Hitze: Das Denken fällt schwer, die Muskeln krampfen, und irgendwann kann das Herz nicht mehr Hohe Temperaturen beeinflussen uns massiv. Aber was passiert in unserem Körper, wenn es draussen immer heisser wird? Eine Erkundung unseres natürlichen Kühlsystems – und seiner Grenzen.22.08.2026, 05.30 Uhr6 LeseminutenZu schwitzen, ist unangenehm. Für unseren Körper aber ist Schweiss ein wichtiges Kühlsystem, das ihm während heisser Tage hilft.Pony Wang / E+ / GettyEs gibt Tage, an denen wir die Jalousien erst am Abend oder in der Nacht öffnen und mit dem ersten Tageslicht wieder verschliessen – es ist einfach zu heiss.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Und Hitze bewirkt etwas in uns Menschen. «Diese Hitze macht mich fertig» – solche Sätze hat während des Sommers wohl jeder gehört oder es selbst so erlebt.Dabei kommt es auch auf die Luftfeuchtigkeit an. Wenn die Luft um uns herum vollgesogen ist mit Wasser, setzt uns auch Hitze mehr zu. Ist es trocken, halten wir hohe Temperaturen besser aus.Also sagen wir 45 Prozent Luftfeuchtigkeit. Für einen Sommertag in Zürich ist das nach den Zahlen des Bundesamts für Meteorologie und Klimatologie ein erwartbarer Wert. Die Sonne scheint, und Wolken gibt es – wenn überhaupt – nur wenige am Himmel. Was passiert dann ab wann in unserem Körper?Aussentemperatur: ab 25 Grad CelsiusOhne dass Sie etwas davon bemerken, beginnt Ihr Herz, schneller zu schlagen, zirka zehn bis zwanzig Schläge pro Minute. Es pumpt mehr Blut in die Haut, damit die innere Hitze von dort entweichen kann. Etwa 33 Grad ist die Haut an Ihren Armen und Beinen warm, noch wird sie von der kälteren Umgebungsluft gekühlt. Weil das Umleiten von Blut aber viel Energie verbraucht, vertraut Ihr Körper bald auf einen weiteren, weniger energieintensiven Mechanismus: Sie beginnen leicht zu schwitzen.Auch in Ihrem Kopf verändert sich etwas. Der Hypothalamus, dieser winzige Bereich im Zwischenhirn, der Nervensystem und Hormonsystem verbindet, ist aktiv geworden; er war es, der die Temperatursignale aus Körperkern und Haut empfangen hat.Das Gehirn wählt schon jetzt genauer aus, wofür es wie viel Blut und Sauerstoff freigibt. Der Parietallappen wird heruntergedrosselt, Sie reagieren also weniger sensibel auf Berührungen oder Schmerzen. Auch das Arbeitsgedächtnis wird gedimmt; Lesen, Rechnen und Denken – auf Ihr volles Potenzial fehlt Ihnen bereits der Zugriff.Aufmerksamkeitsspanne, Reaktionsgeschwindigkeit, Komplexität Ihrer Gedanken – mit jedem Grad, mit dem es draussen heisser wird, schwindet, was Ihr Körper leisten kann. Wenn die Temperaturen draussen 30 Grad erreichen, haben Sie etwa 9 Prozent Ihrer Leistungsfähigkeit eingebüsst.Aussentemperatur: ab 30 Grad CelsiusIhr Hirn entscheidet, noch mehr Blut vom präfrontalen Kortex abzuziehen; diese Hirnregion steuert Logik und Vernunft und ist notwendig, um Entscheidungen abzuwägen. Während Ihre Vernunft schwächelt, sind einige Hirnareale des limbischen Systems umso aktiver – und so nehmen Ihre Emotionen zu, vor allem die dunklen: Sie werden aggressiver und weniger tolerant, aber auch psychischen Ballast oder Verzweiflung spüren Sie deutlicher.So geht es vielen Leuten da draussen; während Hitzewellen steigen die Gewaltdelikte