Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule bedeutet für Kinder große Veränderungen, die auch medizinisch relevant sein könnten. Bislang blieb es oft den Lehrern überlassen, Auffälligkeiten zu erkennen und den Eltern einen Arztbesuch nahezulegen. Mit der neu eingeführten Vorsorgeuntersuchung U10 soll sich das nun ändern. Diese steht künftig im Alter zwischen neun und zehn Jahren an und wird von den Krankenkassen übernommen. Welche Themen dabei besonders im Fokus stehen, erklärt Jakob Maske, der in Berlin als niedergelassener Kinderarzt praktiziert und als Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzt*innen (BVKJ) tätig ist.Herr Maske, der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) hat heute der verpflichtenden Kostenübernahme einer U10 zugestimmt. Was darf man sich davon erhoffen?Wir haben bisher eine große Lücke zwischen den Regelvorsorgen U9 und der J1. Die U9 erfolgt im Alter von fünf Jahren und die J1 erst mit 12 bis 14 Jahren. In dieser Zeit verändert sich im Leben der Kinder sehr viel. Sie kommen aus der Kita in die Schule, die Betreuung und auch die psychosoziale Situation ändert sich. Nicht an jedem Kind gehen die Veränderungen spurlos vorüber. Insofern ist es gut, hier noch mal eine Hilfestellung anbieten zu können.Gibt es denn nicht Überschneidungen mit der Schuleingangsuntersuchung?Die Schuleingangsuntersuchung findet viel früher statt, eben vor Schulbeginn. Wir wollen mit der U10 genau die Probleme sehen, die zwar nicht durch die Schule ausgelöst werden, aber in der Schule auffällig werden.Weshalb gab es in diesem Zeitraum bislang keine Regeluntersuchung?Man ist davon ausgegangen, dass Schulkinder von den Lehrern beobachtet werden, aber die Lehrer sind eben Pädagogen und keine Mediziner. Wir benennen diese Lücke schon seit Langem, und man arbeitet schon seit einiger Zeit daran, die U10 als Pflichtleistung der Krankenkassen einzuführen.Wie läuft ein Entscheidungsprozess über eine zusätzliche Präventivleistung ab?Im G-BA sitzen Vertreter von Krankenkassen, von Interessenverbänden der Patienten und auch Ärzte. Erst wenn klar ist, dass so eine Vorsorge etwas bewirkt, sie ihr Geld wert und durchführbar ist, wird sie in den Regelkatalog aufgenommen. Dazu gehört auch, dass ein konkretes Programm entwickelt werden muss, in dem steht, was in der Vorsorge untersucht werden soll.Der Berliner Kinderarzt Jakob Maske ist Bundespressesprecher des Berufsverbands der Kinder und Jugendärzt*innen (BVKJ)privatBisher gab es eine U10 und eine U11 auf freiwilliger Basis. Wie wurden diese wahrgenommen?Die U10 fand bisher etwas vor der neuen U10 statt, die U11 etwas danach. Darüber haben auch bisher schon viele Kinder an den Vorsorgeuntersuchungen teilgenommen, weshalb wir mit den Themen schon vertraut sind. Die Kosten haben einige Kassen im Rahmen von Selektivverträgen freiwillig übernommen. Ob die U11 weiterhin als freiwillige Leistung angeboten wird, steht noch nicht fest.Was kostet eine Vorsorgeuntersuchung?Eine Vorsorgeuntersuchung wird von einem Arzt und einem Helfer durchgeführt, sie dauert eine halbe Stunde und kostet etwa 60 Euro.Worauf liegt der Fokus bei der U10?Zentral ist: Was passiert in der Schule? Gibt es da Probleme? Wir achten zum Beispiel auf Lese-Rechtschreibstörungen, Rechenstörungen oder ADHS. Auch ob jemand gemobbt wird, versuchen wir herauszufinden. Dafür brauchen wir auch die Rückmeldungen der Lehrer.Wie wurden Probleme beim Lernen oder psychische Leiden bislang erkannt?Meist fällt den Lehrern etwas auf, weshalb sie die Kinder zu uns schicken. Oft kommen sie schon mit einer Verdachtsdiagnose, und ihr Verhalten wird pathologisiert. Aber nicht immer steckt ein medizinisches Problem dahinter, sondern es sind eben Charakterzüge. Andersrum gibt es auch Kinder mit Verhaltensstörungen, die eher in sich zurückgezogen sind und in der Schule kaum auffallen. Mit der U10 wollen wir natürlich auch die erkennen und behandeln.Ein Thema bei der U10 ist der Medienkonsum. Wie kann der Kinderarzt da etwas bewirken?Wir versuchen hauptsächlich, aufzuklären und zum Nachdenken