Das massenhafte Versklaven von christlichen Europäern ist bisher kaum gesehen worden. Wie sind Sie auf diesen blinden Fleck gestoßen?Ich argumentiere mit seit Jahrzehnten veröffentlichten Quellen. Gerade deshalb ist es erstaunlich, dass das massenhafte Versklaven von christlichen Europäern bisher kaum gesehen worden ist. Ausgangspunkt war ein einziger Satz bei Egon Flaig: Das Schicksal, zu einem großen Versklavungsgebiet wie Afrika zu werden, hätte auch Europa treffen können. Ich begann deshalb, in mittelalterlichen Chroniken und Annalen nachzulesen. Dort ist von alljährlichen Überfällen und Verschleppungen die Rede – durch Wikinger, sogenannte Sarazenen und Ungarn, die mitunter Hunnen genannt werden. Die Quellen zeigen, dass Europa gleichzeitig mit Subsahara-Afrika das schreckliche Schicksal des permanenten Versklavungskriegs teilte. Beide waren Randzonen, slaving zones, die den Menschenbedarf der großen Zentren Byzanz und des Kalifats deckten.Sie fassen diese Raumordnung mit den Begriffen slaving zone und no-slaving zone. Was ist damit gemeint?Eine no-slaving zone schützt ihre Bewohner vor Versklavung. Das heißt aber nicht, dass sie keine Sklaven hielt. Das Römische Reich oder später die islamische Welt konnten im Inneren versklavungsfreie Räume bilden und ihren Bedarf an Sklaven zugleich aus der Peripherie decken. Während der Antike versklavten germanische Gruppen jenseits des Limes einander und verkauften Menschen an die Römer. Ähnlich entstanden im frühen Mittelalter neue Lieferzonen für Byzanz und das Kalifat. Freiheit und Sklaverei waren also nicht voneinander getrennt, sondern räumlich aufeinander bezogen.Welches Ausmaß hatte die Menschenjagd im frühmittelalterlichen Europa?Zwischen etwa 834 und 933 berichten die Quellen Jahr für Jahr von Versklavungszügen. Die Zahl der Verschleppten dürfte in die Hunderttausende gegangen sein – ich veranschlage ungefähr eine halbe Million. Rechnet man Getötete und weitere Opfer hinzu, kann man von rund einer Million Betroffenen sprechen, was bei einer Gesamtbevölkerung von vielleicht vier Millionen immens ist. Bestürzend ist jedoch nicht nur die Zahl. Wenn regelmäßig junge Menschen, Vorräte und Vieh geraubt, Dörfer zerstört und die übrigen Bewohner getötet werden, bricht jede über das nackte Überleben hinausgehende kulturelle und wirtschaftliche Tätigkeit zusammen. Heute würden wir von einem Vernichtungskrieg sprechen, der rund hundert Jahre gegen das lateinische Europa geführt wurde.Jan Robert Weber: „Sklavenjagd und Menschenhandel“Matthes & SeitzKarl der Große schuf in Mitteleuropa erstmals eine prekäre Staatlichkeit als Schutz vor Versklavung. Heinrich I. und Otto I. erneuerten diesen Anspruch gegen Ungarn und Dänen. Zugleich versklavte Heinrich selbst Menschen, um Aufrüstung und Tribute zu finanzieren. Wie passt das zusammen?Karl der Große unternahm einen ersten Versuch, einen solchen Schutzraum zu schaffen. Nach dem Zerfall seines Reiches scheiterte dieser Anspruch zunächst katastrophal, und es begann das slaving durch die nördlichen, südlichen und östlichen Nachbarn. Heinrich und später Otto gelang ein zweiter Anlauf. Burgenbau und die Ausbildung von gepanzerten Reitern dienten vor allem dazu, die Bevölkerung gegen mobile Menschenjäger zu schützen. Das ist ein grundlegender Schritt: Eine Gemeinschaft wird politisch handlungsfähig, indem sie ihre Angehörigen vor Raub und Verkauf schützt. Wenn man so will, gelingt Heinrich eine theseussche Tat! Doch ich zeichne keinen weißen Ritter. Heinrich führte brutale Feldzüge und versklavte die Besiegten. Er war Befreier und dunkler Ritter zugleich. Man muss das historische Ergebnis des Ottonen würdigen, ohne ihn zu heroisieren.Sie sprechen von einer „Humanisierung der Knechtschaft“, als Sklaverei in Grundherrschaft und Leibeigenschaft überging. Ist das nicht eine zu lineare