Die Bilder aus Madrid sind erst sieben Jahre alt, und doch wirken sie wie vergilbte Zeitdokumente aus einer früheren Epoche. Damals, an jenem 15. September 2019, trug es sich am Plaza de Cibeles zu, dass zwei Slowenen aufs Siegertreppchen stiegen. Geehrt wurden die drei besten Radrennfahrer der spanischen Vuelta, der Spanier Alejandro Valverde war nur von Primoz Roglic bezwungen worden – und als Dritter stand da, mit einem schüchternen Lächeln, Roglics 20 Jahre junger Landsmann Tadej Pogacar. Ein Jüngling in Weiß, der seinerzeit noch mehr einem Buben glich, wie er seinen gläsernen Pokal für Platz drei fest in beiden Händen hielt.Pogacars Glastrophäe und seine ganze Vuelta-Rundfahrt von einst dürften sogar treue Enthusiasten gedanklich verdrängt haben. Im kollektiven Radsportgedächtnis hat der inzwischen 27-jährige Pogacar so tiefe Kerben hinterlassen, dass dritte Plätze aus den Erfolgslisten der Datensammler gepurzelt sind. Beflissene Sportstatistik-Fachmänner wissen aber: In der obersten Spielklasse des Radsports, also in der Tadej-Pogacar-Liga, zählen längst nicht mehr nur Siege, sondern immer mehr jene wenigen Rennen, die dieser Mann nie zu gewinnen vermochte. Und auf dem Plaza de Cibeles zu Madrid findet sich auf dieser Triumph-Karte ein großer weißer Fleck.Siegerehrung in Madrid: Primoz Roglic und Tadej Pogacar 2019 auf dem Vuelta-Siegertreppchen. Foto: Francis Gonzalez/Alterphotos/ImagoWohl kaum einer kennt die Geografie des Radsports so gut wie Pogacar. Und so startet er nun also bei der 81. Vuelta a Espana, die am Samstag in Monaco beginnen und Mitte September in Granada enden soll. Einen Monat nach seinem überlegenen Triumph in Paris steigt der Slowene zum zweiten Mal in den Vuelta-Sattel. Als Favorit, naturalmente. Anders als 2019 allerdings hat Pogacar diesmal die Tour de France in den Beinen, die als weltweit härteste Radrundfahrt verstanden wird; ein Umstand, der womöglich all jenen Mut macht, die nun gegen ihn antreten – oder sich beim Zusehen Spannung erhoffen.Die – eventuell nicht restlos frohe – Kunde machte Pogacar Anfang August: „Ich freue mich sehr, dass ich zur Vuelta zurückkehre. Ich habe dort meine erste große Rundfahrt bestritten, es war damals ein wunderbares Erlebnis.“ Dass er 2019 sein bis heute schlechtestes Ergebnis bei einer großen Rundfahrt einfuhr, zeigt, wie sich bei Pogacar die Dimensionen verschoben haben. Die meisten Radsportler würden sich einen Pokal wie diesen weit oben in die Vitrine stellen. Bei Pogacar steht er, ganz bestimmt, verstaubt hinter Spinnweben.Radsport:Als Amateur Pogacar zu schlagen? „Ein absolut wildes Gefühl“Der Berliner Amateur und Arzt Frederik Niessen bezwingt bei einem Showevent Tour-de-France-Champion Tadej Pogacar. Ein Gespräch über seinen Trainingsplan – und seine nächsten Ziele.Gut gefüllt hat sich auch die Vitrine des damaligen Siegers Roglic, der seinerzeit 2019 erstmals eine Grand Tour gewann – und drei Vuelta-Erfolge folgen ließ (vor ihm war das nur Roberto Heras aus Spanien gelungen). Roglic, 2023 Giro-Sieger und zuletzt 2024 Vuelta-Champion, tritt nun als Kapitän des deutschen Rennstalls Red-Bull-Bora-Hansgrohe an. Seine Teamkollegen, der Tour-Zweite Remco Evenepoel aus Belgien und der in Frankreich gestürzte Laichinger Florian