Nestlé bangt um sein Russland-Geschäft – eine ominöse Firma bittet Putin offenbar um ZwangsverwaltungNach dem Beginn des Ukraine-Kriegs ist Nestlé in Russland geblieben. Die Produktion läuft weiter. Im Vergleich zu anderen Fällen ist der Angriff auf den Konzern deshalb eher ungewöhnlich.20.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenEin Nesquick-Müesli in einem russischen Supermarkt.ImagoMehrere Jahre lang war es ruhig gewesen um Nestlés Geschäft in Russland. Das ist seit dieser Woche anders: Die russische Zeitung «Kommersant» hat berichtet, die Präsidialverwaltung von Wladimir Putin prüfe, ob Nestlés russische Tochtergesellschaften unter Zwangsverwaltung gestellt werden sollen. Der Aktienkurs des Schweizer Nahrungsmittelkonzerns geriet unter Druck.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Den Antrag auf die Zwangsverwaltung hat laut «Kommersant» eine Kleinfirma praktisch ohne Umsatz gestellt. Dies mit der Begründung, Nestlé baue seine Produktionskapazitäten nicht weiter aus und exportiere auch keine in Russland hergestellten Produkte ins Ausland.Nestlé selbst sei von den russischen Behörden in der Sache bis jetzt nicht kontaktiert worden, sagt ein Sprecher auf Anfrage. Die Fabriken und Büros arbeiteten weiter. Nestlé erfülle in Russland alle gesetzlichen Vorgaben. In Vevey scheint man die Angelegenheit aber ernst zu nehmen. Denn in den vergangenen Jahren sind in Russland mehrere Dekrete und Gesetze erlassen worden, die es der Regierung ermöglichen, Unternehmen unter Zwangsverwaltung zu stellen und einen Eigentümerwechsel herbeizuführen.Vasily Astrov ist Russlandexperte am Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche (WIIW). Er sagt, Russland nutze mit dem Antrag zwar ein formal rechtliches Prozedere. Doch über die wahre Begründung für die mögliche Zwangsverwaltung lasse sich nur spekulieren. Russland sei kein Rechtsstaat. «Wenn sich in der Umgebung von Wladimir Putin jemand für Nestlé interessiert, lässt sich immer ein Grund für eine Zwangsverwaltung finden.»Nestlé-Umsatz in Russland dürfte gestiegen seinNestlé gehört zu den westlichen Firmen, die nach der russischen Invasion in der Ukraine im Jahr 2022 im Land geblieben sind. Der Nahrungsmittelkonzern reduzierte zwar seine Aktivitäten. So stoppte er den Verkauf von «nichtessenziellen» Lebensmitteln: Zum Beispiel exportiert er keine Nespresso-Kapseln mehr nach Russland.Hingegen hielt Nestlé am Verkauf von Lebensmitteln fest, die das Unternehmen selbst in Russland produziert und als «essenziell» einstuft. In sieben russischen Fabriken stellt Nestlé Babymilch, Nescafé, Tiernahrung, Frühstücksflocken und Süssigkeiten her. Auch andere westliche Konzerne sind im Land geblieben, etwa Mars (der Weltmarktführer bei Tierfutter), JDE Peet’s (die Nummer zwei im Kaffeegeschäft) oder der Süsswarenkonzern Mondelez.Die Geschäfte von Nestlé schienen nicht schlecht zu laufen. Laut Insidern blieb die Nachfrage der russischen Konsumentinnen und Konsumenten robust. Nestlé tätigte Ersatzinvestitionen, um die Fabriken in Schuss zu halten. Der Umsatz in Russland dürfte seit 2022 tendenziell gestiegen sein.Schon bei Ausbruch des Ukraine-Kriegs hatte das Russland-Geschäft eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Im Jahr 2021, als Nestlé letztmals Zahlen auswies, betrug der Umsatz in Russland rund 1,7 Milliarden Franken oder 2 Prozent des Konzernumsatzes. Das war mehr als beispielsweise in Italien.Gleichzeitig dürfte es sich um ein profitables Geschäft handeln. Nestlé macht seit 2022 keine Werbung mehr für seine Produkte in Russland. Normalerweise ist dies ein erheblicher Kostenblock; konzernweit gibt das Unternehmen rund 9 Prozent des Umsatzes für Marketing aus. Ohne diese Ausgaben dürfte die Gewinnmarge in Russland gestiegen sein. Lokale Experten vermuten laut der Zeitung «Kommersant», dass die russischen Nestlé-Tochtergesellschaften in den vergangenen Jahren Gewinnrücklagen von 40 bis 50 Milliarden Rubel (umgerechnet 380 bis 475 Millionen Franken) akkumuliert haben.Zwangsverwaltung könnte