Der andere BlickDie Konjunktur in Deutschland zieht an. Reformen sind trotzdem unumgänglichDie Zeichen für eine Belebung der deutschen Konjunktur mehren sich. Doch der Aufschwung steht auf wackeligen Beinen. Die Bundesregierung sollte das ihr gegebene Zeitfenster für Reformen nutzen.20.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenDie deutschen Exporte ziehen an.chris emil janßen / imagoSie lesen einen Auszug aus dem Newsletter «Der andere Blick am Morgen», heute von Malte Fischer, Wirtschaftsredaktor NZZ Deutschland. Abonnieren Sie den Newsletter kostenlos. Nicht in Deutschland wohnhaft? Hier profitieren.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Seit vielen Jahren klagen die Unternehmen in Deutschland über fehlende Aufträge, hohe Steuern, teure Energie und zu viel Bürokratie. Deutschland, so der Tenor, ist ein Sanierungsfall. Ein Land in der Dauerstagnation, international abgehängt, auf dem Weg in die zweite Liga der Industrieländer.Und dann das: Soeben erst meldete das Statistische Bundesamt, der Auftragsbestand der deutschen Industrie sei auf den höchsten Stand seit 2015 geklettert. Schon zu Beginn des Monats hatten die Statistiker mit der Meldung aufhorchen lassen, dass die deutschen Exporte im Juni ihr Vorjahresniveau um fast 7 Prozent überschritten hätten. Auch wichtige Frühindikatoren für die Konjunktur wie der Geschäftsklimaindex des Münchner Ifo-Instituts und der Konjunkturindex des Mannheimer Zentrums für Europäische Wirtschaftsforschung zeigen plötzlich nach oben.Wie kann das sein? War all das Wehklagen der Unternehmen nur das übliche Lied des Kaufmanns, das er immerzu anstimmt, damit keiner merkt, wie gut es ihm wirklich geht? Hat die Bundesregierung trotz aller Kritik doch das Richtige getan und mit ihren Reformen die Basis für den langersehnten Aufschwung gelegt?Wachstumsprognosen revidiertFakt ist: Die Konjunktur läuft besser, als viele Ökonomen vor Monaten erwartet hatten. Das Bruttoinlandprodukt legte im zweiten Quartal um 0,2 Prozent gegenüber dem Vorquartal zu. Und das trotz den Lieferengpässen und den rekordhohen Preisen für Öl und Gas infolge des Iran-Kriegs. Experten hatten für das zweite Quartal nur mit einer Stagnation oder gar mit einem Schrumpfen der Wirtschaftsleistung gerechnet.Ausserdem korrigierten die Statistiker die Wachstumszahlen für die vorangegangenen Quartale nach oben. Einige Volkswirte revidierten daraufhin ihre Wachstumsprognosen für dieses Jahr. Sie rechnen nun mit einem Wachstum von einem Prozent. Das ist mehr als das Doppelte dessen, was bei normaler Auslastung der volkswirtschaftlichen Kapazitäten zu erwarten wäre. Deutschland, so die Botschaft hinter den Prognosen der Ökonomen, steuert auf einen Aufschwung zu.Der Aufschwung steht auf wackligen BeinenDennoch besteht kein Grund zu grossem Jubel. Denn der Aufschwung steht auf wackligen Beinen.Eines seiner Beine ist das schuldenfinanzierte Sonderprogramm der Bundesregierung, mit dem diese die Bundeswehr wieder einsatzfähig machen und die Infrastruktur in Deutschland sanieren will. Von der zusätzlichen Nachfrage des Staates profitieren in erster Linie die Rüstungshersteller, deren Zulieferer sowie die Bauwirtschaft.Das spiegelt sich in den Auftragsbüchern der Unternehmen wider. Rechnet man Grossaufträge wie jene für Flugzeuge, Panzer und Kriegsschiffe aus den Zahlen heraus, stagniert der Ordereingang.Das zweite Bein des Aufschwungs ist der weltweite Boom der künstlichen Intelligenz (KI). Die deutschen Unternehmen befinden sich zwar nicht an vorderster Front bei der Entwicklung und Anwendung von KI. Doch mit ihrer starken Exportorientierung und ihrer Spezialisierung auf qualitativ hochwertige Produkte der Elektrotechnik und des Maschinenbaus sind sie stark in die globalen Wertschöpfungsketten bei der Errichtung von Rechenzentren eingebunden.Sie beliefern die Rechenzentren mit Chips für die Stromversorgung, mit Griffen und Scharnieren für Servertüren, mit Kühlsystemen und mit Hochleistungssteckern. Zudem sind sie am Bau der Gebäude für die Server beteiligt. Das kurbelt die Exporte an und lässt die Produktion in Deutschland steigen.Mehr Wachstum erfordert mehr InvestitionenDoch der KI-Boom wird nicht ewig währen. Und auch die Nachholeffekte bei der Aufrüstung der Bundeswehr werden irgendwann abebben. Dann wird auch die Sonderkonjunktur für die deutsche Wirtschaft enden.Umso wichtiger ist es, dass die Bundesregierung die Zeit nutzt, um die Standortbedingungen in Deutschland zu verbessern. Denn langfristig sind es nicht die Exporte und auch nicht die Staatsausgaben, die eine Volkswirtschaft auf einen höheren Wachstumstrend hieven. Es sind vielmehr die Investitionen. Diese erweitern, verbessern und erneuern den Kapitalstock, schaffen Jobs, machen Arbeitskräfte produktiver und steigern den Wohlstand.Die Unternehmen werden jedoch nur dann in Deutschland investieren, wenn sich die Rahmenbedingungen verbessern. Die Bundesregierung sollte daher der Versuchung widerstehen, die Urheberschaft für den sich abzeichnenden Aufschwung für sich zu reklamieren und die erforderlichen Reformen auf die lange Bank zu schieben. Das wird sich sonst bitter rächen.Passend zum Artikel
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