeanne Favret-Saada, nicht auf diejenigen zu schauen, die mit Vorwürfen überzogen werden, sondern auf diejenigen, die sie äußern. Welche Form (epistemischer) Verunsicherung liegt dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit zugrunde, dem auch Nanette Snoeps Vorgänger Klaus Schneider in öffentlichen Äußerungen über seine Nachfolgerin immer wieder seine Autorität lieh?Auf Einladung von Nanette Snoep besuchte am 9. Juli 2022 eine königliche Delegation aus Kamerun das Rautenstrauch-Joest-Museum. Der König von Fontem/Bangwa, Asabaton Fontem Njifua (rechts), wurde von Verwandten und weiteren Würdenträgern der Bangwa begleitet.Jana MaiOffenbar wurde die Arbeit Snoeps so sehr zum Stein des Anstoßes, dass sich die Stadt Köln auch dann nicht schützend vor die Direktorin stellte, als mehrere Museumsmitarbeiter beim NS-Dokumentationszentrum antisemitische Ausfälle anzeigten, die einen unrühmlichen Höhepunkt interner Kampagnen gegen ihre Person darstellten. In einer an der Universität zu Köln eingereichten, prämierten Masterarbeit zu Emotionen in der Restitutionsdebatte wurde gezeigt, wie affektgesteuert die (meist männlichen) Widersacher Snoeps agierten, als sie versuchten, durch den Vorwurf des Aktivismus konkurrierende Wahrheits- und Deutungsansprüche in Schach zu halten. Letztlich zeigen die schon fast panisch anmutenden Reaktionen in Köln – der Vorstand der Museumsgesellschaft hat zwischenzeitlich alle Formen der Finanzierung unter der gegenwärtigen Direktion ausgesetzt –, was Steffen Mau gesellschaftliche Triggerpunkte nennt. Diese Triggerpunkte macht sich insbesondere die AfD geschickt zunutze, um offen den Umbau der Museumslandschaft (Streichung der Gelder für das Zentrum Kulturgutverluste) und der Universitäten (vorgebliche Vermengung von Wissenschaft und Politik in gesellschaftskritischen Forschungen) zu fordern.Letztlich scheint die Nichtverlängerung des Vertrags von Nanette Snoep ein Symptom für die Veränderung des politischen Klimas in Deutschland. Während die Forderung nach Diversifizierung der Museen in keinem öffentlichen Diskurs fehlen darf, zeigen die Kontroversen um die Arbeit Nanette Snoeps, dass die Integration neuer Öffentlichkeiten dort zu einem Ende kommt, wo Deutungshoheit abgegeben und Reichtum geteilt werden soll. Mit Karl-Ludwig Kley sprang der Vorsitzende des Fördervereins des Museums Ludwig – laut F.A.Z. ehemals mächtigster Aufsichtsratsvorsitzender Deutschlands – dem Vorstand der Museumsgesellschaft des Rautenstrauch-Joest-Museums zur Seite. In einem Interview mit dem „Kölner Stadtanzeiger“ am 8. Juli 2025 verkündete er seltsam anlasslos, dass er Nanette Snoep kein einziges Kunstwerk seiner privaten Sammlung von Asiatika anvertrauen würde, für die in Köln eigentlich das Museum für Ostasiatische Kunst zuständig wäre. „Ihre einseitige Fokussierung auf Antikolonialismus, Antirassismus, Antiirgendwas ist ideologisch. Ein solches Museum, wie immer es heißt, soll aber Kunst und Kulturen anderer Länder aufbewahren, sichtbar machen, natürlich auch in den Kontext der Gegenwart stellen. Nur eben so, dass es den Werken, der Sammlung und deren Zeit gerecht wird. Und all das muss wissenschaftlich aufgearbeitet und begleitet werden. Genau das findet im RJM zurzeit aber nicht mehr statt.“Erwartung der NormalisierungKley äußerte die Erwartung, dass eine „Neubesetzung an der Spitze die Dinge wieder normalisieren“ werde, sodass „die Ära Snoep ein Ausrutscher in der Museumsgeschichte Kölns“ bleiben könnte. Seine Hoffnungen haben sich nur in Teilen erfüllt. In der Zeitung „Express“ legte Kley am 5. März dieses Jahres dar, die Neuausschreibung der Stelle sei eine vertane Chance, insofern sie die Arbeitsschwerpunkte Snoeps fortschreibe statt korrigiere. Hier drängt sich die Frage auf, wer bestimmt, welche Anliegen in öffentlichen Räumen der Stadt verhandelt werden dürfen. Es ist bezeichnend, dass ein zentraler Akteur der finanzstarken Kulturfördervereine in Köln „Dekolonisierung“, „Provenienzforschung“ und „partnerschaftliche Beziehungen zu diasporisch geprägten Gemeinschaften“ mit Verweis auf bürgerliche Zustiftungen an Kölner Museen als Problem ausweist.Die Aufführung eines traditionellen kamerunischen Tanzes anlässlich des Besuchs des Königs von Fontem/Bangwa illustrierte die Maxime Nanette Snoeps, dass ethnologisches Wissen in Bewegung gebracht werden muss.Jana MaiGerade für diejenigen, die in Deutschland in immer kürzeren Abständen zu Sicherheits-, Integrations- und Stadtbildproblemen erklärt werden, sind die affektiv aufgeladenen Kontroversen um die Person Snoep eine weitere Bestätigung dafür, dass die Ressentiments der bürgerlichen Mitte und der Rechtsruck nationaler und internationaler Politik einen zunehmend gefährlichen Resonanzraum bilden. Kleys Stichwort der „Normalisierung“ ist bezeichnend. Was sich bei Mitgliedern der Museumsgesellschaft als Sehnsucht nach einer Vergangenheit noch unschuldiger Museen und gesicherten Wissens artikuliert, wird von der AfD in Sachsen-Anhalt bedient, indem sie einen „Stolz-Pass“ vorschlägt, über den deutsches Kulturgut ohne den Ballast ihrer Gewaltgeschichte vermittelt werden soll. Eine internationale Bühne erhielten diese Wünsche, als der amerikanische Außenminister Marco Rubio forderte, Europa müsse aufhören, seine imperiale Geschichte kritisch zu hinterfragen, und solle diese stolz verteidigen.Es verschiebt sich etwas in unserer Demokratie, und es ist nicht ausgeschlossen, dass wir einiges vermissen werden aus der Zeit, in der Nanette Snoep als Museumsdirektorin aktiv war. Dazu gehört der Glaube, eine Stadtgesellschaft neu denken und Kulturpolitik auch gegen die Interessen wohlhabender und einflussreicher Akteure definieren zu können. Dazu gehört auch der Glaube an eine rassismusfreie Stadt, in der people of color wie selbstverständlich ein Museum mitgestalten – und der Glaube an eine Stadtgesellschaft, die Antisemitismusvorfälle gegenüber einer nichtdeutschen, jüdischen Direktorin auch dann verfolgt, wenn sie nicht zu einem Problem der Einwanderergesellschaft erklärt werden können. Nicht zuletzt gehört dazu auch eine ethnologische Wissenschaft, bei der die Kunst des Fragens und das Lernen von anderen im Zentrum stehen, um Denkhorizonte zu erweitern, anstatt sie zu umgrenzen. Köln kann mehr, hat Navid Kermani einmal über die Kulturpolitik seiner Heimatstadt gesagt – aber vielleicht will Köln auch nicht.Martin Zillinger ist Professor am Institut für Ethnologie der Universität zu Köln.