In den Fertigungshallen von Deutz in Köln-Porz schlägt das Herz von zwei Welten, eine alte, traditionsreiche und eine noch junge, ungestüme. In der alten Welt liegt der Geruch von Kühlschmierstoffen und warmem Metall in der Luft, Greifarme bewegen tonnenschwere Gussblöcke, Funken sprühen. Auf den Prüfständen drehen Diesel- und Gasmotoren hoch. 160 Jahre Erfahrung, eine eingespielte Maschinerie.All das wird unterstützt, kontrolliert und gesteuert von der Technologie der neuen Welt, die sich unmerklich, aber unaufhaltsam ausbreitet: der eigenen KI‑Plattform. Sie ist kein Experiment, keine Spielerei bei Deutz, sie unterstützt bei der visuellen Qualitätskontrolle, wertet Messsignale aus, assistiert bei E-Mails und in Meetings. Und sie hat einen wunderbaren Namen, OttoVerse, benannt nach einem der Firmengründer, Nicolaus August Otto.Und noch etwas ist bei Deutz besonders: Der Motorenhersteller setzt auf Open-Source-Modelle aus China. Während die meisten Unternehmen in Deutschland und Europa amerikanische Anbieter nutzen und KI-Modelle aus China meiden, allenfalls testen und schon gar nicht darüber sprechen, betreibt Deutz sein OttoVerse offen und offensiv.Foto: WirtschaftsWoche„Entscheidend ist für uns nicht die Herkunft“, sagt Niklas Cox, Abteilungsleiter für KI-Anwendungen bei Deutz, „sondern eine Kombination aus Leistung, Effizienz und der Möglichkeit, die Modelle lokal zu betreiben.“ Hinzu kommen die Kosten: Chinas KI-Modelle sind günstiger – und lassen sich besser an die Bedürfnisse der Deutzer Entwickler anpassen als die geschlossenen Modelle von OpenAI oder Anthropic.In der Welt von Deutz klingt das logisch. In der großen Welt steht Deutz mit der Entscheidung im Epizentrum eines Ringens um die globale KI-Dominanz, die seit einigen Monaten mit immer neuer Härte und Tempo zwischen den USA und China ausgefochten wird. Ein epochales Rennen, bei dem die Chinesen beständig und erbarmungslos aufholen.Dabei dreht es sich nicht nur um Technologieführerschaft und Milliardengewinne. Sondern auch um informationelle Macht. Um die Kontrolle über Fakten, Nachrichten und ihre Auslegung. Wer die KI-Modelle kontrolliert, eicht die Normen der Zukunft. In einem Szenario könnte die virtuelle Welt in zwei Blöcke oder zumindest Sphären zerfallen, in denen entweder amerikanische oder chinesische Agenten und Modelle dominieren.Das mögliche KI-Schisma ist in der Kölner Welt eines Maschinenbauers natürlich weit weg und abstrakt. Deutz hat einfach eine pragmatische Entscheidung getroffen: Das Unternehmen könne die KI-Modelle jederzeit wechseln und je nach Einsatzzweck das Passende nutzen, sagt KI-Manager Cox, „egal, woher es stammt“. Eines der am längsten lokal genutzten Modelle kommt aus China. Deutz nutzt es unter anderem für logische Aufgaben, Kontrollen und analytische Prozesse. Der qualitative Abstand zwischen kommerziellen Top-Modellen, etwa aus den USA, und leistungsfähigen Open-Source-Modellen, wie jenen aus China, schrumpfe immer weiter, sagt Adarsha Kanchana, verantwortlich bei Deutz für die Digitalisierung des Geschäfts.Leserfrage Warum sind KI-Systeme aus China oft viel billiger als die aus den USA? KI-Nutzung treibt IT-Kosten in die Höhe – viele Unternehmen liebäugeln mit günstigeren Modellen aus China. Ein Leser fragt nach Gründen der Preisdifferenzen. von Thomas KuhnNatürlich gab es Vorbehalte. Als die ersten chinesischen Modelle eingesetzt wurden, fürchtete mancher um die digitale Souveränität. Doch die Akzeptanz im Management für offene Modelle wuchs, unabhängig von deren Herkunft. Denn man nutzte sie ja