Der Sprintmeister lächelte. George Russell entpuppt sich zum Experten für das „Baby-Rennen“ der Formel 1. So nennt der Teamchef von Mercedes, Toto Wolff, die hier und da eingestreute 100-Kilometer-Sause der Königsklasse. Sein englischer Pilot beherrschte die Disziplin am Samstag auf der Rennstrecke von Zandvoort souverän: Start-Ziel-Sieg.Kein Wackler bei der Tour durch die Dünen vor dem Nordseestrand, dritter Sprint-Sieg im sechsten Versuch in diesem Jahr: „Es ist gut gelaufen, das Auto ist schnell“, sagte Russell, hielt sich aber nicht lange mit dem Zwischenstand auf: „Es wird definitiv eng werden.“ Es war schon eng. Eine Runde mehr und der einsetzende Regen hätte vermutlich manchen aus der Spitzengruppe doch noch zur Attacke gereizt.Nach 18 der 24 Runden schossen drei hinter Russell, Charles Leclerc im Ferrari, Lando Norris (McLaren) und Silberpfeil-Pilot Kimi Antonelli, jeweils in Schlagdistanz auf das Ziel zu. Aber allein der Italiener wagte einen kleinen Angriff vor der ersten Kurve: „Ich habe versucht, die Autos einzuholen, das war nicht wirklich möglich. Ich wollte aber auch nicht zu viele Risiken eingehen.“ Clever.Die Prozession von ZandvoortAntonelli gelang eine kleine Schadensbegrenzung als Vierter, weil er beim Start an Oscar Piastri (McLaren) vorbeikam und sein Vorsprung als Führender der Fahrerwertung vor Russell (Rang drei) vor dem Großen Preis der Niederlande an diesem Sonntag (15.00 Uhr im F.A.Z.-Liveticker zur Formel 1, bei Sky und RTL) nur auf 56 Punkte schrumpfte.Der 19 Jahre alte Pilot führt aber auch vor Augen, warum die Formel 1 in der Heimat des viermaligen Weltmeisters Max Verstappen (Sechster) nicht allein wegen der Refinanzierungsprobleme zum letzten Mal kreist. So sehr die Piloten die Sause durch die überhöhten Kurven mit 19 und 18 Grad Neigung, die „schnellen Kurvenkombinationen“, auch mögen: Im Rennen sehen sie kaum eine Chance, auf klassischem Weg dank ihrer Steuerkunst selbst in einem deutlich schnelleren Boliden vorbeizukommen. Die Strecke ist zu eng, hat keine langen Geraden, ist überholt.Das einzige Überholmanöver bei voller Fahrt in der Spitzengruppe gelang Leclerc in der 18. Runde vorbei an Norris auf Rang zwei. Dieser, schilderte sein Teamchef Andrea Stella, litt unter dem Verschleiß der Reifen auf der Hinterachse. Sonst wäre es wohl bei der Prozession geblieben. Denn Leclerc, als Einziger ganz vorne mit weichen Pneus gestartet, wunderte sich: „Ich hätte nicht gedacht, dass ich am Ende des Rennens mit diesen Reifen noch vorbeikomme.“Antonelli gelang es nicht, ihm zu folgen. Auch dies war eine Folge des kleinen Fehlers beim Qualifikationstraining am Freitag. Ein Ausflug ins Kiesbett schlug Löcher in den Unterboden des Mercedes, vielleicht auch ins Selbstvertrauen. Nach der Reparatur reichte es „nur“ zu Startplatz fünf. Anders gesagt: Wer viel gewinnen will in Zandvoort, muss weit vorne starten.Ferrari sitzt Mercedes im NackenDas Finale am Sonntag in Zandvoort nach bisher fünf Grand Prix seit der Rückkehr 2021 verspricht zwar beste Stimmung bei gefüllten Tribünen, solange die „Nederlandse Spoorwegen“, die Eisenbahn, Fans pünktlicher ins Ziel bringt als am Samstag. Ansonsten aber wird der Formel-1-Express eher in Reih und Glied kreisen. Regen, für manche Piloten auf den hinteren Plätzen ein Segen, ist nicht in Sicht.Aber im Dauerlauf über 300 Kilometer könnte die Spannung wachsen; falls der über eine Runde so fixe McLaren den Reifenverschleiß nicht in den Griff bekommt und Ferrari bestätigt, was sich am Freitag und Samstag erkennen ließ: Der neue Unterboden funktioniert. Leclercs Tour auf weichen Reifen bewies, wie mit dem SF26 die Pneus geschont werden können bei hohem Tempo. „Ich glaube nicht, dass wir das hätten machen können“, sagte Toto Wolff, „Charles ist zum Schluss sogar noch schneller geworden.“Nach der Sommerpause sieht es auf den ersten Blick nach einer weiteren Leistungsverdichtung unter den Top-Teams aus. Ferrari sitzt Mercedes im Nacken. In zwei Wochen, pünktlich zum Rennen auf dem Hochgeschwindigkeitskurs von Monza, soll ein stärkerer Antrieb die Scuderia-Piloten beschleunigen. Lewis Hamilton, Zweiter der Fahrerwertung hinter Antonelli, kann es kaum erwarten. Als Siebter kam er am Samstagmittag an Verstappen nicht heran, geschweige denn vorbei. An der Entwicklung seines Boliden, auch am vergleichsweise schwächeren Hybrid in seinem Rücken, siehe Leclerc, lag es nicht.Das war im Fall von Nico Hülkenberg ganz anders. Ein Antriebsproblem des Audi warf ihn erst ans Ende des Feldes, ehe er nach einem langen Aufenthalt in der Box noch einmal auf die Piste zurückkehrte. Sein Teamkollege Gabriel Bortoleto kam reibungslos in die Gänge. Der Neunte der Startaufstellung wurde unspektakulär Neunter in einem „Baby-Rennen“, das man auch als Abschiedsgeschenk der Formel 1 an den niederländischen Promotor betrachten kann. Einmal noch alle Aufmerksamkeit für Zandvoort. Selbst wenn sich nicht viel bewegt.
George Russell gewinnt Sprint-Rennen der Formel 1 in Zandvoort
Bei der 100-Kilometer-Sause in Zandvoort gelingt George Russell ein Start-Ziel-Sieg. Spektakel bietet der Sprint nicht. Aber im Dauerlauf über 300 Kilometer am Sonntag könnte die Spannung wachsen.











