Der kleine Tod schlägt die grosse SchamJane Schoenbrun knöpft sich in «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» den Slasher-Film der achtziger Jahre vor. Aus Sex, Gewalt und Voyeurismus wird eine queere Reflexion über Begehren und Scham.Silvia Posavec22.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie Regisseurin Kris (Hannah Einbinder) sieht sich mit der früheren Teenie-Horror-Ikone Billy (Gillian Anderson) deren alten Film an.Ryan Plummer / APEin Sommercamp tief im Wald, ein See, eine Gruppe Jugendlicher am Lagerfeuer, die einander Gruselgeschichten erzählen und sich dabei immer tiefer in die Augen schauen – und ein Killer, der nur darauf wartet, sich an allen zu rächen, die es wagen, einander näherzukommen. Das ist der Stoff, aus dem die Slasher-Filme der 1980er Jahre, ein Subgenre des Horrors, gemacht sind.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Jane Schoenbrun verhilft dem Genre mit «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» nun nicht zu einem fulminanten Revival, sondern zerlegt es in Gänze: zu einer Geschichte in der Geschichte, in der die vertrauten Regeln einen Fundus bilden, aus dem Schoenbrun eine ironische, verspielt-erotische und zugleich kulturkritische Reflexion baut.Einsiedlerin auf verwunschenem SetDie Handlung beginnt mit der jungen Regisseurin Kris, gespielt von Hannah Einbinder («Hacks»), die beauftragt wird, dem fiktiven 80er-Jahre-Slasher-Klassiker «Camp Miasma» ein Remake zu verpassen. Ambitioniert und ernsthaft an einer intellektuellen Aufarbeitung der kommerzialisierten Filmmarke interessiert, macht sich Kris auf die Suche nach dem eigentlichen Star der einst erfolgreichen Filmserie: Billy, gespielt von «Akte X»-Star Gillian Anderson. Sie ist das «Final Girl» – ein wiederkehrendes Motiv des Slasher-Films: die letzte Überlebende, die sich dem blutrünstigen Killer entgegenstellt.Billy, deren Erscheinung auf Norma Desmond aus Billy Wilders «Sunset Boulevard» anspielt, lebt zurückgezogen – ausgerechnet auf dem ehemaligen Filmset von «Camp Miasma», das unter einer winterlichen Schneedecke noch einsamer wirkt. Hier treffen Kris und Billy aufeinander: auf einem verwunschenen Filmset im Film, das zwischen 80er-Jahre-Nostalgie, B-Movie-Trash und Pfadilager-Parodie changiert.Little Death heisst der Killer im Film, mit der Bezeichnung "kleiner Tod", ist auch der Orgasmus gemeint.Ryan Plummer / APWährend Kris versucht, Billy für die Hauptrolle in ihrer Neuauflage des Franchise zu gewinnen, geniesst es Billy, ihren vielleicht letzten verbliebenen Fan zu verführen. In ihren Gesprächen taucht dabei immer wieder der «Camp Miasma»-Killer auf: eine groteske Gestalt, die als alte Werbe-Pappfigur herumsteht.Das schmächtige Figürchen im weissen Anzug mit langem Speer und quadratischem Kopf – den Schoenbrun der Plastikblende eines Deckenlüftungsschachts entlehnt hat – trägt den zweideutigen Namen Little Death, einen geläufigen Euphemismus für den Orgasmus. Sex und Tod, die phallische Verbindung von Opfer und Täter im Slasher und jene Lust, die erst durch das Gegenüber entsteht, liegen hier – wie schon im Titel – unmittelbar nebeneinander.«Scham ist der Bösewicht»Einbinder und Anderson entwickeln eine neckische, liebevolle Leinwandbeziehung, die durch das komödiantische Talent von Einbinder verspielt bleibt. Kris wird zur Projektionsfigur für Schoenbruns eigene Auseinandersetzung mit Blick, Begehren und Identität. Ihr sexuelles Erwachen ist voyeuristisch: Beim gemeinsamen Ansehen alter VHS-Aufnahmen der jungen Billy aus «Camp Miasma» beobachten Kris und Billy sich heimlich gegenseitig.Schoenbrun macht auch das Publikum zum Voyeur und spiegelt die Schaulust des Genres sowie die Mechanismen des Mediums. Begehren und Begehrtwerden sind die Themen des Films. Schoenbrun interessiert sich für sexuelle Phantasien jenseits heteronormativer Rollenbilder. «Die Körper von Frauen und queeren Menschen sind immer auch politisch», sagt Einbinder am Journalistengespräch mit der Crew am Festival de Cannes.