Zwischen Aufnahme und Obdachlosigkeit: Warum Paris seine wilden Migrantenlager nicht loswirdMehr als 250 Migranten campieren derzeit vor einem Pariser Bezirksrathaus. Viele lehnten zuvor eine Unterkunft ausserhalb der Hauptstadt ab. Aktivisten organisieren den Protest, im Lager herrscht Misstrauen – und die Behörden finden keine dauerhafte Lösung.22.08.2026, 16.37 Uhr6 LeseminutenDas wilde Zeltlager vor dem Bezirksrathaus im 3. Pariser ArrondissementLafargue Raphael / ImagoVor dem historischen Bezirksrathaus an der Rue Eugène-Spuller im Pariser Marais liegen Männer und Frauen auf abgenutzten Matratzen. Mütter stillen ihre Babys unter blauen Plastikplanen. Kinder laufen umher. Dazwischen stehen Wasserkanister, Einkaufswagen, Taschen und Säcke. Im angrenzenden Park hat die Stadt vier mobile Toiletten aufgestellt. Seit Tagen leben hier mehr als 250 Migranten in einer provisorischen Zeltstadt.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Agnès kommt fast jeden Tag daran vorbei. Die Pianistin wohnt nur wenige Strassen entfernt. Als sie die blauen Planen zum ersten Mal sah, dachte die 60-jährige noch, vor dem Rathaus werde ein Flohmarkt aufgebaut. Inzwischen blickt sie mit unverhohlener Abneigung auf das Lager. «Das ist doch verrückt», sagt sie. «Wie kann die Stadt so etwas dulden? Früher war das Marais chic.»Misstrauen im CampWährend sie spricht, kommt Luc Viger hinzu. Der 26-Jährige koordiniert die Pariser Sektion von Utopia 56, jener Organisation, die das Camp unterstützt. Die Menschen seien nicht freiwillig hier, sagt er zur Anwohnerin. Es fehle schlicht an dauerhaften Unterkünften. Dass die Polizei das Lager bald räumen werde, glaubt Viger nicht. Man sei mit dem Rathaus im Gespräch.Utopia 56 ist Hilfsorganisation und politischer Akteur zugleich. Der Verein versorgt Asylbewerber und Obdachlose mit Essen und anderen Hilfsgütern. Zugleich organisiert er Protestcamps und bringt Menschen gezielt an symbolträchtige Orte, um politischen Druck aufzubauen. Die Aktivisten treten dabei nicht nur als Helfer auf: Im Marais haben sie sich an den Zugängen zum Lager postiert und beobachten genau, wer dort filmt oder mit den Migranten spricht.Noch wenige Tage zuvor hatten die meisten von ihnen vor dem Sitz der öffentlichen Obdachlosenhilfe Samusocial in einem anderen Teil der Stadt campiert. Dessen Mitarbeiter streikten seit Ende Juni gegen Kürzungen bei den Notunterkünften. Nach dem Ende der Winterhilfe standen Hunderte Hotelzimmer nicht mehr zur Verfügung. Mitte Juli errichteten die linke Gewerkschaft CGT und Utopia 56 deshalb dort ein Protestcamp.Am 13. August räumte die Polizei den Platz wegen hygienischer Missstände und Sicherheitsrisiken. Busse sollten die Migranten in Aufnahmezentren ausserhalb der Region Paris bringen. Viele lehnten das Angebot jedoch ab. Rund 250 zogen daraufhin ins Marais und schlugen ihre Zelte vor dem Bezirksrathaus auf.Warum aber schlafen Familien lieber auf Matratzen unter Plastikplanen, als in vier Wänden unterzukommen? Viger, der Sprecher von Utopia 56, sagt, viele lebten seit Jahren in Paris, hätten hier Arbeit oder Kinder in der Schule. Ein Umzug in eine andere Region würde sie aus ihrem Alltag reissen. Zudem sei die dortige Unterkunft oft nur vorübergehend.Wer im Camp direkt mit den Migranten reden will, stösst zunächst auf Misstrauen. Die Helfer von Utopia 56 wollen wissen, für welche Zeitung der Reporter arbeitet. «Sind Sie von der extremen Rechten?», fragt einer. Erst nach längerer Diskussion kann man sich im Lager umsehen und mit Bewohnern sprechen.Obdachlose Migranten campieren vor dem Rathaus, nachdem ihr Lager zuvor vom Sitz des Samusocial geräumt worden war.Lafargue Raphael / ImagoUnter einer der Planen sitzen drei junge Frauen aus Westafrika, alle Anfang zwanzig. Zeinab aus Guinea hat ihr Baby vor den Bauch gebunden. Sie wirkt erschöpft, beinahe teilnahmslos. Auch ihr Mann Diallo ist ernst und zurückhaltend. Zeinab erzählt, sie sei mit ihrem Mann und ihren drei Kindern geflohen, weil Verwandte verlangt hätten, ihre vierjährige Tochter beschneiden zu lassen. Das Paar hat sich geweigert. Nun hoffen sie, in Frankreich bleiben zu können.Andere im Camp leben schon wesentlich länger in Frankreich. Aisha aus Côte d’Ivoire sagt, sie wohne seit drei Jahren an wechselnden Orten in Paris. Ihre zwei Kinder seien hier zur