Versorgungssicherheit gefährdenVon diesen Gewinnen hat der Nestlé-Konzern allerdings wenig. Wegen strenger Kapitalverkehrskontrollen darf das Geld nicht aus Russland ausgeführt werden. Nestlé klammert deshalb das Russland-Geschäft seit 2022 bei den Umsatz- und Gewinnzahlen des Gesamtkonzerns aus.Ebenfalls hatte der Nahrungsmittelkonzern angekündigt, den Gewinn aus dem Russland-Geschäft für humanitäre Zwecke zu spenden. Dem Vernehmen nach war dies aber eine einmalige Aktion für das Jahr 2022. Seither führt Nestlé seine Unterstützung für die Ukraine auf anderer Basis fort, etwa mit Nahrungsmittelspenden oder dem Bau von Schutzbunkern für die Angestellten im Land. Auch hat Nestlé in der Westukraine eine neue Fabrik für 40 Millionen Franken errichtet.Die gegenwärtige Attacke in Russland lässt viele Fragen offen. Der Antrag auf Zwangsverwaltung wurde laut «Kommersant» von der Kleinfirma KS Logistics gestellt. Welche Interessen hinter der vorgeschobenen Firma stecken, ist nicht bekannt. Für russische Geschäftsleute wäre eine Übernahme der Nestlé-Aktivitäten attraktiv etwa wegen der grossen Gewinnrücklagen, die sie abzweigen könnten.Jedoch gibt es keinen offensichtlichen russischen Konkurrenten, der sich die Nestlé-Aktivitäten einverleiben könnte. Das Geschäft besonders mit Babymilch und Kaffee verlangt einiges an Know-how. Die russische Regierung wird deshalb auch abwägen müssen, ob sie mit einer Zwangsverwaltung nicht die Versorgungssicherheit gefährden würde.Russland zu verlassen, ist ein VerlustgeschäftBis jetzt ist die Politik vor allem eingeschritten, wenn ein westlicher Konzern sich aus Russland zurückziehen wollte. Die meisten Fälle gab es im Jahr 2023. Damals wurde etwa der französische Nahrungsmittelkonzern Danone faktisch enteignet, und die Regierung setzte einen Neffen des tschetschenischen Machthabers Kadyrow als Firmenleiter ein. Nestlé betont vor diesem Hintergrund, dass die Produktion in Russland seit Jahren weiterlaufe und kein Rückzug geplant sei.Das mache den Fall Nestlé eher ungewöhnlich, sagt Astrov vom Wiener Institut für Internationale Wirtschaftsvergleiche. Eigentlich begrüsse es der russische Staat, wenn westliche Firmen in Russland aktiv blieben. Gleichzeitig habe Russland in den vergangenen Jahren sukzessive Massnahmen eingeführt, die es ausländischen Firmen erschwerten, Russland zu verlassen. Dafür sei etwa eine Erlaubnis der Behörden oder bei grossen Firmen gar eine Unterschrift Putins nötig. Der Verkaufspreis dürfe ausserdem nicht mehr als 40 Prozent der «unabhängigen Marktbewertung» betragen. Und dann ist da noch die «Exit Tax»: Verkauft ein westliches Unternehmen seine Anteile in Russland, muss es 35 Prozent des Verkaufspreises an den Fiskus abliefern.Auch wenn das Russland-Geschäft formell noch Nestlé gehört: Faktisch operiert es wie ein Satellit, der weit entfernt um die Konzernzentrale in Vevey kreist. Dem Vernehmen nach handelt das lokale Management in Russland autonom. Die Fabriken produzieren in Russland für Russland, exportiert und importiert wird nicht mehr. Diese Ablösung ist auch den westlichen Sanktionen gegen Russland geschuldet. In der EU ist es Muttergesellschaften seit Sommer 2024 weitergehend untersagt, Dienstleistungen für ihre Tochtergesellschaften in Russland zu erbringen. Die Schweiz hat diese Regelung zwar nicht übernommen. Dennoch scheint sich der Kontakt zwischen der Nestlé-Zentrale und den russischen Tochtergesellschaften auf das Nötigste zu beschränken.Nestlé verfolgt traditionell eine Politik, unabhängig von der politischen Lage in Ländern aktiv zu bleiben. «Nestlé ist immer geblieben – ausser eine Fabrik wurde zerbombt oder die Regierung schmiss uns raus», sagte der ehemalige Nestlé-Chef Peter Brabeck-Letmathe jüngst im Gespräch mit der NZZ. Als Nahrungsmittelhersteller stehe man in der Pflicht, die Bevölkerung mit essenziellen Lebensmitteln zu versorgen. Nestlé hielt in der Vergangenheit Ländern wie Kuba, Venezuela, Syrien oder Iran die Treue – und wird wohl auch Russland nicht aus freien Stücken verlassen.Passend zum Artikel