lokal und blieb flexibel. Zumal die KI auf strikt abgeschotteten Systemen in der Firmen-IT lief. „Sensible Daten können das Unternehmen nicht verlassen“, betont KI-Teamleiter Cox.China-Schock 4.0Die Frage aber, ob Unternehmen, Universitäten, Behörden oder Privatpersonen DeepSeek oder Anthropic nutzen, geht weit über Deutz und andere betriebswirtschaftliche Entscheidungen hinaus. Denn China strebt in dieser Schlüsseltechnologie erneut globale Dominanz an. Und dies wäre anders gelagert als bei Solarpaneelen, Batterien, Seltenen Erden oder E-­Autos. Diese Marktmacht schmerzt, kostet Jobs, Gewinne und Marktanteile. Eine KI-Herrschaft trifft ins Herz des Systemkonkurrenten, berührt die Fundamente der westlichen Marktwirtschaft.DeepSeek-Gründer Liang Wenfeng entwickelte auf der IT seines Hedgefonds High-Flyer seine KI-Plattform Foto: VCG via Getty ImagesUnd wie schon bei E-Autos und Solarzellen geht China konsequent und unerbittlich vor. Vor einigen Wochen erst hatte Staatschef Xi Jinping auf Chinas wichtigster KI-Konferenz einen großen Auftritt. Er spielte auf das Risiko eines digitalen Kolonialismus an, warnte vor einer „neuen historischen Ungerechtigkeit“, sollten ärmere Staaten KI-technologisch abgehängt werden. Und natürlich erbot er sich als Patron und Schutzmacht. China werde mit Partnern in Südostasien, Afrika, Lateinamerika sowie im Nahen Osten Zentren für ­KI-Anwendungen bauen und Entwicklungsländern 5000 KI-Schulungsplätze zur Verfügung stellen.„Xis Ziel ist es, die weltweite Verbreitung chinesischer Technologie zu beschleunigen“, resümiert Lizzi Lee vom Asia Society Policy Institute’s Center for China Analysis in einem Gastbeitrag für die „Financial Times“. Lee spricht von einem „China Schock 4.0“: nach dem Beitritt zur Welthandelsorganisation im Jahr 2001, der „Cleantech-Welle“ und dem ersten digitalen Angriff mit Unternehmen wie Alibaba oder Tencent. „Die Dynamik hinter dem China-Schock 4.0 ist stark“, so Lee. „Die Welt ist nicht auf das vorbereitet, was als Nächstes kommt.“Wirtschaft von oben Hier bereitet China den Angriff auf Nvidia, Anthropic und OpenAI vor Solar, Batterien, Autos – das reicht Peking nicht. Chinas Führung will auch den KI-Markt dominieren und lässt an den ­Peripherien des Landes regelrechte Rechenzentrumsstädte bauen. von Thomas Stölzel und Jörn PetringDas Dominanzstreben blitzt schon in Kleinem auf, etwa bei Jobanzeigen. Moonshot AI sucht derzeit Praktikanten, die neue Märkte auskundschaften, Diskussionen auf X, Reddit und Discord verfolgen, Kritik von Nutzern aufspüren und ihre Analysen direkt an die Produktentwickler weitergeben. Fremdsprachenkenntnisse? Erwünscht. Englisch? Klar. Aber gern auch Arabisch, Türkisch, Russisch, Vietnamesisch, Indonesisch – und Deutsch. Arbeitsbeginn? Schnellstmöglich. Dienstort: 76 Zhichun Road, Gebäude 1, 13. Stock, mitten in Pekings Techbezirk Haidian – dem Hauptsitz des Start-ups, das erst 2023 gegründet wurde. Wo jene Modelle entstehen, die weltweit für Schlagzeilen sorgen, zuletzt im Juli. Und die amerikanischen KI‑Konzerne ein Stück mehr zu Getriebenen macht.Auch auf Expertenlevel wird gesucht. „Marketing-Enthusiasten“ sollen etwa ­regionale Kampagnen orchestrieren, PR-Chefs die Marke popularisieren, sie bei Reuters, Bloomberg, BBC und Fachmedien wie „TechCrunch“ oder „Wired“ platzieren. Ihr gemeinsamer Auftrag: „Wer seine Marke lokalisieren will, muss mehr tun als übersetzen: Er muss den Markt verstehen.