Schon mit dem ersten Ton müsse eine Sängerin in der Oper klar machen, wer in diesem Moment die Bühne betrete, schärfte Ileana Cotrubaș den Studenten bei ihren Meisterkursen immer wieder ein. Mit völliger Präsenz hätten Stimme und Haltung den Charakter der Figur und die dramatische Situation, in der sich sich befinde, zu definieren. Das setze natürlich voraus, dass man als Sänger viel wisse, dass man das Stück kenne, dass man sich über die Hintergründe belesen habe, dass man etwas von Sprache – nicht nur von Stimme – verstehe und auch in anderen Künsten bewandert sei.Cotrubaș verlangte das nicht nur den Lernenden, sondern immer wieder sich selbst ab. Hört man sich an, wie sie als Mimì in Giacomo Puccinis „La Bohème“ Abschied von eifersüchtigen Rodolfo nimmt, so gibt ihr nicht allein die musikalisch überformte Prosodie der Sprache vor, was Ausruf sei, was Nachdruck verlange, wo der Schmerz die Stimme verenge und wo er sich löse. Die lyrische Weitung bei den Worten „ascolta, ascolta“ (höre, höre) ist die Beschwörung glücklicher Erinnerung als rückwärtsgewandte Hoffnung auf Versöhnung. Es braucht eine denkende Stimme, um für diese mitschwingenden Untertöne Farben zu finden.„Ihre Stimme, ein zarter, erlesen getönter und reich modulierter lyrischer Sopran, hat den zarten Zauber empfindsamer Weiblichkeit“, hatte Jürgen Kesting in der F.A.Z. zum achtzigsten Geburtstag vom Cotrubaș geschrieben, die am 9. Juni 1939 im rumänischen Städtchen Galați an der Donau geboren wurde. Diese Stimme kam oft in Aufnahmen, etwa mit dem von ihr hoch verehrten Dirigenten Carlos Kleiber, noch besser zur Geltung als auf der Bühne, wo es ihr manchmal an raumfüllender Wucht, auch an allerletzter Virtuosität fehlte. Ihr Ton war blühend, ihre Koloraturen jedoch nie so wendig und sauber wie die einer Edita Gruberová oder Edith Mathis. Am meisten bezauberte sie, auch darstellerisch, in den lyrischen Momenten bei Giuseppe Verdi und Puccini. Verschwendung im Zarten, sich verströmende Zerbrechlichkeit, das waren ihre Stärken.Cotrubaș, die 1966 den Gesangswettbewerb der ARD in München gewonnen hatte, wurde zwei Jahre später durch Christoph von Dohnányi an die Oper Frankfurt engagiert, trat dann bald bei den Salzburger Festspielen auf und debütierte 1975 auf Wunsch von Luciano Pavarotti als Mimì an der Mailänder Scala, in letzter Minute eingesprungen für Mirella Freni.Ihre minutiöse, gedankenreiche Vorbereitung jeder Partie hatte freilich Folgen, die für Kollegen und Regisseure unangenehm werden konnte: Cotrubaș suchte die Konfrontation, wenn ein Regiekonzept ihrer Rollenauffassung zuwiderlief. Sie stritt, schmiss Rollen hin oder distanzierte sich nachträglich durch Entschuldigungen an das Publikum von Inszenierungen, die ihren eigenen Anforderungen nicht entsprachen. Obwohl sie ihre Bühnenkarriere schon 1990 beendet hatte, machte sie als Polemikerin gegen das Regietheater, das sie frontal als „Parasitenkunst“ angriff, weiterhin mobil, zuletzt 2017 in der gemeinsam mit ihrem Mann Manfred Ramin verfassten Streitschrift „Die manipulierte Oper“.Sie griff darin ein ästhetisches Kartell aus Opernbetrieb und Musikkritik an, das ihr zutiefst widersinnig vorkam in ihrer eigenen, gewissenhaften Suche nach Sinn. Das progressive Milieu schmähte sie im Gegenzug als „Marschallin der Gegenreformation“. Am 20. August ist Ileana Cotrubaș, die unbotmäßig-eigensinnig Zarte, in Wien gestorben. Sie wurde 87 Jahre alt.