Pro ArtikelWettrüsten mit Putins Schattenmännern: Wie Deutschlands Drohnenabwehr jetzt besser werden sollDer gescheiterte Sprengstoff-Anschlag am Flughafen Leipzig hat die Bundesrepublik wachgerüttelt. Dabei ist man sich der Gefahr, die von feindlichen Drohnen ausgeht, seit langem bewusst. Nun soll alles deutlich schneller gehen – auch dank eines neuen «Reallabors» in Sachsen-Anhalt.Melchior Poppe, Cochstedt23.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEine Live-Vorführung während der Eröffnung des neuen DLR-Drohnensicherheitszentrums am Flughafen Cochstedt zeigt die Überwachung einer Drohne auf einem Monitor.Sean Gallup / GettyKrieg ist in Deutschland keine Theorie mehr, Russland trägt seine Aggressionen inzwischen bis ins Herz Europas hinein. Drohnen spielen dabei eine zentrale Rolle, genau wie an der Front in der Ukraine. Doch war es ein Busfahrer, der beim gescheiterten Sprengstoff-Anschlag die mutmasslich russische Drohne festsetzte. Will die Bundesrepublik bei der Abwehr solcher Gefahren nicht weiter auf glückliche Umstände hoffen, muss sie mehr tun.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Dessen ist man sich in Berlin bewusst. Jüngst wurden eine mobile Drohnenabwehreinheit der Bundespolizei und ein Abwehrzentrum von Bund und Ländern ins Leben gerufen. Den versuchten Anschlag in Leipzig hatte trotzdem niemand bemerkt. Und selbst wenn – dass Spezialeinheiten die drohende Katastrophe hätten verhindern können, ist zweifelhaft.Zu lange dauert es noch, bis die Behörden reagieren, zu sehr hinkt die Technik hinterher – sofern sie überhaupt vorhanden ist. Die meisten deutschen Flughäfen warteten zuletzt noch auf Drohnenabwehrsysteme, in Leipzig wurde erst kurz nach dem Vorfall ein solches installiert.Polizisten stehen während der Eröffnung des neuen DLR-Drohnensicherheitszentrums am Flughafen Cochstedt neben einem Gerät zur Drohnenerkennung.Sean Gallup / GettyDas eigentliche Problem ist damit aber nicht gelöst: Die Entwicklungszyklen in der Drohnentechnik betragen wenige Monate, manchmal nur Wochen. Und dann muss die Technologie erst noch produziert und an Flughäfen und anderer kritischer Infrastruktur bereitgestellt werden. Möglicherweise also ist die nun in Leipzig verfügbare Technik mindestens in Teilen schon wieder überholt.Für dieses Wettrüsten mit potenziellen Angreifern gibt es nun ein «Reallabor» am Flughafen Magdeburg-Cochstedt. Dort, weit draussen in der Bilderbuchprovinz von Sachsen-Anhalt, eröffneten am Dienstag Bundesinnenminister Alexander Dobrindt und Forschungsministerin Dorothee Bär gemeinsam mit Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze das «Technologiezentrum für Drohnensicherheit». Es ist Teil des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR) und stellt den dritten Pfeiler in Dobrindts Drohnenabwehrstrategie dar.Der Flughafen Magdeburg-Cochstedt ist ein spezieller Ort. Bis zur Stadt sind es 40 Kilometer, in einiger Entfernung sind Windräder zu sehen, ansonsten dominieren Felder und spärlich verteilte Dörfer das flache Land. Wer sich dem Flughafengelände nähert, fällt unweigerlich auf.Während Jahrzehnten kam aber auch fast niemand hierher. Man habe lange nicht gewusst, wofür er gut sein solle, und trotzdem immer wieder in den Flughafen investiert, sagte Ministerpräsident Sven Schulze bei der Eröffnungsfeier. Nun sei man in der Champions League der Drohnentechnologie angekommen.Ein Anfang ist jedenfalls gemacht. Ab sofort können sich Entwickler von Drohnentechnologie mit ihren Ideen und Prototypen auf dem Flugplatz austoben. «Wir bieten hier Unternehmen und Sicherheitsbehörden Möglichkeiten an, Equipment auszuprobieren und es gemeinsam mit uns zu verbessern», erklärt Anke Kaysser-Pyzalla, die Vorstandsvorsitzende des DLR.Forschungsministerin Dorothee Bär (links), Innenminister Alexander Dobrindt, Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Sven Schulze und die Vorsitzende des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Anke Kaysser-Pyzalla, treffen zur Eröffnung des neuen DLR-Drohnen-Sicherheitszentrums am Flughafen Cochstedt ein (18. August 2026).Sean Gallup / GettyDas Besondere dabei ist, dass in Cochstedt fliegen darf, was anderswo noch keine Freigabe erhalten hat, oder nur innerhalb eines Gitterkäfigs in die Luft steigen darf, wie das in Braunschweig, dem zweiten Standort des neuen