“ Es sind keine Stellenanzeigen – sondern Kampfansagen.Moonshot-AI- Gründer Yang Zhilin ist einer der weltweit meistzitierten KI-Forscher für Deep Learning Foto: IMAGO/Avalon.redEine Studie der Friedrich-Naumann-Stiftung zeigt, dass China mit dem Eroberungszug bereits maßgebliche Erfolge erzielt hat. Demnach kommen chinesische KI-Chat-Anbieter wie DeepSeek auf den Philippinen bereits auf 47 Prozent Marktanteil auf Android-Geräten, in Peru auf 38 Prozent, ebenso in Indonesien. Und diese Modelle lesen Rechnungen und Verträge, ordnen Geschäftsvorgänge, sortieren Korrespondenz mit Kunden.Am Golf gelang China schon 2025 ein prestigeträchtiger Treffer: Der saudische Ölkonzern Aramco nutzt DeepSeek in seinem Rechenzentrum. Vorstandschef Amin Nasser ließ die Welt wissen, die Software sei in puncto Kosten, Effizienz und Ressourceneinsatz konkurrenzlos.Auch in Deutschland arbeiten immer mehr Unternehmen mit chinesischen Modellen. Siemens hat offiziell eine Partnerschaft mit Alibaba für das Chinageschäft verkündet. Forschungsteams der Berliner Charité arbeiten mit China-KI, die Universität Magdeburg verbreitet die Nutzung stolz auf Facebook: „Open ­Source statt Black Box: KI in der Klinik neu ­gedacht!“Die meisten Großunternehmen halten ihre Nutzung noch aus der Öffentlichkeit. Doch hinter den Kulissen gehören leistungsfähige Modelle aus China längst zum Repertoire. Tobias Regenfuß, KI-Experte bei Accenture, nennt sowohl eine große Bank als auch Autohersteller, die Alibabas Qwen-Modell nutzen. China lockt Was Unternehmen bei der Nutzung von chinesischen KI-Modellen beachten solltenAls US-Präsident Donald Trump den Entwickler Anthropic anwies, KI-Spitzenmodelle für ausländische Nutzer zu sperren, war das für viele Anwender ein Schock. Doch der Umstieg auf chinesische Modelle allein schafft keine Souveränität; abgesehen davon, dass sie nicht in jedem Fall funktional gleichwertig sind. Wichtiger ist, sich nicht an eine Plattform zu binden, sondern die eigene IT so aufzubauen, dass ein Wechsel zwischen KI-Anbietern und -Modellen jederzeit möglich ist.Weil chinesische Open-Source-KI intensiv durch die Nutzer getestet wird, ist der Einbau von Schadcode unwahrscheinlich. Antworten können aber durch Trainingsdaten oder Zensurregeln ideologisch gefärbt werden. Das ist bei Qualitätskontrolle weniger heikel als etwa die KI-gestützte Auswahl von Lieferanten, zum Beispiel aus Ländern wie Taiwan. Kritische Unternehmensentscheidungen sollten nicht allein auf chinesischer KI basieren.Experten halten das für machbar, wenn die KI nur auf firmeneigener Infrastruktur läuft und intensiv überwacht wird. Je wichtiger ein KI-Dienst, desto stärker die eigene Kontrolle. So wird China ein flexibler IT-Baustein und nicht neues Einfallstor für Datenklau oder Agitation.Thomas Tschersich, IT-Sicherheits­chef der Deutschen Telekom, berichtet, dass die Modelle für Kunden verfügbar sind: „Über unsere Cloud-Plattform AI Foundation Services bieten wir neben US-Modellen auch chinesische Modelle an. Darunter Open-Source-Modelle wie Alibabas Qwen, die wir datenschutzkonform in unserer Infrastruktur betreiben.“Neun Monate? Sechs!Tempo und Taktung chinesischer KI-Anbieter überraschen und überrumpeln die westliche Konkurrenz immer wieder. Als Moonshot Kimi K3 vorstellte, schrillten in den USA wieder die Alarmglocken. Ein Modell mit 2,8 Billionen Parametern – das sind Zahlenwerte im neuronalen Netz, die das Modell während des Trainings gelernt hat –, das größte offene KI-Modell der Welt. Nach Messungen des unabhängigen Testhauses Vals AI liegt Kimi K3 nur noch knapp hinter Anthropics Spitzenmodell Fable 5 – und vor OpenAIs Flaggschiff GPT-5.6 Sol.Wenige Tage später