Psychotherapie wird heute in den Leitlinien zur Behandlung praktisch aller psychischen Erkrankungen empfohlen. Das ist richtig und entspricht der Evidenzlage. Gleichzeitig warten Patienten heute im Schnitt vier Monate auf einen Therapieplatz, und für schwer betroffene Patienten in psychiatrischen Kliniken, die kurz vor der Entlassung stehen, ist das besonders schwer. Muss das sein?Grundsätzlich ist es so, dass sich jeder, der psychische Beschwerden hat, direkt an einen psychologischen oder ärztlichen Psychotherapeuten wenden kann, der dann über den Zugang zu Leistungen entscheidet. Dabei gibt es keine Zugangssteuerung nach Schweregrad. Jeder hat den gleichen Anspruch, ob er an einer schweren Depression leidet, gerade einen Suizidversuch überlebt und einen Krankenhausaufenthalt hinter sich hat oder ob er bei ansonsten hohem Funktionsniveau unter einer Angst vor Spinnen leidet. Für die aufwendige Therapieplatzsuche mit dem frustrierenden Durchtelefonieren von Therapeutenlisten haben die am schwersten betroffenen Patienten oft keine Kraft und zu wenig Beistand, um sich im Wettbewerb um Therapieplätze durchzusetzen.Professor Klaus Lieb, Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie der Universitätsmedizin MainzLucas BäumlBei der Vorstellung beim Psychotherapeuten ist es dann mehr oder weniger dem Zufall überlassen, ob der Patient bei einem Verhaltenstherapeuten, einem systemischen, einem psychodynamischen oder psychoanalytischen Therapeuten landet. Der Unterschied liegt dann aber in der Therapiedauer: Ein Verhaltenstherapeut behandelt durchschnittlich 20 bis 40 Stunden, während ein psychoanalytischer Therapeut pro Patient 100 oder mehr Sitzungen plant.Die Folgen für die Versorgungskapazität liegen auf der Hand: Wenn ein Verhaltenstherapeut 44 Wochen pro Jahr 30 Stunden Psychotherapie anbietet, wird er 44 Patienten pro Jahr behandeln können, sein Kollege aber nur 13 Patienten. Es gibt keine wissenschaftliche Evidenz, dass die längeren psychodynamischen Therapien den kürzeren verhaltenstherapeutischen überlegen sind, aber es gibt Hinweise, dass die stärksten Therapieeffekte in den ersten 20 Stunden eintreten und dann deutlich abnehmen.Bürokratie hat sich erhöhtAuch ist es immer noch dem Zufall überlassen, ob der Patient an einen Therapeuten gelangt, der auch Gruppentherapie anbietet. Bei vielen Krankheitsbildern ist Gruppentherapie einer Einzeltherapie ebenbürtig, und die Patienten profitieren oft sehr von den anderen Patienten. Wenn jeder Verhaltenstherapeut von seinen 30 Therapiestunden in der Woche nur zwei Doppelstunden Gruppe für je acht Patienten anbietet, kann er statt 44 Patienten 86 im Jahr behandeln, also praktisch die doppelte Anzahl.Die bisher eingeführten Steuerungselemente wie psychotherapeutische Sprechstunde als niedrigschwelliger Erstzugang, Möglichkeiten der Akutbehandlung für dringende Fälle oder Terminservicestellen haben die Wartezeiten nicht wesentlich verkürzt, aber gleichzeitig die Bürokratie erhöht. Es ist daher an der Zeit, den Zugang zu Psychotherapie besser zu steuern, statt nur mehr Therapeuten zu fordern.Optionen könnten sein: mit der Entlassung garantierte Behandlungsplätze für stationäre Patienten, die bisher keinen ambulanten Behandler haben; Ausbau der Leistungsanreize, schwer kranke Patienten zu übernehmen; Beschränkung langer Therapien nur auf wissenschaftlich nachgewiesene störungsspezifische Psychotherapieansätze; gezielter weiterer Ausbau der Förderung der Kapazitäten für evidenzbasierte Gruppentherapien.Am allerwichtigsten und gleichzeitig am schwierigsten scheint mir zu sein, gute Wege zu finden, die relevanten Einschränkungen der Leistungsfähigkeit und Teilhabe als Eingangsvoraussetzung für den Empfang einer solidarisch finanzierten Leistung noch kritischer zu prüfen. Nicht jeder belastete Mensch braucht einen Psychotherapeuten.
Psychotherapie: Was würde wirklich gegen den Mangel an Therapieplätzen helfen?
Die Wartezeiten auf einen Platz sind lang, und dann entscheidet der Zufall, welche Psychotherapie man kriegt. Brauchen wir also ein besseres Angebot? Andere Wege sind realistischer.







