Und was ist mit mir? Ich sitze zu Hause in der stickigen, dunklen Wohnung. Die Fenster sind zu, damit die Hitze draußen bleibt. Ich scrolle durch die Fotos meiner Freunde und Bekannten auf Instagram und Whatsapp, ein Liveticker der Leichtigkeit, eine endlose Genussgalerie, und frage mich: Wieso erleben immer nur die anderen Abenteuer? Warum haben nur die anderen Spaß?Schon vor mehr als zwanzig Jahren prägte der US-amerikanische Autor Patrick J. McGinnis den Begriff »Fear of Missing Out«, kurz FOMO – die Furcht, man würde gerade etwas verpassen, anderswo ereigne sich gerade das wahre, gute Leben. In Studien berichten regelmäßig mehr als 80 Prozent der Befragten, unter FOMO zu leiden. Die FOMO ist ein Grundgefühl des 21. Jahrhunderts, eine Pathologie des digitalen Zeitalters, zuver­lässig befeuert von den sozialen Netzwerken. Im Sekundentakt erhalten wir hier die Belege dafür, was andere erleben, genießen oder erreichen. Und natürlich hat die FOMO keine gute Presse. Der Schauspieler Frederick Lau berichtet in Interviews stolz davon, wie er seine Verpassensangst überwunden habe, er bleibe jetzt vor allem zu Hause und bei seiner Familie. Philosophen wie Wilhelm Schmid oder Alexander Prescott-Couch empfehlen »Müßiggang« oder die »JOMO«, die Joy of Missing Out – die Freude, etwas zu verpassen.Klingt ganz plausibel. Nur frage ich mich: Was, wenn die FOMO gar nicht bloß eine kognitive Verzerrung ist? Vielleicht fürchte ich mich ja völlig zu Recht, etwas zu verpassen. Vielleicht spielt sich das Schönste gerade draußen ab, während sich mein bleiches Gesicht im Handybildschirm spiegelt.Oft heißt es, der moderne Mensch leide unter Freizeitstress: zu viele Möglichkeiten, zu viele Verlockungen, zu viele Aktivitäten. Wir hetzen demnach von einem Vergnügen zum nächsten und kommen doch nie zur Ruhe. Aber stimmt das auch? Wenn ich über eine Whatsapp-Gruppe 50 Freunde in den Biergarten einlade, kommen sechs oder acht, interessanterweise sind es fast immer dieselben. Die übrigen sind, soweit ich weiß, nicht auf besseren, wilderen Festen, sondern schreiben: »Sorry, schaff’s nicht.« Hat nicht jeder schon mal die Erfahrung gemacht, wie schwer es geworden ist, ein paar Freunde für einen netten Abend zusammenzutrommeln?In der Convenience-Gesellschaft sind wir unendlich faul ge­worden, sogar zu faul für den GenussIn der sogenannten Individualgastronomie, also Restaurants außerhalb der großen Ketten, kommen fast 30 Prozent weniger Gäste als 2019. Im selben Zeitraum haben sich die Ausgaben für Essenslieferungen nach Hause mehr als verdoppelt. Worin besteht noch einmal das Vergnügen, einen aufgeweichten, lauwarmen Burger zu essen und die Barbecue-Sauce auf das Sofa und die Jogginghose zu kleckern? Ein Restaurantbesuch bietet besseres Essen – und die Chance auf eine aufregende Begegnung: Vielleicht macht die Kellnerin ein rätselhaftes Kompliment, vielleicht packt einen plötzlich die Energie des Abends, und man kommt viel zu spät ins Bett. Nur 31 Prozent der Deutschen gehen noch ins Kino. Zu anstrengend. Statt uns dem Fiktionalitätsschock eines un­bekannten Films auszusetzen, bleiben wir lieber auf der Couch und in der kulturellen Komfortzone sitzen und schauen die zwölfte Folge der fünften Staffel dieser Netflix-Serie, in der wir die Macken und Konflikte aller Protagonisten längst auswendig kennen. Ein Bekannter erzählte mir neulich stolz, dass er nicht mehr selbst Romane liest, sondern ChatGPT um Buchzusammenfassungen bittet. In der Convenience-Gesellschaft sind wir unendlich faul geworden, sogar zu faul für den Genuss. Wir brauchen einen Tritt in den Hintern!Die Radfahrt zum Nordkap meines Freundes Jan lässt sich auf der Webseite des Veranstalters in Echtzeit verfolgen. Auf einer digitalen Karte kriechen bunte Punkte durch Europa, jeder steht für einen Menschen, der sich aus eigener Kraft in Richtung Norden bewegt. Jan hat bereits 1482 Kilometer geschafft und fährt gerade mit 28 Stundenkilometern. Für mich wäre das nichts. Viel zu anstrengend. Und doch trifft mich der Anblick dieses kleinen Punktes. Er löst ein seltsames Gefühl aus: Neid. Nicht auf die schmerzenden Beine. Sondern auf die Sehnsucht, die sie antreibt.Neid gilt als eines der hässlichsten Gefühle. Die Bibel spricht von einem »teuflischen Ursprung«. Aber auch negative Gefühle erfüllen eine Funktion. Angst warnt vor Gefahr, Schmerz vor Verletzung. Der Psychotherapeut Klaus Eidenschink sieht im Neid keinen Charakterfehler, den man schnellstmöglich beheben sollte, sondern einen Hinweis auf ungenutzte Möglichkeiten: »Man vergleicht das, was andere an Intensität erleben können, mit dem, was man selbst erleben kann. Tut man das, macht der Neid darauf aufmerksam, dass man in seiner Selbstentwicklung Spielraum hat, mehr Genuss und Lebensfreude zu entfalten.