präsentierte Alibaba Qwen 3.8 Max, mit 2,4 Billionen Parametern, nach eigener Einschätzung das zweitbeste Modell der Welt hinter Fable 5. Wie weit also sind die Chinesen noch zurück? Und sind sie es überhaupt noch? Aus Sicht von Anthropics Sicherheitspolitik-Chef Tarun Chhabra dauert es noch maximal neun Monate, bis China auf Augenhöhe ist. Stanford-Forscher Graham Webster rechnet mit sechs. So oder so, es ist eine Frage der Zeit.Wie aber gelingt China diese Aufholjagd? Den KI-Wettbewerb innerhalb der Volksrepublik darf man sich nicht als zentral gelenkte China Inc. vorstellen. Peking hat keinen nationalen Sieger auserkoren. Stattdessen tobt ein zweites Rennen, zwischen etablierten Technologiekonzernen wie ByteDance, Alibaba, Tencent und Baidu sowie Angreifern wie DeepSeek, MiniMax, Moonshot oder Z.ai. Die Grenzen zwischen den Lagern sind fließend. Die Konzerne entwickeln eigene Modelle und finanzieren zugleich mögliche Rivalen. Ein Wettbewerb, der an Chinas Elektroautoindustrie erinnert.Autoindustrie Die Fahrfehler der deutschen Autobauer – und ihre letzte Chance Die Chefs der deutschen Autohersteller sind in den ver­­­gangenen Jahren falsch abgebogen. Und die Politik hat sie in die Irre geführt. Nun ist sie da, die Existenzkrise – und die Frage: Wird das noch mal was? von Martin Seiwert, Benedikt Becker, Stefan Hajek und weiterenNeue Modelle kommen in immer kürzeren Abständen auf den Markt, auf einen technischen Sprung folgt häufig die nächste Preissenkung. DeepSeek löste mit seinen niedrigen Preisen eine Rabattschlacht aus. Alibaba, Baidu und Tencent reagierten mit Nachlässen und teils kostenlosen Angeboten.Geld verdient dabei kaum ein Unternehmen. Z.ai und das Shanghaier KI-Unternehmen MiniMax wachsen zwar schnell, schreiben aber hohe Verluste. Die Internetkonzerne können den Kampf aus ihren etablierten Geschäften finanzieren. Die Start-ups müssen immer wieder neues Kapital aufnehmen. Z.ai und MiniMax gingen Anfang des Jahres in Hongkong an die Börse, Moonshot bereitet einen Börsengang vor. Dabei strebt die von Alibaba unterstützte Firma eine Bewertung von 30 Milliarden Dollar an – klingt wenig im Vergleich zu den Summen, die Anthropic und OpenAI aufrufen. Aber viel für eine Firma, die wiederkehrende Umsätze von gut 200 Millionen Dollar meldet.Moonshot will allerdings über einen bequemeren Zugang Geld verdienen. Wer Kimi über die Programmierschnittstelle nutzt, zahlt nach Verbrauch. Die Kimi-App lässt sich kostenlos herunterladen, Moonshot verkauft dann aber Abos für eine intensivere Nutzung. Das Angebot kommt im Ausland an: Bei Google Play erreichte Kimi Anfang August mindestens fünf Millionen Downloads.Die Fronten beim Kampf der Systeme verlaufen nicht starr und statisch, die Grenzen zwischen Konkurrenz und Kooperation sind fließend: Bei der Verbreitung von Chinas Modellen helfen US‑Konzerne. So bietet Amazon DeepSeek und Qwen über seine Cloud an, Microsoft und Google führen DeepSeek auf ihren KI‑Plattformen. Ein Unternehmen kann dort ein chinesisches Modell fast genauso einfach buchen wie ein amerikanisches.1,35 Milliarden DownloadsChina benötigt deshalb nicht überall eine eigene Cloud oder eine Vertriebsmannschaft. Chinesische Modelle können sich auch über die Infrastruktur der amerikanischen Konkurrenz verbreiten. Gleichzeitig bauen chinesische Konzerne wie Huawei und Alibaba ihre eigenen Cloud-Angebote im Ausland aus.Entscheidend ist bei dem Wettrennen ein technischer Unterschied. Die großen US-Anbieter arbeiten mit geschlossenen Modellen: Wer ChatGPT oder Claude nutzt, schickt seine Anfragen