«Teenage Sex and Death at Camp Miasma» ist Schoenbruns dritter Spielfilm und zugleich der erste seit der eigenen geschlechtlichen Transition: Jane Schoenbrun identifiziert sich als nichtbinäre Trans-Person. Während «We’re All Going to the World’s Fair» und «I Saw the TV Glow» noch stark von Horror-Fanfiction, Online-Communitys und der Fremdheit mit der eigenen Geschlechtsidentität geprägt waren, setzt der neue Film einen anderen Akzent. Mit seiner umjubelten Weltpremiere in Cannes ist er Schoenbruns bislang kommerziellstes Werk – zugleich Fortsetzung und Neuanfang.Blutiges Vergnügen und spielerisches Begehren kommen bei der Schauspielerin Kris und der Regisseurin Billy in «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» zusammen.Ryan Plummer / APSchoenbrun selbst bezeichnet ihn als «Geschichte einer queeren Befreiung». Dennoch übt Schoenbrun auch Kritik am Horrorgenre, das Trans-Menschen durch bestimmte Rollenbilder stereotypisiere und damit transfeindliche Vorstellungen reproduziere. Das zeige sich in Klassikern wie Alfred Hitchcocks «Psycho», wenn der Mörder Norman Bates in Frauenkleider schlüpfe und sich als seine Mutter verkleide. Oder in «The Silence of the Lambs», in dem Transidentität Teil des Täterprofils sei.Schoenbrun kehrt dieses Muster bewusst um und gibt Little Death eine neue Funktion: «Wenn ich schon einen persönlichen Film darüber drehen kann, wie ich mich in meinem Körper und in meiner Sexualität wohlfühlen kann, dann ist die Scham der eigentliche Bösewicht.» Und ergänzt: «Diese Scham kommt nicht aus mir selbst – sie wurde mir von der Gesellschaft vermittelt.»«Die Geschichte des Traumas ist tief in das Genre eingeschrieben», kommentiert Gillian Anderson und betont, wie viel sie durch die Zusammenarbeit gelernt habe. «Die Antwort liegt darin, eine innere Stärke zu finden – sich zu erheben, statt sich zu unterwerfen.» Andersons Engagement für weibliche und queere Sexualität, ihr Buch «Want» (2024) und dessen für Herbst angekündigte Fortsetzung weisen dabei über ihren Ausflug ins Slasher-Genre hinaus.Hommage an das Genre«Teenage Sex and Death at Camp Miasma» allein als visuelle Interpretation einer intimen Neuorientierung zu lesen, würde dem Film nicht gerecht. Denn Schoenbrun entwirft eine queere Neudeutung des Slasher-Genres und lädt dazu ein, dessen Vorbilder – etwa «Friday the 13th» und «Sleepaway Camp» – kritisch und neugierig wiederzuentdecken. Dass die Fülle an intellektuellen Querbezügen manchmal den Rahmen sprengt, gehört dabei zur Strategie.Vor allem überzeugt die Souveränität, mit der Schoenbrun vorgegebene Narrative und Genreschubladen sprengt und eine eigene visuelle Sprache findet. «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» ist eine Hommage an das subversive Potenzial des Genres und der Filmkunst – ein Werk, das sich unverfroren die Freiheit nimmt, sexuelle Neugier und Begehren schamlos ins Zentrum zu rücken.«Teenage Sex and Death at Camp Miasma»: im Kino (112 Minuten).Passend zum Artikel
Queeres Begehren: Jane Schoenbrun nimmt sich den Slasher-Film der achtziger Jahre vor.
Jane Schoenbrun knöpft sich in «Teenage Sex and Death at Camp Miasma» den Slasher-Film der achtziger Jahre vor. Aus Sex, Gewalt und Voyeurismus wird eine queere Reflexion über Begehren und Scham.










