Eine Welt voller Faschisten: Ilko-Sascha Kowalczuk rechnet mit DDR-Nostalgie und der AfD ab – und schiesst dabei übers Ziel hinausEr kritisiert die «Sehnsucht nach einem autoritären Staat»: Die Warnungen des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk sind nicht von der Hand zu weisen. Doch die Grenze zwischen Aufklärung und Agitation ist schmal. Auch in seinem neuen Buch.Eckhard Jesse20.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Wer Faschisten wählt, ist meist selbst ein Faschist!»: Ilko-Sascha Kowalczuks kritisiert illiberale Tendenzen in der deutschen Politik.Steffen Schellhorn / ImagoIlko-Sascha Kowalczuk, Jahrgang 1967, ist ein wissenschaftliches Original, ein Feuerkopf. Der Autor, der in der DDR, obwohl aus kommunistischem Elternhaus stammend, aufgrund seiner Renitenz kein Abitur machen konnte, veröffentlicht Bücher am laufenden Band: 2023/24 eine Ulbricht-Biografie in zwei Bänden, 2024 ein Buch über den «Freiheitsschock» in Ostdeutschland nach der deutschen Einheit und 2025 einen Interviewband mit Bodo Ramelow, dem Ministerpräsidenten Thüringens von 2014 bis 2024. Dabei ist Kowalczuk immer für polemisch-exzentrische Positionen gut.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.In seinem neuen Buch rechnet er mit der AfD ab. Sie gilt für ihn als durch und durch faschistisch. Und Kowalczuk hält nicht nur sie für faschistisch, sondern auch ihre Wählerschaft: «Wer Faschisten wählt, ist meist selbst ein Faschist!» Der Autor gebraucht diesen so unpassenden wie dämonisierenden Begriff inflationär. «Ein Faschist sitzt im Weissen Haus. Faschisten sitzen in europäischen Regierungen.» Der Titel seines Buches, «Faschismus ist keine Meinung», ist der Anfang eines Antifa-Slogans. Seine Fortsetzung lautet: «sondern ein Verbrechen».Damit ist Kowalczuks Standpunkt bezeichnet. Zugleich, und das ist selten bei einem so harschen AfD-Kritiker, wird kein gutes Haar an der Partei «Die Linke» gelassen, und erst recht nicht am Bündnis Sahra Wagenknecht. «Wer Wagenknecht wählt, kann auch AfD wählen, es läuft auf das Gleiche hinaus», schreibt Kowalczuk.Die doppelte «Beweisführung» dafür: Das rechtsextreme Monatsmagazin «Compact» sprach sich für Wagenknecht als «beste Kanzlerin» aus, eine «Kandidatin für links und rechts». Nachdem Wagenknecht im Zusammenhang mit den Waffenlieferungen an die Ukraine gefragt hatte, ob alle den «Verstand» verloren hätten, bekam sie kräftigen Beifall von der AfD-Fraktion. Der Beifall von rechts für Wagenknecht genügt also, um die AfD und die Wagenknecht-Partei über einen Kamm zu scheren.Gegen «Ostdeutschtümelei»Die zum Teil sehr persönlich gehaltene Streitschrift ist nicht aus einem Guss. Die «Sehnsucht nach dem autoritären Staat» sei in Ostdeutschland verbreitet, schreibt Kowalczuk, um anschliessend das hohe Mass an Verständnis zu schildern, auf das Putins Russland dort stösst. Dann folgen Passagen zum «Schlachtfeld DDR-Geschichte», in denen zu Recht die Strategie angeprangert wird, die Staatssicherheit für alles Unrecht verantwortlich zu machen und nicht die Staatspartei.Das Kapitel «Die heile Welt der Diktatur» kritisiert massiv die in der DDR geltenden Vorbilder, die sich für viele bis heute gehalten haben: Ernst Thälmann, den moskauhörigen KPD-Chef in der Weimarer Republik, Sigmund Jähn, den ersten deutschen Kosmonauten im All, den 95-jährigen Radsportstar Gustav Adolf («Täve») Schur, der später Mitglied der DDR-Volkskammer und nach der Wende Abgeordneter des Bundestags war.Kowalczuk kritisiert den Opfermythos in Ostdeutschland scharf. «Ostdeutschtümelei» verkläre die Vergangenheit und delegitimiere die Gegenwart, mahnt er. Seine stete Warnung vor illiberalen und autoritären Tendenzen ist nicht leichtfertig beiseitezuschieben, genauso wenig wie sein Plädoyer für eine wehrhafte Demokratie. Nur besteht die Gefahr, dass sein Kampf gegen den Autoritarismus selbst ins Autoritäre abgleitet, entgegen der Intention des Autors, wonach Freiheit (und nicht Frieden) als der höchste Wert schlechthin gilt. Kowalczuks Umgang mit tatsächlichen oder vermeintlichen Feinden der Freiheit zeichnet sich nicht immer durch souveräne Gelassenheit aus. Zuweilen scheint die blanke Wut Kowalczuk die Feder geführt zu haben.Vor allem die nach 1990 geborenen Menschen zeigten eine besonders starke antiwestliche Haltung, bemerkt der Autor. Und sofort wird eine Verbindung zur AfD hergestellt: «Schaut man sich die Ergebnisse der letzten Bundestags- und Landtagswahlen an, stellt man fest, dass in Ostdeutschland die AfD in den Wählergruppen unter 35 Jahren besonders stark vertreten war.» Das klingt interessant, stimmt aber nicht: Wie die exakte repräsentative Wahlstatistik nicht nur zur Bundestagswahl 2025 belegt, votierten die unter 35-Jährigen im Osten unterdurchschnittlich für die rechtspopulistische Partei.Historische WahrheitSo unerbittlich und pauschal, wie Kowalczuk die AfD kritisiert: Auf den harten Kern der regimekritischen Kräfte in der DDR lässt er nichts kommen. Aber bekannten sich «Widerstandskämpfer, Oppositionelle, Bürgerrechtler» wirklich «zur staatlichen Einheit Deutschlands»? Die Abstimmungen in der demokratisch gewählten Volkskammer zeigen ein anderes Bild. Die Oppositionellen der DDR verstanden sich überwiegend als Repräsentanten eines dritten Weges, innen- wie aussenpolitisch, auch in wirtschaftlicher Hinsicht. Das klar zu sagen, würde zur historischen Wahrheit gehören, an der Kowalczuk so gelegen ist.Last, but not least: Wer eine derart hohe Geltung in der Wissenschaft wie in der Publizistik besitzt wie Kowalczuk, sollte weniger kämpferisch auftreten. Seine Argumente gehen ungeachtet treffender Passagen sowie funkelnder Formulierungen bisweilen in eine aggressive Agitation über. Im Ganzen fällt das Urteil über das Buch deshalb ambivalent aus. Man wünscht sich, dass Kowalczuk bald die von ihm angekündigte Biografie über Ernst Thälmann schreibt. Ein Standardwerk über ihn gibt es leider noch nicht.Ilko-Sascha Kowalczuk: Faschismus ist keine Meinung. Stabil bleiben in autoritären Zeiten. Verlag C. H. Beck, München 2026. 236 S., Fr. 34.90.Passend zum Artikel
Eine Welt voll von Faschisten: Ilko-Sascha Kowalczuk rechnet mit der AfD ab
Er kritisiert die «Sehnsucht nach einem autoritären Staat»: Die Warnungen des Historikers Ilko-Sascha Kowalczuk sind nicht von der Hand zu weisen. Doch die Grenze zwischen Aufklärung und Agitation ist schmal. Auch in seinem neuen Buch.






