Pep Guardiola und Jürgen Klopp setzten vor ihren Abschieden von Manchester City und vom FC Liverpool die Tradition der nahezu allmächtigen Trainer im englischen Klubfußball fort. Die beiden starken Persönlichkeiten zeichneten sich durch großen sportlichen Einfluss, enorme Erfolge und lange Amtszeiten aus – und genossen bei ihren Vereinen ehrfürchtig den Status „Manager“. Die wohl treffendste Bezeichnung wäre „Trainager“, eine Kombination aus Trainer und Manager. Der Begriff „Manager“ ist eine englische Besonderheit, die die vielfältigen Tätigkeiten verdeutlichen sollte, die ein Trainer auf der Insel einst allein zu bewältigen hatte. Doch die Bezeichnung ist inzwischen beinahe verschwunden – und mit ihr droht auch der Typus der prägenden Autoritätsfigur auszusterben.Vor dem Start der neuen Premier-League-Saison – am Freitagabend mit dem Auftaktspiel des Meisters FC Arsenal gegen Coventry – führen nur noch sechs der 20 englischen Erstliga-Klubs ihre Cheftrainer offiziell als „Manager“. Die anderen Vereine stellten ihre Trainer bei der Verpflichtung explizit als „Head Coach“ vor. Die verbliebenen Ausnahmen sind Mikel Arteta (Arsenal), Unai Emery (Aston Villa), Daniel Farke (Leeds United), David Moyes (FC Everton), Xabi Alonso (FC Chelsea) und Gary O’Neil (Ipswich Town). Acht Jahre zuvor war das Verhältnis in Englands Eliteliga noch genau umgekehrt. Dahinter steht ein organisatorischer Wandel. Immer mehr englische Vereine orientieren sich an den Strukturen auf dem europäischen Festland. Dort beschränkt sich die Rolle des Trainers auf die unmittelbare Arbeit mit der Mannschaft – für Kaderplanung, Transfers und Vertragsgespräche ist das Management zuständig, also Geschäftsführer oder Sportdirektoren.Matthias Jaissle bei Newcastle United:Er kommt aus der Wüste und soll sofort ein Rockstar seinVor drei Jahren ging Matthias Jaissle als deutsches Trainertalent überraschend nach Saudi-Arabien. Nun muss er bei Newcastle United in der Premier League zeigen, was er kann.Mit der schwindenden Entscheidungsgewalt des Trainers scheinen die Engländer auch die hohe Fluktuation auf dieser Position zu übernehmen. Neun Premier-League-Klubs starten mit neuen Trainern in die Saison – so viele wie seit 80 Jahren nicht mehr. Die durchschnittliche Verweildauer der aktuellen Erstligatrainer bei ihren Klubs ist auf einem historischen Tiefstand: Mehr als die Hälfte ist seit weniger als zwölf Monaten im Amt. Dies ist neben den abgetretenen Titelsammlern Guardiola und Klopp der Hauptgrund, warum der Ausgang der Premier League in diesem Jahr als ausgesprochen offen gilt.Besonders betroffen von dieser Entwicklung sind – ironischerweise – die heimischen Trainer. Nur noch drei Engländer, Michael Carrick (Manchester United), Frank Lampard (Coventry City) und Gary O’Neil (Ipswich), stehen an der Seitenlinie eines Premier-League-Vereins. Lampard und O’Neil sind zudem bei Aufsteigern tätig. Eine so niedrige Zahl gab es bisher nur in den vergangenen beiden Spielzeiten, sogar Deutschland ist mit vier Trainern in dieser Premier-League-Saison stärker vertreten. Dies erweckt den Eindruck, als gäbe es für die klassischen englischen Generalmanager kaum noch Verwendung. Für nachrückende Trainergenerationen verschlechtern sich die Chancen erheblich. Sie müssen sich der hohen internationalen Konkurrenz sowie bisweilen auch den Zweifeln der Klubbesitzer stellen, die angesichts ihrer teuren Investitionen häufig lieber auf etablierte Cheftrainer aus dem Ausland setzen.Immer mehr Pflichtspiele, Datenanalysen, Scouting, Berater: zu viel Baustellen für einen EinzigenDrei Viertel der aktuellen Premier-League-Coaches stammen aus Kontinentaleuropa, zwei weitere aus Schottland und Irland. Das ist Ausdruck der unaufhaltsamen Globalisierung der Liga, die sich ebenso bei den Einsatzminuten der Spieler zeigt. In der Vorsaison entfielen laut Guardian 69,9 Prozent der verfügbaren Einsatzminuten auf Profis, die nicht britischer oder irischer Herkunft waren. Direkt nach Gründung der Premier League 1992 waren es in dieser Kategorie gerade einmal 8,6 Prozent gewesen.In gewisser Weise geht der Trend des Spitzenfußballs durch die Explosion an Pflichtspielen sowie den wachsenden Einfluss von Datenanalyse, Scouting und Beratern dahin, für alles Spezialisten zu installieren. Während früher eine Aufgabentrennung undenkbar gewesen wäre, sind die heutigen Anforderungen von einer einzelnen Person kaum mehr zu bewältigen. In der Vergangenheit war der „Manager“ die zentrale Figur eines englischen Vereins, hierarchisch einzig dem Klubeigentümer untergeordnet. Er verfügte über nahezu uneingeschränkte Kontrolle über sportliche, finanzielle und personelle Entscheidungen. Zu den prominentesten Vertretern zählten in den Sechzigerjahren Bill Shankly (Liverpool) und Matt Busby (Manchester United), später Bob Paisley (Liverpool) und Brian Clough (Nottingham) – und um die Jahrtausendwende Alex Ferguson (Manchester United) und Arsène Wenger (Arsenal). Sie alle regierten mit eiserner Hand, Ferguson amtierte in der Nachkriegszeit am längsten: Von 1986 bis 2013 stand er 26 Jahre und 236 Tage lang an der Spitze von Manchester United.Den schwindenden Einfluss nehmen die Trainer in England unterschiedlich auf. Der Niederländer Arne Slot, der 2025 Liverpool zur Meisterschaft führte und im vergangenen Mai entlassen wurde, erklärte einmal, er sehe darin keine Ehrenrührigkeit. Für ihn sei es „normal“, Head Coach zu sein, da er dies bereits von seinen vorherigen Trainerstationen in der Heimat kenne. Doch zwei Trainerentlassungen zu Jahresbeginn – Enzo Maresca bei Chelsea und Rúben Amorim bei Manchester United – deuteten an, dass die Machtverschiebungen in den Vereinen auch zu internen Rangeleien führen können. Sowohl Maresca, der nun im Sommer Guardiola bei Manchester City nachfolgte, als auch Amorim, mittlerweile im Dienst der AC Milan, hatten mehr Mitspracherecht gefordert, das ihnen ihre Klubs nicht gewähren wollten. Manchester Uniteds Sportchef Jason Wilcox räumte sogar ein, es sei ein „kleines Problem“, dass er sich in die Arbeit des Trainers einmische.Immerhin rücken vereinzelt neue „Manager“ in den Premier-League-Vereinen nach. Arsenals Meistercoach Arteta und Aston Villas Emery nahmen zunächst ihre Tätigkeiten in den Klubs als Head Coaches auf, bevor sie offiziell zu Managern befördert wurden. Nach der Verpflichtung mehrerer Head Coaches entschied sich der FC Chelsea im Hinblick auf diese Saison dazu, seinen neuen Trainer Xabi Alonso direkt als „Manager“ einzustellen. Er soll damit in die Fußstapfen von Guardiola und Klopp treten.