Der Jupe in Knielänge, lange die Büro-Uniform schlechthin, wird auf dem Laufsteg und im Street-Style immer beliebter. Aber wie kombiniert man ihn, ohne spiessig zu wirken?Selten klingt man altbackener, als wenn man über Rocksäume spricht. Ist das nicht ein Thema aus dem letzten Jahrhundert, als Saumlängen ein Politikum waren? Als man ihr Schrumpfen und Ausdehnen überwachte wie Aktienkurse und zum gesellschaftlichen Barometer hochstilisierte? Als man neue Kollektionen als Diktat begriff und Dresscodes mit Längenangaben keine Seltenheit waren?Doch jüngst ist die Rocksaum-Diskussion beim Blick auf die Fashion-Weeks und auf Social Media unvermeidbar geworden. Denn dort landen sie auffällig oft mitten auf dem Knie oder zumindest sehr, sehr nahe daran.Spiel mit der StrengeDie modische Macht der Rocklänge ist nämlich nicht zu unterschätzen. Sie kann eine Silhouette definieren und den Grad der Bewegungsfreiheit bestimmen. Oder die Trägerin heillos spiessig erscheinen lassen. Diese Gefahr besteht insbesondere bei der Knielänge. Denn es ist eben nicht die modische Avantgarde, die man im Alltag damit in Verbindung bringt. Sondern eher die altbackenen Deux-Pièces aus der Businesswelt.Genau damit solle man spielen, wenn man einen knielangen Rock tragen möchte, rät der in Paris wohnhafte Zürcher Stylist Tim Tobias Zimmermann. «Strenge kann auch etwas Cooles sein, wenn man sie richtig einsetzt», sagt er. Als Inspiration nennt Zimmermann Carolyn Bessette-Kennedy, die 1999 bei einem Flugzeugabsturz mit ihrem Ehemann John F. Kennedy junior ums Leben kam und dank der Fernsehserie «Love Story» das bisher einflussreichste Stilvorbild des Jahres 2026 ist. Fan der Knielänge: Carolyn Bessette-Kennedy mit John F. Kennedy junior 1997 in Boston. Getty Images Das Model Kendall Jenner im Mai 2026, während des Höhepunkts des CBK-Hypes, im knapp knielangen Jupe. Getty Images Ihre Proportionen und ihre Attitüde können nicht alle nachahmen. Ihre Styling-Kniffe schon. «Sie brachte immer etwas Verspieltes in die Looks ein, sei es ein Haarreif oder eine Sonnenbrille. Oder das Offenbaren von Haut. Ein tiefsitzendes Décolleté etwa, nackte Arme oder eine sexy Sandalette», sagt Zimmermann. Er nennt Labels wie Róhe, Totême und The Row, die den von den neunziger Jahren inspirierten Look besonders gekonnt adaptieren.Die Prada-LängeEin Label assoziiert man besonders stark mit knielangen Röcken: «Für Mode-Experten ist der Saum, der bis zum Knie reicht, die ‹Prada-Länge›», schrieb die bekannte Modejournalistin Suzy Menkes bereits 1994 in der «New York Times». Das war ab der ersten Kollektion von Miuccia Prada in den späten achtziger Jahren so und ist es bis heute. Wenn die Designerin sich nach ihren Defilees kurz verbeugt, trägt sie mit grosser Wahrscheinlichkeit einen Jupe in Knielänge. Miuccia Prada nach der Prada-Show im Januar 2026 mit dem Co-Kreativdirektor Raf Simons. Ihr Rocksaum liegt, wie so oft, in der Nähe ihres Knies. Getty Images Das spiegelt sich auch auf dem Laufsteg des Modehauses. In der Kollektion für Herbst/Winter 2026 etwa sah man knielange Röcke in pudrigem Blau und plissiert, mit grellgelben Perlen bestickt oder total transparent. Statt aber alle Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen, waren sie ein Statement-Stück von vielen. Baumwollsocken schlängelten sich zum Knie hoch, ein asymmetrisches Kleid lugte unter dem Saum hervor. Getty Images Ein bisschen Knie und sehr viel anderes: Prada, Herbst/Winter 2026. Schicht für SchichtEinen