Technologiezentrums, der Fall ist. Ihr volles Potenzial können viele Drohnen innerhalb solcher Käfige nicht entfalten. In Cochstedt sind solche Tests künftig möglich, die auch für die Zulassung neuer Drohnenmodelle notwendig sind.Besonders im Fokus steht in Cochstedt die Frage, wie feindliche Drohnen unschädlich gemacht und kontrolliert vom Himmel geholt werden können. Denn das ist oft noch die grösste Herausforderung für die deutschen Sicherheitsbehörden. Dafür wird sich der Flughafen verwandeln, der mit Rollfeld, Tower, Bürogebäuden und Hangars momentan noch wenig spektakulär aussieht: Eine ganze «Modellstadt» aus Containern soll hier entstehen, in der Drohnenflüge im urbanen Raum und ihre Abwehr simuliert werden können.Wie so etwas aussehen kann, haben DLR- Forscher bereits erprobt: In einem Video ist zu sehen, wie eine sogenannte Jägerdrohne, die mit einem Greifsystem ausgestattet ist, sich einer feindlichen Drohne von unten nähert und sie mit einem Netz umschliesst.Eine Drohne mit Greifarmen, wie sie an der Veranstaltung in Cochstedt zu sehen war.NZZZuverlässig funktioniert das bisher nur bei niedrigen Geschwindigkeiten. Der Pilot einer Jägerdrohne würde aber nicht allein angreifen. Vielmehr unterstützen ihn Kollegen, die die feindliche Drohne sichtbar machen, ihre Flugbahn verfolgen und sie so rasch wie möglich lähmen: Beim sogenannten Jamming werden die Funksignale der Angreifer gestört, so dass sie den Kontakt zur Drohne verlieren. Ohne Steuerungssignale bleibt die feindliche Drohne in der Luft stehen – und kann dann von der Jägerdrohne eingefangen werden.Ein solches Vorgehen verhindert, dass sich Menschen bei der Drohnenabwehr in Lebensgefahr begeben. Und darum soll in Cochstedt nicht nur die Technik deutlich schneller verbessert werden, sondern auch ihre Anwendung in komplexen Einsätzen geübt werden. Auf dem Flughafen hätten bereits Übungen mit jeweils bis zu 250 Einsatzkräften unter anderem vom Bundeskriminalamt (BKA), der Polizei und der Bundeswehr stattgefunden, berichtet Kaysser-Pyzalla.Eine konzertierte Zusammenarbeit von Experten mit unterschiedlichem Knowhow ist bereits in der Entwicklung nötig. Deshalb soll das Technologiezentrum auch als Biotop dienen; als Ort, an dem sich Forscher unterschiedlicher Behörden, Konzerne und Startups vernetzen, austauschen und Neuentwicklungen anstossen können. Neben seiner Infrastruktur und Forschung bietet das Technologiezentrum hierbei Hilfe an, etwa bei der Entwicklung von Software.Ein mobiles Drohnenabwehrsystem namens Trailer (Tracking, Ranging And Identification using Laser Energy on the Road), das vom DLR entwickelt wurde, während einer Vorführung auf dem Flugplatz Cochstedt.Karina Hessland / ReutersDie neue Einheit, die mit 40 Mitarbeitern an den Start geht, erhält dafür weitere 25 Stellen, verteilt auf mehrere Standorte. Insgesamt seien 16 Institute in ganz Deutschland in die Drohnenforschung involviert, erklärt Dagi Geister, Leiterin der Abteilung für unbemannte Luftfahrtsysteme am DLR. Die neuen Angebote richten sich in erster Linie an deutsche Behörden und Firmen, die sich mit ihren Projekten über eine eigens geschaffene Webseite bewerben können.Dennoch gab es am DLR bereits Kooperationen mit Partnern etwa aus Israel und der Ukraine. Der Blick über die Grenzen hinaus ist unvermeidlich, schliesslich werden die «dunklen Mächte», die hinter Angriffen wie in Leipzig stehen sollen, im Ausland vermutet. «Wir betreiben ein weltweites Technologiescreening», sagt Geister. Ein besonderer Fokus liege derzeit auf der Ukraine und den Drohnen, die dort von beiden Seiten eingesetzt werden.Gleichzeitig wird den Partnern des Technologiezentrums versprochen, dass man unter sich bleibe – und relevantes Wissen geheim. «Sicherheit ist nur dann gegeben, wenn nicht jeder alles weiss», so DLR-Chefin Kaysser-Pyzalla. Ihre eigenen Leute dürfen zum Teil nicht einmal ihre Namen verraten.Die Herausforderungen bleiben immens. «Es ist ein ständiges Wettrüsten», sagt Wolfram Mattar, IT-Spezialist beim BKA. Neueste Angreiferdrohnen rechneten bereits mit Abwehrsystemen und würden es bemerken, wenn Signale abgefangen würden. «Dann können sie mitten im Einsatz ihre Frequenz wechseln», so Mattar. Bei dem Vorfall am Flughafen Leipzig wäre das gar nicht nötig gewesen.Passend zum Artikel
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