Bälle abwehren, Flanken abfangen, gegnerische Stürmer in Eins-gegen-eins-Situationen entnerven: Für solche Dinge ist Robin Zentner bekannt. Jetzt aber offenbarte der Torhüter des FSV Mainz 05 eine ganz neue Qualität – als Torvorbereiter. Im abschließenden Testspiel der Rheinhessen gegen den Premier-League-Klub AFC Bournemouth (2:1) pflückte er einen Eckball am Fünfmeterraum aus der Luft, schaltete sofort um und warf den Ball weit über die Mittellinie hinaus in den Lauf des seinen Gegenspielern davongesprinteten Sheraldo Becker, der dann das 1:0 erzielte.Es war der erste Assist in Zentners Karriere, dessen es nicht bedurft hätte, um seine Rolle als Nummer eins in einem erstmals seit längerer Zeit auf zwei Positionen neu besetzten Torhütertrios zu untermauern. Anstelle des zu Borussia Mönchengladbach gewechselten Daniel Batz, der vorige Saison den verletzten Zentner von Mitte Dezember an vertreten hatte, und des an Fortuna Düsseldorf verliehenen Lasse Rieß gehören jetzt Alexander Schwolow und Maximilian Kinzig zum Team.Zentner möchte keinen an sich vorbeilassenLetzteren, vor drei Jahren von Viktoria Berlin gekommen, haben die Mainzer aus der U23 nach oben gezogen, womit sie die Tradition wahrten, die allermeisten ihrer Schlussleute selbst ausgebildet zu haben. Zentner freut sich über die vielen Positionskollegen, die der Verein in den vergangenen Jahren hervorgebracht hat – auch wenn er, seit sieben Jahren unumstrittene Stammkraft, nie einen an sich vorbeiließ. „Das habe ich auch weiterhin nicht vor“, sagt er und lacht.Bleibt die Nummer eins in Mainz: Robin ZentnerdpaTipps geben und bei Fragen weiterhelfen jedoch sei selbstverständlich, und Kinzig (22) nimmt die Ratschläge des neun Jahre älteren Kollegen auf und neben dem Platz gerne an. „Der Austausch mit einem Torwart wie Robin ist für mich Gold wert“, sagt er. „Ich bin sehr dankbar, dass er mich vom ersten Tag an super aufgenommen und mir immer das Gefühl gegeben hat, dazuzugehören.“ Gleichzeitig seien ihm die Intensität und Professionalität, mit der Zentner arbeite, Ansporn für die eigene Entwicklung.208 Bundesligaspiele hat Zentner inzwischen bestritten, allesamt für die Mainzer. Auf lediglich zwei weniger kommt Neuzugang Schwolow, die meisten für den SC Freiburg, die übrigen für Hertha BSC, Schalke 04 und Union Berlin. Dass die 05er ihn vom schottischen Meisterschaftszweiten Heart of Midlothian loseisten, für den der gebürtige Wiesbadener eine Saison lang tätig war und 17-mal ohne Gegentreffer blieb, überraschte nicht nur Experten. „Ihn hatte ich nicht auf dem Schirm“, sagt Robin Zentner. „Sobald jemand aus Deutschland weg ist, verschwindet auch der Fokus ein bisschen.“Schwolow ist eine vernünftige VerpflichtungNichtsdestotrotz sei die Entscheidung für den Vierunddreißigjährigen nachvollziehbar. „Er ist aus unserer Region, er weiß, was er will und in welcher Phase seiner Karriere er ist. Deswegen wird er sich gut überlegt haben, was für ihn der beste nächste Schritt ist. Und auch für Mainz 05 hört sich das nach einer sehr vernünftigen Verpflichtung an.“Der Ortswechsel des Neuzugangs erinnerte in seiner Rasanz an Rudi Carrells „Lass dich überraschen“-Ankündigung: „Eben noch in der Küche, jetzt auf unserer Showbühne.“ Eben noch spielte Alexander Schwolow in Schottland mit den Hearts um den Einzug in die Champions League – und schon stand er auf dem Stadionrasen im österreichischen Wörgl, im Mainzer Trainingslager.Sein verspäteter Einstieg in die Saisonvorbereitung ging auf eine Art „Gentlemen’s Agreement“ zwischen beiden Klubs zurück. Die Schotten ließen ihn trotz eines längerfristigen Vertrags ablösefrei ziehen – „Dafür bin ich sehr dankbar, das hätten sie deutlich schwieriger gestalten können“ –, obwohl sie kurzfristig einen neuen Torwart suchen mussten. Im Gegenzug erklärten die 05er sich einverstanden, dass Schwolow noch die Qualifikationsspiele bestreitet.Sportliche Gründe waren es im Übrigen nicht, die den Routinier seine Zelte auf der Insel abbrechen ließen. „In Midlothian habe ich die Freude am Fußball zurückgefunden, und ich wäre gerne noch geblieben“, erzählt er. Seiner Familie zuliebe jedoch habe er sich dagegen entschieden.Vor allem seine ältere Tochter habe sich nicht wohlgefühlt, die Sprachbarriere sei zu hoch gewesen, und als Fünfjährige wäre sie in Schottland jetzt vom Kindergarten in die Schule gewechselt. „Deshalb mussten wir wieder in den deutschsprachigen Raum.“ Am Bruchweg gelandet zu sein, betrachtet er als Glücksfall: „Wenn wir uns den neuen Verein hätten aussuchen können, wäre es Mainz oder Freiburg geworden.“Jetzt ordnet Schwolow sich hinter Zentner ein – oder fordert er die Nummer eins heraus? „Robin hat es sich verdient, da zu stehen, wo er ist“, antwortet er, „er hat das überragend gemacht. Aber ich bin ambitioniert, ich werde immer Gas geben. Für mich heißt es, Robin Druck zu machen und bereit zu sein, wenn ich übernehmen muss.“
Torwart Alexander Schwolow stellt sich bei Mainz 05 hinter Tobin Zentner
In Schottland hat Alexander Schwolow die Freude am Fußball zurückgewonnen. Warum sich der Torwart trotzdem Mainz 05 anschließt.