in der Regel an die Server der Anbieter, die kontrollieren, wo und wie Daten verarbeitet und – je nach Dienst und Vertrag – gespeichert werden. Chinesische Anbieter bieten sogenannte „Open Weight“-Modelle an: Unternehmen können sie herunterladen, auf eigenen Servern betreiben und anpassen. Sensible Daten müssen das eigene Rechenzentrum gar nicht verlassen.Serviceroboter im KI-Rechenzentrum von China Telecom, Chinas angeblich erstem CO2-neutralen Rechenzentrum Foto: China News Service via Getty ImaIn absoluten Zahlen sind US-Anbieter wie ChatGPT, Gemini, Claude, Perplexity, Grok und Meta AI mit mehr als 1,35 Milliarden Downloads zwar noch weit in Führung, wie die Studie der Naumann-Stiftung zeigt. Chinesische Anbieter wie Dola, DeepSeek und Qwen erreichen aber bereits mehr als 206 Millionen Downloads, Tendenz: rasant steigend – auch weil selbst amerikanische Modelle bisweilen auf chinesische Hilfe angewiesen sind.Mitte Juli wurde die Open-Source-Plattform Hugging Face Ziel eines Cyberangriffs – Angreifer waren OpenAI-Modelle, die bei einem Sicherheitstest ausgebrochen waren und sich selbstständig in die Server von Hugging Face hackten. Als das Team von Hugging Face US-Spitzenmodelle um Hilfe bei der forensischen Aufarbeitung bat, verweigerten die den Dienst.120Billiarden Tokenkönnten Unternehmen im Jahr 2030 jeden Monat verbrauchen, schätzt Goldman SachsIhre Schutzfilter konnten einen Verteidiger, der echten Angriffscode analysieren wollte, nicht von einem Angreifer unterscheiden. Also luden die Ingenieure GLM-5.2 von Z.ai herunter, ließen es auf den eigenen Rechnern laufen – und das System sichern. Er sei dem Pekinger Start-up „zutiefst dankbar“, schrieb Clément Delangue, Gründer von Hugging Face, anschließend auf X. Das chinesische Modell sei „ein zentraler Teil unserer Verteidigung“ geworden.Ein amerikanischer KI-Pionier, gehackt von amerikanischer KI und gerettet von chinesischer – verkehrte Welt.Selbst für viele US-Unternehmen sind die chinesischen Modelle inzwischen für bestimmte Anwendungen erste Wahl. Auf OpenRouter, einer Art Umschlagplatz, über den Entwickler ihre Anfragen an das jeweils passende Modell schicken, tauchten chinesische Modelle vor zwei Jahren nur in einem Prozent der Fälle auf. Beim Abruf Anfang August kamen die fünf Modelle mit dem höchsten wöchentlichen Tokenverbrauch aus China.Zu den Kunden gehören auch US-Unternehmen: Airbnbs Kundenservice-Bot läuft im Wesentlichen auf Alibabas Qwen. Der Fall des Zimmervermittlers ist besonders pikant und prototypisch. Airbnb-Chef Brian Chesky – der mit OpenAI-Chef Sam Altman befreundet ist – hatte im August 2025 verkündet, man würde ChatGPT ja nutzen wollen, es sei aber nicht „robust“ genug. Man hänge stark von Qwen ab, um den eigenen Kundenservice zu trainieren, Alibabas Modell sei „sehr gut“ und „schnell und billig“.Sam Altman, CEO von OpenAI, fordert, US- und chinesische Forscher sollten KI- Risiken gemeinsam reduzieren Foto: Winni Wintermeyer/Redux/laifNach einem Brief von Kongressabgeordneten, die ein Sicherheitsrisiko sahen, musste Chesky einiges klarstellen. Airbnb nutzte Qwen auf eigener Infrastruktur und sei kein Kunde von Alibaba. „Wir stellen keinerlei Daten chinesischen Unternehmen zur Verfügung“, sagte Chesky. „Sie haben keinen Zugriff auf irgendwelche Daten.“ Und: „Ein Open-Source-Modell hat keinen Zugriff auf Daten. Die Leute müssen erst einmal verstehen, wie das Ganze funktioniert.