um ein Drittel an, ausserdem nehmen Notfalleinweisungen in Psychiatrien zu.Sie selbst denken langsamer und reagieren verzögert auf äussere Impulse. Und doch ist da kaum Bedürfnis nach Energie durch Nahrung. Auch das ist eine Folge dessen, dass Ihr Hirn immer strenger urteilt, welche Körperregion es wie gut versorgen muss: Ihrem Verdauungstrakt werden geringere Blutmengen zugeteilt – Sie empfinden weniger und seltener Hunger.Ihre Haut ist es, die jetzt Vorrang hat. Die Gefässe dort weiten sich, und Ihr Herz schickt bis zur Hälfte des von ihm gepumpten Blutes dorthin. Dieser Prozess erwärmt Ihre Haut noch weiter über das Niveau der Aussenwelt, in Extremfällen bis zu 37 Grad; so ist garantiert, dass der Kühlmechanismus weiter funktioniert.Je höher die Temperaturen steigen, desto schneller schlägt Ihr Herz. Normalerweise pumpt es etwa fünf Liter Blut in der Minute durch Ihren Kreislauf, jetzt sind es sechs, sieben, womöglich mehr. Blut transportiert Wärme, und die Wärme soll raus.Aussentemperatur: ab 35 Grad CelsiusEines der beiden wichtigsten Kühlsysteme Ihres Körpers fällt langsam aus: Über die Haut wird der Körper kaum noch Wärme los, dafür ist es draussen zu heiss. Mit jedem Grad mehr arbeitet das System weniger effizient. Bis ab etwa 37 Grad aus der Kühlung eine Heizung wird: Ist die Umwelt wärmer als die Haut, nimmt diese Wärme auf, statt abzugeben.Ventilatoren bedeuten statt Linderung jetzt ein Risiko: Sobald die Umgebungsluft wärmer ist als Ihre Haut, beschleunigen diese Geräte das Aufheizen Ihres Körpers. Kurzfristig kann sich das noch immer gut anfühlen, weil Ihr Schweiss schneller verdunstet – und die Energie für diesen Prozess zieht das Wasser direkt aus der Wärme der Haut. Allerdings zahlt Ihr Körper dafür mit noch mehr Stress, weil er bei so viel warmer Luft glaubt, er müsse noch viel dringender kühlen.Schon so schwitzen Sie nun deutlich. Dass die Flüssigkeit auf Ihrer Haut verdunstet, ist die letzte Chance Ihres Körpers, um sich gegen das Aufheizen zu wehren. Jeder Tropfen, der aus Ihren Haaren oder von der Nasenspitze aus unverdampft zu Boden fällt, ist eine vergeudete Ressource.Jetzt ist es wichtig, zu trinken. Viel Wasser am besten. Falls Sie nicht genug trinken, schrumpft das Plasmavolumen Ihres Bluts, es wird dickflüssiger. Da sich zugleich Ihre Venen geweitet haben, um Wärme abzugeben, kann das Blut leichter versacken. Das Risiko für Thrombosen, Schlaganfälle und Herzinfarkte steigt. Lange vorher bemerken Sie das schon beim Blutdruck: Wenn Sie schnell aufstehen, sackt das Blut in die Beine, Ihnen wird kurz schwindelig.Pausen im Schatten, etwas Kühles an der Haut, viel trinken: Bei hohen Temperaturen verhindern solche Hilfen, dass unser Körper kollabiert.Ekaterina Goncharova / Moment RF / GettyWeil Sie durch das Schwitzen nicht nur Wasser, sondern auch Salz verlieren, arbeiten Ihre Nieren noch härter als ohnehin – unbedingt sollen so wenige Elektrolyte wie möglich durch den Urin verlorengehen. Nun sollten Sie durch Obst, Gemüse und leicht salzige Lebensmittel gegensteuern, sonst wird ein Natrium-, Magnesium- und Calciummangel wahrscheinlich. Und damit Muskelkrämpfe.Körperlich anstrengen sollten Sie sich vom späten Vormittag bis zum frühen Abend ohnehin