Die Taliban verboten den Afghaninnen den Fussball. Jetzt spielen die Frauen wieder – aus dem Exil und mit Unterstützung der Fifa.21.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenDie afghanischen Exil-Fussballerinnen bei einem Selektions-Camp in Grossbritannien im August 2025.John Sibley / ReutersZu manchen Jobs kommt man nicht über eine Bewerbung im Karriere-Netzwerk Linkedin. Sondern über jahrelange Expertise, besondere Verbindungen – oder weil man schlicht ein Star ist. Fussball-Nationaltrainer ist normalerweise so ein sagenumwobener Job.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Fifa aber macht es derzeit anders. Per einfachem Stelleninserat sucht der Weltfussballverband einen «Head Coach» für das afghanische Frauen-Nationalteam. Gefragt ist eine Person, die das Team auf internationaler Ebene wettbewerbsfähig macht. Die Trainerin oder der Trainer solle erfahren sein. Und im besten Fall eine der afghanischen Landessprachen Dari oder Paschtu sprechen, heisst es in der Ausschreibung. Hinter dem unüblichen Stelleninserat steht die aussergewöhnliche Geschichte des afghanischen Frauen-Nationalteams.Taliban verbieten Sport für FrauenDas Team wurde im Jahr 2007 gegründet, die treibende Kraft und die erste Kapitänin war Khalida Popal, die Tochter einer Sportlehrerin aus Kabul. Popal und ihre Mitspielerinnen trainierten auf einem Helikopterlandeplatz der Nato. Spiele bestritt das Team hauptsächlich im Ausland. Immer wieder wurden die Fussballerinnen von konservativen Kräften im eigenen Land beschimpft und bedroht. Beim Training wurden sie mit Müll beworfen. Trotz allem: 2007 war bei einem internationalen Turnier in Pakistan erstmals die afghanische Nationalhymne vor einem Spiel der afghanischen Frauen erklungen.Mit der Machtübernahme der Taliban im Jahr 2021 wurden den Frauen und Mädchen in Afghanistan fast alle Rechte genommen. Die Taliban verboten ihnen Sport generell. Für afghanische Spitzensportlerinnen wurde die Situation lebensgefährlich. Nach den Fussballerinnen wurde gefahndet. Viele von ihnen mussten Trikots und Pokale verbrennen oder vergraben.Die Fussballerin Khalida Popal lebte damals bereits seit zehn Jahren in Dänemark, weil sie in Afghanistan wegen ihres Fussball-Engagements Morddrohungen erhalten hatte. Nun setzte sich Popal aus dem Exil dafür ein, dass die afghanischen Fussballerinnen das Land unter den Taliban verlassen konnten. Mit Erfolg: Australische Streitkräfte flogen das Team im Frühjahr 2021 zusammen mit anderen Sportlerinnen nach Australien aus. Die meisten erhielten dort Asyl, einige leben heute in Europa. Die Lust auf Fussball ist ihnen geblieben.Als Nationalteam an internationalen Turnieren konnten die Afghaninnen aber nicht weiterspielen. Der von den Taliban kontrollierte afghanische Fussballverband weigerte sich, das Frauenteam offiziell anzuerkennen. Das wäre nach den Regeln der Fifa jedoch nötig gewesen, um als Nationalteam zu starten.Khalida Popal forderte zusammen mit der pakistanischen Friedensnobelpreisträgerin Malala Yousafzai Anfang 2023 die Fifa auf, das Exil-Team trotzdem als Nationalmannschaft Afghanistans anzuerkennen. Drei Jahre später ist die Fifa der Forderung nachgekommen.Zunächst holte der Weltverband im vergangenen Sommer die afghanischen Fussballerinnen als Team namens Afghan Women United zurück auf das internationale Terrain. Der Verband akzeptierte sie noch nicht als Nationalteam, aber sie durften wieder spielen. Im Oktober 2025 bestritt das Team erstmals wieder ein internationales Spiel. Bei dem Freundschaftsturnier Fifa Unites: Women’s Series in Marokko spielte eine Auswahl der geflüchteten afghanischen Spielerinnen gegen Tschad. Sie verlor 1:6. Doch für die zuvor vier Jahre gesperrten Afghaninnen war das Spiel ein Meilenstein.Khalida Popal, die erste Kapitänin des früheren afghanischen Nationalteams, ist zu einer Symbolfigur des afghanischen Frauensports geworden.Diego Delgado / ReutersPräzedenzentscheid der FifaDie Fifa konzipierte Afghan Women United als einjähriges Pilotprojekt. Der Verband unterstützte das Team auch finanziell, übernahm Reisekosten der auf der Welt verstreut lebenden Exil-Afghaninnen und finanzierte den Trainerstab.Der Verband ernannte die schottische Fussballlegende Pauline Hamill zur Cheftrainerin von Afghan Women United. Hamill hatte als erste schottische Nationalspielerin 100 Länderspiele bestritten. Nun begleitete Hamill die Afghaninnen durch das vergangene Jahr.Ende April hob die Fifa in einem Präzedenzentscheid ihre Regel auf, ein Team nicht zuzulassen, wenn es von seinem nationalen Verband nicht anerkannt ist. Der Verband entschied, die Registrierung bei aussergewöhnlichen Umständen doch zuzulassen. Das afghanische Team wurde offiziell wieder als vollwertige Nationalmannschaft bestätigt.Fifa-Präsident Gianni Infantino verkündete die «bahnbrechende» Änderung in Toronto. Khalida Popal stand neben ihm. Die afghanischen Spielerinnen verfolgten die Pressekonferenz online. Die Fifa habe diesen Spielerinnen zugehört, sagte Infantino.Im Sommer flog das Nationalteam, bestehend aus 23 Spielerinnen, für sein Comeback nach Neuseeland in ein Trainingscamp. Es spielte ein Freundschaftsspiel gegen die Cook-Inseln. Und ab jetzt gilt es wieder ernst: Als Nächstes steht die Olympiaqualifikation an.Weil das offizielle Nationalteam die «Afghan Women United» ablöst, sucht die Fifa einen neuen Coach. Der Verband will sowohl interne als auch externe Bewerberinnen und Bewerber berücksichtigen. Es ist also auch möglich, dass die Schottin Pauline Hamill die Afghaninnen weiter betreuen wird. Aber wie das bei Fussballtrainerinnen und -trainern so ist: Sicher hat man die Position selten inne. Die Fifa wolle die bestmögliche Besetzung für den Posten finden, teilt sie auf Anfrage der NZZ mit. Es ist das erste Mal, dass die Fifa selbst einen Coach für ein Nationalteam stellt.Auf Linkedin hatten sich bis am Donnerstagabend 45 Kandidatinnen und Kandidaten um die Stelle beworben. Als wäre es ein ganz normaler Job.Passend zum Artikel