“Dabei ist Airbnb nicht allein. Der Lieferdienst DoorDash lässt seine Software von Kimi prüfen und schaltet US-Modelle nur noch bei besonders harten Problemen zu. Die Rechtssoftwarefirma Harvey hat GLM-5.2 von Z.ai so trainiert, dass es selbstständig entscheidet, wann eine Aufgabe zu schwer ist – und erst dann das teure Fable 5 von Anthropic zu Hilfe ruft. All das sind rationale, betriebswirtschaftliche Entscheidungen, Unternehmen schauen, wie es am besten und billigsten geht.Tal Feldman warnt dennoch, die Risiken zu unterschätzen. Der Yale-Forscher, der unter anderem für das Pentagon KI-Modelle gebaut hat, warnt vor Naivität. Denn Peking lässt zwar einen Wettbewerb zwischen den chinesischen Modellen zu, setze ihnen aber Grenzen. Jedes Angebot muss behördliche Kontrolle durch­laufen. Geprüft wird etwa, ob die Systeme mit den „sozialistischen Kernwerten“ konform sind.Wer eine chinesische KI zur Unabhängigkeit Taiwans fragt oder zum Tian’anmen-Massaker 1989, wird keine, ausweichende oder falsche Antworten bekommen. Aus Feldmans Sicht läuft die Einflussnahme noch deutlich subtiler ab, in der „Chain of Thought“, der stillen Abwägung, die jedes Modell durchlaufe. Wer dort ansetze, müsse nicht ­zensieren – er müsse nur die Antworten lenken.Eine Analyse mit dem Titel „Tokens of AI Bias“ zeigt, wie das offenbar funktioniert. Sie wurde Anfang des Jahres vom China Media Project veröffentlicht, das zu Chinas Medienlandschaft, Zensur, Propaganda forscht und sich Alibabas Qwen vorgenommen hat. Demnach ist das Modell so trainiert, dass es in der Abwägung eher positive Botschaften über China produziert. Frage ein Manager die KI beispielsweise, welchem Lieferanten er vertrauen oder ob er nach China expandieren soll, priorisiere das Modell in seiner Antwort die Interessen der chinesischen Regierung – nicht die des Nutzers.Warnhinweis für China-KIYale-Forscher Feldman fordert eine Kennzeichnungspflicht. So wie Fernseher, Pullover oder Handys das Label „Made in China“ tragen, solle jede China-KI ein Etikett „Made for China“ verpasst bekommen. Ob das etwas bewirkt? Schließlich bestellen die Menschen auch bei Shein und Temu, obwohl sie wissen, dass es billig produzierte Massenware ist. Und es sind die Kosten, die Chinas Modelle so wettbewerbsfähig machen.Die Amerikaner setzen auf Eindämmung und Abschirmung. Der US-Kongress hat DeepSeek auf Regierungs- und Militärnetzen verboten. In der Regierung wird über schärfere Schritte gestritten: Die Bandbreite reicht von neuen Zöllen bis zu einem Bann für chinesische KI.Die bisherigen Exportkontrollen haben eher das Gegenteil bewirkt: Sie zwangen die Chinesen, aus der knappen Rechenleistung mehr herauszuholen. So wie im Kalten Krieg, als Entwickler in der Sowjetunion minderwertige Computer ­effizienter programmieren mussten.Und so nimmt die Nervosität in den USA zu, auch weil viele Konzerne für die Zukunft fantastische Umsätze und Gewinne versprochen haben – ohne die Konkurrenz aus China auf dem Zettel zu haben. Dean Ball, Stratege bei OpenAI und ehemaliger KI-Berater der Trump-Regierung, warnte auf der Plattform X, eine von offenen Modellen dominierte Welt laufe auf „vollständigen KI-Kommunismus“ hinaus. KI nicht als Marktprodukt, sondern als Gut, das vom Staat als digitale öffentliche Infrastruktur bereitgestellt werde. „Diese Zukunft erscheint mir wie eine dystopische Hölle.