ähnlich grosszügigen Styling-Ansatz entdeckt man bei Marni. Die Debütkollektion der belgischen Designerin Meryll Rogge für Herbst/Winter 2026 war gespickt mit knielangen Röcken. Einer war spektakulärer als der nächste, und doch wurde ihnen nie das Feld überlassen: Rogge legte wild gemusterte Mäntel über sie und steckte paillettenbesetzte Oberteile in sie hinein. Getty Images Ein Debüt voller Knielängen: die Marni-Show für Herbst/Winter 2027, entworfen von der Belgierin Meryll Rogge. Die vielen Schichten haben den Vorteil, dass sie weitere horizontale Linien hinzufügen können. So wird der Blick nicht automatisch zum Rocksaum gelenkt, der das Bein entzweit. Denn das sei die grösste Schwierigkeit des knielangen Rocks, sagt Tim Tobias Zimmermann, gerade wenn man nicht besonders gross sei: «Dadurch staucht und drängt er und erzielt oftmals keine vorteilhafte Silhouette.» Der Stylist gibt zwei Ratschläge, um diese Wirkung zu mindern: «Schuhe, die den Fuss strecken und das Bein nicht noch einmal unterteilen. Auch ein kleiner Absatz kann Wunder bewirken. Wenn der Schuh in der gleichen Farbe wie der Rock ist, streckt das die Silhouette noch einmal.»«Das Verhältnis verändern. Wer eher einen kurzen Oberkörper hat, kann gut zu einem Rock greifen, der eher ‹low waist› sitzt. Wer eher kurze Beine und eine kleine Körpergrösse hat, kann zu einem Rock greifen, der in der Taille sitzt. So verteilen sich die Proportionen anders.» Alexa Chung hätte es nicht nötig, aber die spitzen, braunen Pumps verlängern optisch ihre Beine. Getty Images Die Frage des MaterialsUnd die Stoffe? Entscheidet man sich für ein Deux-Pièces, kann man es praktisch wie ein Kleid behandeln. Um nicht allzu formell oder wie bei einer Konferenz zu wirken (ausser man ist bei einer Konferenz), helfen prunkvolle Texturen, wie sie derzeit bei Chanel zu sehen sind, oder Asymmetrie, wie sie Chloë Sevigny kürzlich trug. Die Schauspielerin Chloë Sevigny Ende Juni 2026 in Vivienne Westwood. Getty Images Das Model Paloma Elsesser im Juli 2026 in Chanel. Getty Images Derzeit besonders hoch gehandelt wird aber der Materialmix. Wie wählt man ihn? «Ich finde es persönlich immer gut, wenn das Oberteil aus einem leichteren Material besteht als der Rock. So entsteht ein harmonischeres Bild», sagt Zimmermann. Diesen Herbst rät er zum Beispiel zu einer Kombination aus Lederrock und Strickoberteil.Möchte man schliesslich jegliche Andeutung von Adrettheit verbannen, lohnt sich ein Blick zu Carine Roitfeld. Ohne einen knielangen Rock sieht man die französische Stylistin selten. Ein spitzer Slingback hier, ein Band-Shirt da, goldene Pailletten oder ein absichtlich abgerockter Saum lockern die Formalität des Jupes auf. Getty Images Die unbestrittene Königin des Knielangen: Die Stylistin und Redaktorin Carine Roitfeld. Roitfeld entschied sich in den nuller Jahren für diese Uniform, als sie Chefredaktorin der «Vogue Paris» wurde. Der knielange Rock, zusammen mit hohen Schuhen, unterstreiche ihr Körperbewusstsein und mache ihre Postur und ihren Gang kräftiger, sagte sie einmal. Und er unterschied sie von ihren Kolleginnen, die alle Jeans trugen. Kurz: Dieser Rock hat es in sich. Newsletter Die besten Artikel aus «NZZ Bellevue», einmal pro Woche von der Redaktion für Sie zusammengestellt.
Bitte nicht bieder: Wie trägt man einen knielangen Rock?
Der Jupe in Knielänge, lange die Büro-Uniform schlechthin, wird auf dem Laufsteg immer beliebter. Aber wie kombiniert man ihn, ohne spiessig zu wirken?






