Auf Spritztour im Reich des SommersDer Nachtfalter, unser Bartester, flattert diesmal nach Padua: auf den Spuren eines Cocktails, der so manchen Hype überdauert hat.Urs Bühler20.08.2026, 05.30 Uhr4 LeseminutenIllustration Benedikt RugarHätte der Sommer eine Farbe, er wäre blau wie das Meer. Oder doch eher orange wie ein Sonnenuntergang auf Santorini? Das jedenfalls ist das Kolorit des Cocktails, der in den Augen vieler für diese Jahreszeit steht wie kein anderer: Spritz. Die Hypes kommen und gehen, er hält sich seit Jahrzehnten in der Spitzengruppe der Sommerdrink-Hitparade.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Zur Erkundung dieses Phänomens flattert der Nachtfalter auf eine Spritztour zur Wiege dieses Dauerbrenners. Padua am Rande der Poebene, das mit Giottos Fresken in der Arena-Kapelle eines der bezauberndsten Kunstwerke des Abendlands beherbergt, ist auch die Geburtsstätte eines berühmten Bitterlikörs. Vor gut hundert Jahren kreieren ihn die Brüder Silvio und Luigi Barbieri für eine Handelsmesse und lassen bald das Rezept samt Namen schützen: Aperol. Der Name ist Programm – die Erfindung ist als Aperitivo der leichten Art konzipiert und wird besonders in Venedigs Bars schnell populär.Da tobt eine Party, wie die Piazza della Frutta sie noch nie gesehen haben soll.Urs BühlerNun also fliegt der Falter über die Piazza delle Erbe und landet auf der Piazza della Frutta neben dem prächtigen Palazzo della Ragione, Paduas einstiger Markthalle, in der Aperol damals aus der Taufe gehoben wurde. Ganz ins Orange getaucht ist der entsprechend beleuchtete und beflaggte Platz in dieser Nacht, auf dem eine Freiluftparty tobt, wie er sie noch nie gesehen haben soll. Hunderte bewegen sich rhythmisch zu stampfenden Beats oder fläzen sich auf bereitgestellten Lounge-Möbeln mit einem Spritz in der Hand, dessen Geschichte in einem Pop-up-Lokal namens Casa Aperol aufgerollt wird.«Bödele» mit Tintenfisch.Urs BühlerGibt es ein Jubiläum zu zelebrieren, eine frische Rezeptur vielleicht gar? Ach was, als Anlass dient bloss die Präsentation eines neuen Flaschendesigns im Retrostil. Aber man soll die Feste feiern, wie sie fallen. Und so weicht selbst der Falter für einmal vom Prinzip ab, sich auf seinen Erkundungsflügen nie einladen zu lassen. Zunächst aber gönnt er sich am nahen Stand «La Folperia» eine Street-Food-Spezialität, von der über die Stadtgrenzen hinaus geschwärmt wird: gekochter Tintenfisch an einer würzigen Kräutersauce.Das schmeckt himmlisch und legt den Boden für ein paar Spritz. Wer findet, dieser klinge sehr deutsch, irrt übrigens nicht. Im 19. Jahrhundert spritzten Soldaten aus Österreich, zu dessen Kaisertum Venedig zählte, die schweren Weissweine der Region mit Sprudelwasser auf (ein weit weniger fragwürdiges Panschen als jenes, das ihre Landsleute später im Weinbau betreiben sollten). Dieser Grundidee entsprang in den 1950er Jahren der Spritz Veneziano: Schaumwein paart sich mit Bitterlikör, heute eben meist mit Aperol nach ursprünglichem Rezept – drei Teile Prosecco, zwei Teile Aperol, ein Teil Soda- oder Mineralwasser. Entscheidend ist, den grossen Kelch schon vorher randvoll mit Eiswürfeln zu füllen. Mit diesen zu sparen, ist die häufigste Sünde bei der Zubereitung, wie der Falter von Fachleuten in Padua erfährt.Lange blieb das Einzugsgebiet weitgehend auf Norditalien beschränkt, bis der mächtige Campari-Konzern sich 2003 die Marke einverleibte. Seiner Marketingmaschinerie gelang es, die Bezeichnung «Spritz» mit Aperol zur schier untrennbaren Einheit zu verschmelzen. So begann der weltweite Siegeszug des Cocktails, der in der Schweiz laut Firmenangaben heute zu den zwei am häufigsten bestellten zählt. Als Konkurrenz aus dem eigenen Haus ist zwar soeben vorgefertigter Campari Spritz in Fläschchen lanciert worden. Der gute alte Campari Soda aber, von der Zürcher Band Taxi 1977 in einem wunderbaren Mundartsong verewigt, hat vielerorts längst das Nachsehen.In Padua leuchtet allenthalben das markentypische Orange.Urs BühlerWenngleich die halbe Welt ihren Spritz heutzutage mit Aperol gemixt haben will, muss sich der Falter hier als Verächter dieser klebrig-süssen Paarung outen. Wenn es wirklich ein Spritz sein muss, bevorzugt er eine der zahlreichen Variationen – etwa mit dem weniger süssen Select, der ein Jahr nach dem Aperol erfunden worden ist und bis heute in Venedig erste Wahl ist, oder dem herb-eleganten Cynar.Der Sommer mag zur Neige gehen, der Spritz tut’s noch nicht. Bis tief in den Herbst hinein, ja selbst auf Skipisten wird sein Orange, das er künstlichen Farbstoffen verdankt, in den Kelchen leuchten. Und seinen Erfolg begünstigt das Wiederaufleben der Apéritifkultur: Statt Nächte durchzutanzen mit allerlei Substanzen im Blut stösst die Generation Z, so hört und liest man, höchstens noch kurz nach Büroschluss an. Und wenn überhaupt mit Alkohol, dann nur mit leichten Drinks wie diesem, um dann bald schlafen zu gehen und frühmorgens fit für die Arbeit oder für boomende Bakery-Raves am Tag zu sein. Dem Falter als Liebhaber kompromisslos schwerer Negronis und der Stunden um Mitternacht mag das alles suspekt oder zumindest fremd vorkommen. Doch wer soll diese Entwicklung noch aufhalten?Die Sammlung aller NZZ-Restaurantkritiken der letzten fünf Jahre finden Sie hier.Passend zum Artikel
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