anzuregen. Wir sehen, dass Kinder immer häufiger durch Medienkonsum erkranken. Wir sind immer wieder erstaunt, dass viele Kinder mit neun oder zehn Jahren schon ein eigenes Handy haben. Bis zum zwölften Lebensjahr raten wir davon ab. Häufig wissen die Eltern gar nicht, was die Kinder spielen oder wo sie sich im Internet bewegen. Die Gefahren sind den Eltern oft nicht bewusst. Schon ab der U5, also im Alter von einem halben Jahr, beginnen wir mit der Aufklärung. Es geht dabei nicht darum, Medien zu verbieten. Es spricht nichts dagegen, mal einen Kinder- oder Naturfilm zu schauen. Das Problem ist eher, dass Kinder sich frühzeitig unbeobachtet in sozialen Medien bewegen oder Spiele spielen, für die sie zu jung sind.Auch Übergewicht und körperliche Aktivität sollen in der U10 betrachtet werden. Was wird da untersucht?Zunächst messen wir Größe und Gewicht und berechnen daraus den Body-Mass-Index. Das ist ein guter Marker dafür, ob sich ein Kind genug bewegt und gesund ernährt. Für Gewicht und auch das Herzkreislaufsystem ist es wünschenswert, dass ein Kind sich täglich bewegt. Vielleicht ist es schon Mitglied in einem Sportverein, es sollte sich aber mindestens zweimal pro Woche sportlich bewegen. Wenn wir zum Beispiel sehen, dass das Gewicht deutlich stärker ansteigt als die Körpergröße, thematisieren wir das. Dann kann man frühzeitig gegensteuern und Adipositas verhindern.Auch an Impfungen soll bei der U10 erinnert werden. Welche Impfungen sind dabei relevant?Die U10 ist eine tolle Gelegenheit, die HPV-Impfung noch mal ein bisschen mehr zu fördern. Humane Papillomviren sind Viren, die Krebs auslösen können und das auch relativ häufig tun, und zwar nicht nur bei Mädchen, sondern auch bei Jungs. Ab einem Alter von neun Jahren ist die Impfung deshalb für beide Geschlechter empfohlen. Wir haben bisher eine sehr schlechte Impfbeteiligung, und daher sind auch die Raten zum Beispiel von Gebärmutterhalskrebs noch nicht ausreichend zurückgegangen. Außerdem können wir bei der U10 noch mal auf die Auffrischung der Tetanus-Diphtherie-Keuchhusten Impfung oder auch der Polio-Impfung hinweisen.Humane Papillomviren werden doch hauptsächlich sexuell übertragen, wieso sollten schon Grundschulkinder geimpft werden?Wir impfen nur deswegen so früh, weil die Immunität dann viel besser ist. Das heißt, die Impfung wirkt länger und besser, als wenn wir erst mit 16 oder 17 impfen würden. Außerdem reichen zwei Impfungen aus, wenn man schon im Grundschulalter impft. Wenn man ab 15 damit beginnt, bräuchte man drei Impfungen.Müssen Eltern selbständig daran denken, dass die U10 ansteht?Wir sind sehr froh, dass die U10 und auch die J1 mit ins gelbe U-Heft kommen sollen. Darin wurden bisher nur die Vorsorgeuntersuchungen bis zur U9 dokumentiert. An der J1 nehmen nur etwa 50 Prozent der Jugendlichen teil. Womöglich weil sie sich gesund fühlen und keine Lust haben, zum Arzt zu gehen. Dabei ist die J1 keine Untersuchung, sondern eher ein Gespräch über Themen, die in dem Alter zwischen 12 und 14 interessant werden. Es ist gut, wenn man durch das Heft nun daran erinnert wird. In einigen Bundesländern könnte es auch Schreiben der Krankenkassen geben, die daran erinnern, einen Termin zu vereinbaren. In Teilen Deutschlands könnte die U10 sogar verpflichtend sein.Weshalb gibt es denn regionale Unterschiede?Der Grund für verpflichtende Vorsorgen oder ein verpflichtendes Einladewesen ist der Kinderschutz. Es gibt Bundesländer, die hier andere Konzepte haben.Man hofft, dass auch sozial benachteiligte Familien von der U10 profitieren können. Ja, dass man erst einer bestimmten Krankenkasse beitreten musste, um die Vorsorgeuntersuchung finanziert zu bekommen, war eine große Hürde. Wir hoffen, dass mit der neuen Regelung gerade auch die Menschen, die dringend Unterstützung brauchen – und das sind häufig eben sozial benachteiligte Kinder –, von dieser Präventionsmaßnahme profitieren. Jetzt können die Krankenkassen aktiv daran erinnern. Bestenfalls verschickt man die Einladungsschreiben in verschiedenen Sprachen. Damit steigert man die Teilnahme auf über 90 Prozent.