Lipowitz, verzichten auf jenen zweiten Gang, den Pogacar geplant hat: die Tour de France und danach die Spanien-Rundfahrt, ein in der Radsport-Historie kompliziertes Menü.Wie gut verdaulich die Vuelta als segundo plato aber sein kann, ließ Pogacars noch immer ärgster Konkurrent Jonas Vingegaard vergangenes Jahr erahnen. Der Däne reagierte auf seine Niederlage gegen Pogacar bei der Tour in Frankreich, indem er die Spanien-Rundfahrt gewann: souverän, wenn auch nicht in vollkommener Überlegenheit, mit 76 Sekunden Vorsprung auf den Portugiesen Joao Almeida (aus Pogacars UAE-Team).Pogacar wäre der neunte Radprofi in der Geschichte, der bei den drei sogenannten Grand Tours triumphiertDas wahrhaftige Tour-Vuelta-Double schafften indes nur sehr wenigen Radprofis, genau genommen deren drei: Dem Franzosen Jacques Anquetil gelang es 1963 zum ersten Mal, Bernhard Hinault zog 1978 nach, der letzte war Chris Froome 2017. Der Doppelsieg des Briten allerdings hat einen Beigeschmack, weil er während der Vuelta positiv auf eine zu hohe Dosis des Asthma-Wirkstoffs Salbutamol getestet worden war, ehe er 2018 freigesprochen wurde, da die Werte dem Urteil zufolge wissenschaftlich erklärbar waren.Pogacars Dominanz ist indes schwieriger zu fassen. Geht man davon aus, dass die Weltspitzenfahrer allesamt ähnlich professionell trainieren, betreut und mit neuesten Erkenntnissen samt modernsten (wie legalen) Substanzen versorgt werden, wird man zu dem Schluss kommen müssen, dass der Slowene aufgrund spezieller Fähigkeiten oder Talente enteilt ist. Längst auch seinem einstigen Bezwinger Roglic, 36, dessen Equipe sich vor dem Start auffällig zurückhaltend gibt. „Unser Hauptziel ist es, eine Etappe zu gewinnen – und hoffentlich mehr als eine, wenn sich die Chancen dazu bieten“, sagt der Sportliche Leiter Sven Vanthourenhout: „Unser zweites großes Ziel ist die Gesamtwertung mit Primoz. Wir müssen aber realistisch bleiben, denn seine Vorbereitung verlief nach seinem Sturz ganz anders, als wir erwartet hatten.“Roglic war Ende Juli beim Training von einem Auto angefahren worden, ein größerer Bluterguss im Oberschenkel warf ihn zurück, was die Chancen schmälert, als erster Radprofi fünfmal bei der Vuelta zu triumphieren. „Sie viermal zu gewinnen, ist schon etwas, das ich mir nie hätte vorstellen können. Deshalb möchte ich mir keinen zusätzlichen Druck machen“, sagt der einstige Skispringer Roglic. Der Ex-Basketballer Enric Mas, 31, Team Movistar, dürfte auch ein Wort ums Treppchen mitreden, der Spanier hat Heimvorteil – mit dem Österreicher Felix Gall (28, Team Decathlon) und Mattias Skjelmose (25, Dänemark) vom deutschen Team Lidl-Trek ist ebenfalls zu rechnen. Dessen Landsmann Vingegaard indes verzichtet nach seinem verletzungsbedingten Tour-Ausstieg.Und Pogacar? Könnte nach 2024 (Giro und Tour) sein zweites großes Radsport-Double holen. Er wäre dann der neunte Radprofi in der Geschichte, der bei den drei sogenannten Grand Tours triumphiert hat. Seine private Landkarte hätte dann nur noch einen letzten weißen Fleck: das Frühjahrs-Monument Paris-Roubaix.
Start der Spanien-Rundfahrt: Die Vuelta ist Pogacars weißer Fleck
Die Spanien-Rundfahrt hat Tadej Pogacar bislang tatsächlich noch nie gewonnen. Jetzt will er ein seltenes Double schaffen.