«Man kann sich darüber ärgern, dass die anderen das auf­regendere Leben führen, und immer weiter durch seinen Instagram-Feed und seinen Kummer scrollen. Das ist die Opferversion der FOMO. Oder man nimmt den Neid ernst. Sagt sich: Stimmt, das möchte ich auch! Als Jan schon fast Finnland erreicht hat, breche ich mit Freunden zum Klettern in die Berge auf. Obwohl ich eigentlich hatte absagen wollen, weil ich so müde war von einer langen Arbeitswoche (»Sorry, schaff’s nicht«). Obwohl ich Lust hatte, auszuschlafen, der Ausflug aber schon um halb fünf Uhr morgens begann. Obwohl ich Angst vor dem Klettern hatte. Am Sonntagnachmittag haben wir genug von der Anstrengung, sitzen am Fuß des Felsriegels, schauen an den Latschen und Fichten hinunter ins Tal, essen Zwetschgenkuchen. Ich spüre meinen Körper viel stärker als sonst: meine Erschöpfung, meine verkratzten Unterarme, meine Schultern, in die schon der Muskelkater kriecht, meinen Rücken, der von der aufgeheizten Felswand gewärmt wird. Und Stephan, einer meiner Kletterfreunde, sagt: »Es ist immer besser, etwas zu tun, als nichts zu tun.«Wer nie sieht, dass andere sonntagmorgens ins Museum gehen, kommt vielleicht nie auf die Idee, selbst zu gehen.Ich glaube, das Prinzip reicht weit über die Berge hinaus. Der Weg des geringsten Widerstandes führt selten zu besonderen Zielen. Immer dann, wenn wir Bequemlichkeit gegen Anstrengung eintauschen, Komfort gegen Neugier, Sicherheit gegen ein kleines Wagnis, wird das Leben ein bisschen größer.Natürlich hat nicht jeder die Zeit, spontan aufs Rennrad zu steigen oder in die Berge zu fahren. Jobs, Kinder und Alltag sind hart-näckige Gegner, man ist gestresst und sehnt sich danach, sich endlich einmal zu entspannen. Andererseits weisen Psychologen seit Langem darauf hin, dass Erholung nicht dadurch entsteht, dass wir nichts tun, sondern dadurch, dass wir gedanklich und körperlich Abstand vom Alltag gewinnen. Und das gelingt am besten, indem wir etwas tun.Übrigens ist der durchschnittliche Deutsche rund 24 Stunden pro Woche mit dem Smartphone online. Ganz aussichtslos scheint die Suche nach ein paar freien Minuten also nicht zu sein. Richtig eingesetzt, ist das Handy kein Zeitfresser, sondern ein Ideengeber. Ich bin noch ein halbwegs aktiver Mensch, hoffe ich. Trotzdem verbringe ich mehr Abende und Wochenenden zu Hause, als ich eigentlich wollte, weil mir nicht klar ist, was ich statt­dessen tun könnte. Weil ich in meinen Routinen und meiner trägen Einfallslosigkeit versacke. Genau hier bieten die sozialen Netzwerke eine Therapie. Wer nie sieht, dass andere sonntagmorgens ins Museum gehen, kommt vielleicht nie auf die Idee, selbst zu gehen. Und was ist mit Tomaten pflanzen, eine fremde Sprache lernen, einen Tisch schreinern, eine Zitronen-Hollandaise zubereiten, in einen kalten See springen? Sind das nicht auch tausend gute Ideen?Natürlich ist vieles sorgfältig inszeniert und kuratiert, was mein Interesse, meine FOMO und meinen Neid auslöst. Aber das allein macht es nicht falsch. Menschen handeln selten aus einem einzigen Motiv heraus. Wer ein Ehrenamt hat, freut sich oft auch über die Anerkennung. Wer einen klugen Gedanken äußert, hofft auf Zustimmung. Das macht die Handlung nicht wertlos.Vielleicht brechen wir aus purer Lebenslust auf. Vielleicht aus Neugier. Vielleicht aus dem Gefühl, nicht länger Zuschauer sein zu wollen. Vielleicht auch, weil wir hoffen, ein Foto von unserem Mikroabenteuer posten zu können. Jeder Grund, der uns hinein in die Welt bringt, ist ein guter. Bild: GrafiluJakob Schrenk ist grundsätzlich neidisch auf die Urlaube seiner Freunde. Es sei denn, sie finden im Wohnmobil oder auf dem Campingplatz statt. Dann schrumpft seine FOMO erstaunlich schnell.