“ Auch Anthropic-Chef Dario Amodei warnt vor den Gefahren von frei herunterladbaren Modellen, die Infrastruktur hacken können.Der Investor David Sacks, lange Trumps oberster KI-Berater, tritt weiter aufs Gaspedal – und warnt vor weiterer Regulierung, staatlicher Vorabprüfung von KI-Modellen oder Beschränkungen beim Bau von Rechenzentren. „So verliert man das KI-Rennen. Der Rest der Welt wird sich nicht an unsere Regeln halten, wenn wir uns selbst ausbremsen“, sagte Sacks kurz nach der Veröffentlichung von Moonshots Kimi K3. Regulierung dürfe auch nicht missbraucht werden, um billige Konkurrenz aus China auszuschalten.Die Haltung der US-Techkonzerne ist dabei keineswegs einheitlich und eindeutig. Als Finanzminister Scott Bessent Ende Juli Sanktionen gegen chinesische KI wegen geistigen Diebstahls ins Spiel brachte, formierte sich eine Gegenfront. Microsoft, Nvidia und Palantir unterzeichneten mit 20 anderen Unternehmen einen offenen Brief. Sie warnten vor „verfrühten Beschränkungen“ für Open-Weight-Modelle, die „den Wettbewerb ersticken oder Innovation ins Ausland treiben“ würden. Open-Weight-Modelle stärkten den Wettbewerb und sorgten dafür, dass die Vorteile der Technologie „breit geteilt werden, anstatt sich in den Händen einiger weniger zu konzentrieren“.Anthropic-Mitgründer Dario Amodei wirft chinesischen Entwicklern vor, eigene KI anhand seiner Modelle trainiert zu haben Foto: Thea Traff/The NewYorkTimes/Redux/laifRat zu TechnologiemixUmgekehrt haben die Amerikaner keine Lobby in China. Ihre Modelle sind dort nicht verfügbar. OpenAI bietet offiziell weder ChatGPT noch Schnittstellen an. Denn ein regulärer Markteintritt würde bedeuten, sich Chinas Zulassungsregime zu unterwerfen. Generative KI muss dort per Vorschrift die „sozialistischen Grundwerte“ achten, der Anbieter haftet für jede unerwünschte Antwort.Für Europa ist der globale KI-Zweikampf also eine Wahl zwischen zwei Abhängigkeiten. Experten empfehlen Unternehmen einen „Technologiemix“ aus amerikanischen und chinesischen Modellen. Wichtig ist eine Kombination aus ­lokaler Infrastruktur, technischer Isolierung und kontinuierlicher Risikobewertung. So wie Deutz es vormacht: „Die Möglichkeit, je nach Aufgabe das optimale Modell zu wählen und bei Bedarf schnell zu wechseln, wird zum Herzstück der KI-Plattformen“, sagt Deutz-Manager Kanchana.Ein reiner Schwenk zu Kimi K3 und Co. aus Kostengründen wäre riskant – weil man erpressbar wäre. Zumal die Regierung in Peking laut Beobachtern bereits mit Alibaba, ByteDance und Z.ai darüber verhandelt, den Auslandszugang zu ihren besten kommenden Modellen zu beschränken. Aber auch die Amerikaner haben im Juni kurzzeitig das neueste Modell von Anthropic, Fable 5, beschränkt.Und was wäre mit einer eigenen KI‑Alternative? Der frühere Google-Chef Eric Schmidt hatte bereits im Januar auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos dafür geworben. Europa, sagte er, müsse dringend ein eigenes Modell entwickeln. Sonst würde man auf Dauer Gefahr laufen, allein chinesische Modelle nutzen zu müssen.Eine europäische Alternative gibt es bisher nicht. Das Modell von Mistral gilt nicht als konkurrenzfähig. Ein EU‑Modell, das für alle der 24 offiziellen Amtssprachen funktionieren soll, wird wohl noch Jahre brauchen. Ob es dann wettbewerbsfähig ist, ist fraglich. Trotzdem verkündet EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen, Europa zum weltweit „ersten KI-Kontinent“ machen zu wollen.Zehn Milliarden Euro sollen die Mitgliedstaaten ausgeben – während allein die fünf US-Techkonzerne in diesem Jahr 725 Milliarden Dollar investieren.Es bleiben bis dahin also nur pragmatische Entscheidungen. So wie bei Deutz in Köln. Wo es nie nur um Kosten ging. Schließlich gebe man bei US-Anbietern auch sensible Inhalte aus der Hand, sagt KI-Teamleiter Cox, die „irgendwo in der Cloud verarbeitet“ würden. Dann doch lieber – lokal – im OttoVerse.