Fortschrittserzählung?Eine lineare Entwicklung gibt es nicht. Die Geschichte verläuft in Brüchen und Gegenbewegungen. Trotzdem besteht ein erheblicher Unterschied zwischen Sklaverei und Grundherrschaft. Der Grundherr durfte Abgaben und Dienste verlangen, aber der abhängige Bauer konnte eine Familie gründen, ernähren und einen eigenen Haushalt führen. Ein Sklave musste dagegen leisten, was der Herr ihm abnehmen konnte, ihm blieb kaum mehr als das Lebensnotwendige. Leibeigenschaft ist Ausbeutung und Unfreiheit, aber sie grenzt sich von der vollständigen Verfügungsgewalt über den Menschen ab. Christliche Moral, wirtschaftliche Veränderungen und die eigene Erfahrung, Versklavungszone gewesen zu sein, wirkten dabei zusammen.Warum konnte sich Europa befreien, während große Teile Afrikas über Jahrhunderte Versklavungsgebiet blieben?Autor Jan Robert WeberprivatWo politische Strukturen zerschlagen werden und ein äußerer Markt ständig Menschen verlangt, kann ein sich verstärkender Kreislauf entstehen. Nachbarn beginnen, einander zu fangen und zu verkaufen, um Waffen und Pferde zu erwerben und nicht selbst Opfer zu werden – ein Perpetuum mobile der Sklaverei am Rand von no-slaving zones mit hohem Bedarf an Import von Sklaven. Für Subsahara-Afrika sehe ich eine solche Entwicklung besonders nach dem Zusammenbruch großer Reiche um 1500. Allerdings ist die Quellenlage für das afrikanische Mittelalter weit schlechter als für Europa. Ich konnte nur auf übersetzte arabische Quellen und Sekundärliteratur zurückgreifen. Hier wäre noch Grundlagenarbeit durch Afrikahistoriker zu leisten.Ihr Buch widerspricht zugespitzten Deutungen, nach denen die Versklavung anderer gleichsam in der „DNA des weißen Mannes“ liege. Was wird durch eine solche Sicht verdeckt?Das ist eine faktisch falsche und problematische Verkürzung. Die USA und europäische Nationen müssen ihre Geschichte als Sklavenhaltergesellschaften selbstverständlich aufarbeiten. Aber Sklaverei reicht über zeitliche, räumliche und ethnische Grenzen hinaus. Die Geschichte des Mittelalters zeigt Weiße und Schwarze als Versklavte wie auch als Akteure von Menschenjagd und Menschenhandel. Sklaverei gehört nicht zum Wesen einer bestimmten Kultur oder Hautfarbe.Sie zeigen, dass diese Ächtung der Sklaverei wesentlich in Europa entstand. Welche Rolle spielte dabei neben staatlicher Gewalt der christliche Glaube?Wir sollten Europa weder zur ewigen Täterin noch zur großen Heldin der Weltgeschichte machen. Die europäische Ächtung der Sklaverei entstand nicht aus besserem Menschentum, sondern aus Ideen, Erfahrungen und politischen Möglichkeiten. Das Christentum lieferte den Gedanken, dass kein Christ versklavt werden dürfe und Sklaverei Unrecht sei. Später trat die Aufklärung hinzu, die das antisklavistische Verdikt für allgemeingültig erklärte. Zugleich wurden Christentum und Aufklärung in der Geschichte missbraucht, um Sklaverei zu rechtfertigen. Nicht zuletzt stellt der europäische Rassismus den untauglichen Versuch dar, Sklaverei und Kolonialismus pseudowissenschaftlich zu legitimieren. Nur die Idee von angeblich minderwertigen Menschen macht es dem Sklavenhalter auf Dauer erträglich, Sklaverei zu betreiben. Das Besondere unserer Welt ist, dass Sklaverei grundsätzlich als Verbrechen gilt. Um die Entstehung dieser Welt zu verstehen, muss Europa sich jedoch auch als frühere Versklavungszone erkennen – nicht nur als späteres Zentrum von Kolonialismus und Abolitionismus.Jan Robert Weber: „Sklavenjagd und Menschenhandel“. Matthes & Seitz Verlag, Berlin 2026. 316 S., br., 18,– €.
Historiker Jan Robert Weber über Europa als Versklavungszone
Jan Robert Weber erzählt die Geschichte des mittelalterlichen Europas als eine gefährdete Peripherie. Er zeigt, wie sich Europa durch Gewalt und Glauben zu einem versklavungsfreien Raum formte. Ein Gespräch.