nicht – zumindest warnt Sie das Bundesamt für Gesundheit davor und rät Ihnen stattdessen, kühl zu duschen.Ihr Hirn ist in seinen Prioritäten klar: Überleben ist wichtig, logisches Denken im Vergleich dazu weniger, also wird der präfrontale Kortex nun auf noch geringerem Niveau mit Blut und Sauerstoff versorgt. Ihre Fähigkeit, über Sachverhalte vielschichtig nachzudenken und Risiken abzuwägen, versagt. Womöglich fühlen Sie sich, als läge da ein Schleier über Ihrem Denken.Ihre Emotionen nehmen zu. Allerdings verlieren Sie zunehmend die Fähigkeit, sie zu kontrollieren. Entscheidungen treffen Sie nun häufig aus reinem Impuls, immer leichter verlieren Sie sich in Streitereien. Weil es auch nachts deutlich über 16 Grad warm bleibt, verschlechtert das Ihren Schlaf, und Schlafmangel verstärkt die Effekte der Hitze.Ein kühles Zuhause, viel trinken, kalt duschen oder baden, feuchte Tücher auf Stirn oder Handgelenken – für Ihren Körper sind solche Hilfen gerade überlebenswichtig: Solange er keine Hitze mehr über die Haut abgeben kann, steigt seine Kerntemperatur andernfalls kontinuierlich an.Aussentemperatur: ab 40 Grad CelsiusFalls Sie sich bei diesen Temperaturen viel bewegen oder mehrere Stunden draussen verbringen, ohne genug zu trinken und Pausen im Schatten einzulegen, kann Ihr Körper diesen Hitzestress nicht mehr kompensieren. Ihre Kerntemperatur steigt immer weiter an, und wenn die Hitze in Ihnen steigt, wird das schnell sehr gefährlich. Ihr Puls rast. Sie atmen schneller. Ihnen ist schwindelig.Sobald sich Ihr Körper auf 40,5 Grad erhitzt, erreicht er eine Grenze – Ihr zentrales Nervensystem ist überlastet. Sie sind verwirrt, womöglich leiden Sie unter Krämpfen. Eiweisse Ihres Körpers werden denaturiert; um ein Bild davon zu bekommen, was in Ihnen passiert, denken Sie an ein Spiegelei: Sobald man das flüssige, durchsichtige Eiklar brät, wird es fest und weiss. In Ihrem Gewebe passiert das Gleiche – Eiweissketten innerhalb einer Zelle entfalten sich und gerinnen. Die Zelle stirbt.Gelingt weiterhin keine Kühlung, schwächt das die Blut-Hirn-Schranke, die normalerweise verhindert, dass Schadstoffe aus dem Blut ins Gehirngewebe gelangen. Vielleicht werden Sie bewusstlos.Ihr Körper versucht, die Haut weiter aufzuheizen, so dass vielleicht doch ein wenig Wärme an die Umwelt abgegeben wird. Dafür muss so viel Blut wie möglich zur Haut, also entzieht Ihr Gehirn den inneren Organen weiter Blut – nun aber in einem solchen Ausmass, dass nötiger Sauerstoff in Ihrem Magen-Darm-Trakt fehlt. Die dichten Zellverbindungen dort öffnen sich. Giftstoffe und Krankheitserreger überwinden die sonst zuverlässige Barriere und gelangen in den Blutkreislauf. Ihre Nieren arbeiten jetzt nah an ihrer Belastungsgrenze.Die Giftstoffe in Ihrer Blutbahn, dazu der fragile Zustand Ihrer Zellen, im Zusammenspiel kann das ein systemisches Entzündungsreaktionssyndrom auslösen: Ihr Immunsystem reagiert über und schädigt gesundes Gewebe.Mit etwas Pech kollabiert nun auch Ihr zellulärer Stoffwechsel. Muskelproteine und Elektrolyte gelangen ungefiltert in die Blutbahn – Ihre Niere versagt. Dann auch Ihre Leber. Zuletzt ergibt sich Ihr Herz.Passend zum Artikel
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