Welt gekommen. Über die Gründe ihrer Flucht will sie nicht sprechen. Jetzt hoffe sie vor allem auf eine Wohnung. Früher habe es mehr Unterstützung gegeben, heute fühle sie sich oft allein gelassen.Chronischer Mangel an UnterkünftenParis kennt solche Lager seit Jahren. Die Polizei räumt ein Camp, doch wenig später entsteht anderswo ein neues.Der Grund ist ein chronischer Mangel an Unterkünften. Frankreich verfügt zwar über rund 203 000 Plätze in der allgemeinen Notunterbringung. Doch das System ist überlastet, besonders im Grossraum Paris. Auch für Asylbewerber fehlen Plätze. So landen Menschen mit ganz unterschiedlichem Aufenthaltsstatus auf der Strasse, von neu angekommenen Asylbewerbern bis zu Ausländern, die seit Jahren legal im Land leben.In der Gesellschaft ist die Skepsis gegenüber Migration deutlich gewachsen; für eine ungesteuerte Einwanderung gibt es in Frankreich kaum noch Akzeptanz. Doch das Pariser Lager zeigt die andere Seite des Problems: Viele Migranten sind längst im Land, finden aber keinen Platz im regulären System.Um die Hauptstadt zu entlasten, richtete der Staat 2023 zehn regionale Aufnahmezentren ein. Sie sollen Betroffene vorübergehend in anderen Teilen Frankreichs unterbringen, lösen deren Wohnungsproblem aber nicht. Nach Recherchen von «Le Monde» durchliefen in zwei Jahren rund 6400 Personen diese Zentren. Nur 19 Prozent waren Migranten ohne Papiere, 32 Prozent Ausländer mit gültigem Aufenthaltstitel, die übrigen Asylbewerber.So erklärt sich der Kreislauf. Ein Lager wird geräumt, seine Bewohner werden auf Unterkünfte verteilt oder verschwinden wieder in den Strassen. Einige lehnen die angebotenen Plätze ab, weil ihr Leben längst in Paris stattfindet oder weil sie fürchten, nach wenigen Wochen anderswo erneut auf der Strasse zu stehen. Die Polizei kann die Zelte beseitigen. Die Wohnungsnot beseitigt sie damit nicht.Utopia 56 nutzt genau diese Lage für ihre Protestaktionen. Mit den wilden Camps an prominenten öffentlichen Orten setzen die Aktivisten die Behörden unter Druck, und ziehen zugleich den Unmut mancher Anwohner auf sich.Ärger um Bilder aus dem CampWie angespannt die Stimmung rund um das Lager im Marais ist, erlebte wenige Tage zuvor Tony Pittaro. Der 26-Jährige, früher tätig beim rechtsgerichteten Fernsehsender CNews, produziert heute Videos für soziale Netzwerke. Am 16. August kam er zum Camp, begleitet von Sébastien Bonnet, einem ehemaligen Kandidaten des rechtsnationalen Rassemblement national.Pittaro sagt, ein Mann habe ihn kurz nach Beginn seiner Aufnahmen aufgefordert, nicht mehr zu filmen. Als er sich weigerte, sei die Situation eskaliert. «Er sagte mir: Wenn du Bilder aufgenommen hast, schlage ich dir die Fresse ein.» Weitere Personen seien hinzugekommen und hätten verlangt, dass er seine Aufnahmen lösche. Dann hätten sie ihm den Weg versperrt, rund zehn Minuten lang habe er das Camp nicht verlassen können. Als sein Begleiter die Polizei rufen wollte, sei ihm das Telefon entrissen wordenPittaro erstattete Anzeige wegen Bedrohung und Freiheitsberaubung. Einige Videoaufnahmen des Vorfalls blieben erhalten und wurden den Ermittlern übergeben, wie seine Anwältin Lara Fatimi gegenüber der NZZ bestätigt. Wer an dem Vorfall beteiligt war, müssen nun die Ermittlungen klären. Fatimi sagt: «Keine militante Gruppe, keine Organisation und keine Privatperson kann entscheiden, welche Journalisten an einem öffentlichen Ort filmen dürfen.» Widerspruch sei legitim; Drohungen und Gewalt seien es niemals.Pittaro selbst tritt keineswegs als politisch distanzierter Reporter auf. Seine Videos sind bewusst zugespitzt, er sucht gezielt die Konfrontation und räumt ein, dass er auch «Spektakel» mache. An den Vorwürfen gegen die Beteiligten ändert das jedoch nichts.Verschwindet das Camp nun?Der Streik beim Samusocial ist inzwischen beendet. Nun könnte in den kommenden Tagen auch das Lager im Marais vor dem Ende stehen. Für die 253 verbliebenen Bewohner sei eine vorübergehende Unterbringung in städtischen Turnhallen vorgesehen, hiess es am Wochenende. Dort sollten sie bleiben, bis der Staat eine dauerhaftere Lösung findet.Ob damit tatsächlich alle Zelte vor dem Bezirksrathaus verschwinden, muss sich zeigen. Solange es im Grossraum Paris an dauerhaften Unterkünften fehlt, dürfte sich das Problem ohnehin nur verlagern.Passend zum Artikel