Der Unruhestifter von Cologny: Warum das WEF trotz Millionenzahlung nicht von seinem Gründer loskommtKlaus Schwab versprach gegen eine hohe Abfindung, sich beim WEF nicht mehr einzumischen. Und hielt sich nicht daran. Jetzt spricht ihm der Bund seine Rechte als Stiftungsgründer ab.15.08.2026, 21.45 Uhr7 LeseminutenDer lange Schatten von Klaus Schwab: Der WEF-Gründer sorgt in Cologny auch ein Jahr nach seinem Abgang für viel Gesprächsstoff.Denis Balibouse / ReutersDie Königin von Jordanien, der ehemalige amerikanische Vizepräsident Al Gore, die EZB-Präsidentin Christine Lagarde – kommende Woche ist High Noon am Genfersee, im Hauptquartier des World Economic Forum (WEF) in Cologny. Wenn am Dienstag der hochkarätige Stiftungsrat des WEF zusammentritt, ist das nicht nur Formsache. Es könnte ein Schicksalstreffen werden für die krisengeplagte Organisation – und ein Machtkampf um deren Zukunft.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Die Führung des WEF soll neu organisiert werden. Die Eidgenössische Stiftungsaufsicht (ESA) pocht darauf, dass der Stiftungsrat, der derzeit aus achtundzwanzig Persönlichkeiten aus Wirtschaft, Gesellschaft und Politik besteht, deutlich verkleinert wird. «Wenn ein Gremium dreissig Leute umfasst, ist das nicht förderlich für die Entscheidungsfindung», sagte der ESA-Direktor Nils Güggi vor einigen Monaten.Doch die Mehrheit der Stiftungsräte ist offensichtlich nicht gewillt, ihren prestigeträchtigen Posten abzugeben. Denn dieser öffnet Türen zu wertvollen Kontakten, insbesondere am Jahrestreffen in Davos. Bei einer virtuellen Sitzung Ende Juni blitzten der Roche-Erbe André Hoffmann und der Blackrock-Chef Larry Fink, die beiden Co-Präsidenten des WEF, mit einem entsprechenden Vorschlag ab. Vom Tisch ist die Sache damit aber nicht. Zur Diskussion steht auch eine Neuverteilung der Entscheidungsbefugnisse zwischen dem Gesamtstiftungsrat und dem sogenannten Governing Board, einem sechsköpfigen Steuerungsausschuss innerhalb des Gremiums.Die Änderungspläne stossen nicht nur bei vielen Stiftungsräten auf Gegenwehr, sondern auch beim WEF-Gründer Klaus Schwab. Der 88-Jährige wehrt sich vehement gegen die Reform. Vor wenigen Wochen bezeichnete er sie in einem Brief an André Hoffmann als «radikale Umgestaltung der Governance», die das WEF als «einzigartige Multi-Stakeholder-Institution» gefährden würde. Schwab drohte in dem Schreiben, das sich explizit an den gesamten Stiftungsrat richtete, seine Rechte als Gründer zu nutzen, um juristisch gegen allfällige Änderungen vorzugehen. Er werde «alle geeigneten rechtlichen Schritte» einleiten, um den Zweck, die Identität und die institutionelle Integrität des Forums zu schützen.Ein gebrochenes VersprechenMit seinem Schreiben und den Klagedrohungen mischt sich Schwab direkt in die Belange des WEF ein. Das ist bemerkenswert. Denn Recherchen der «NZZ am Sonntag» zeigen, dass sich Klaus Schwab und seine Frau Hilde vor rund einem Jahr schriftlich dazu verpflichtet haben, sich künftig nicht mehr einzumischen beim WEF – und insbesondere auf weitere Klagen zu verzichten.In einer Vergleichsvereinbarung vom 9. September 2025, die der «NZZ am Sonntag» vorliegt, heisst es wörtlich: «KS und HS (Klaus und Hilde Schwab, Anm.) bestätigen und wiederholen, dass sie auf alle gegenwärtigen oder zukünftigen Ansprüche, finanzieller oder anderer Art, gegen das Forum, seine ehemaligen und aktuellen Vorstands- und Geschäftsführungsmitglieder sowie seine ehemaligen und aktuellen Mitarbeiter verzichten (. . .).» Weiter verpflichtete sich das Gründer-Ehepaar, «eine klare und konstruktive Trennung» zwischen sich und dem Forum zu unterstützen und sicherzustellen.Mit der Klagedrohung habe Schwab klar gegen diese Verpflichtung verstossen, sagt ein Mitglied des Stiftungsrats. Der Mann, der anonym bleiben will, fühlt sich von Schwab getäuscht. Die Medienstelle des WEF will sich offiziell nicht zu der Sache äussern. Im Extremfall könnte Schwab mit seinem Vorgehen jedoch die Vergleichsvereinbarung gefährden – und dadurch viel Geld verlieren.Kämpft weiter um sein Lebenswerk: Klaus Schwab bei einem Interview mit der NZZ im März dieses Jahres.Karin Hofer / NZZMillionen zum AbschiedDas WEF liess sich Schwabs Verpflichtung zur Nichteinmischung nämlich einiges kosten, wie aus der Vergleichsvereinbarung hervorgeht: Der Forumsgründer und seine Frau Hilde erhielten 5 674 200 Franken als Pensionszahlung, 175 000 Franken für die Bezahlung einer Büroassistenz sowie 100 000 Franken zur Begleichung ihrer Anwaltskosten.Die zweite Tranche der Pensionszahlung steht noch aus und wird erst am 31. Dezember 2026 fällig. Das könnte dazu beigetragen haben, dass sich Schwab nun, wenige Wochen nach seiner Klagedrohung, bereits wieder von seinem Schreiben distanziert. Auf Anfrage der «NZZ am Sonntag» lässt er über einen Sprecher ausrichten: «Im Interesse der langfristigen Entwicklung der Stiftung» habe er beschlossen, keine rechtlichen Schritte zu unternehmen. Das habe er der Eidgenössischen Stiftungsaufsicht kürzlich mitgeteilt.Es ist aber ohnehin höchst fraglich, ob Schwab überhaupt die Möglichkeit hätte, gegen die geplanten Veränderungen der WEF-Organisation vorzugehen. In seinem Schreiben an Hoffmann beruft er sich auf seine Rechte als Stiftungsgründer, die ihm gemäss Artikel 84 des Zivilgesetzbuches (ZGB) erlauben, Entscheide des Stiftungsrats anzufechten. Die Eidgenössische Stiftungsaufsicht ist jedoch der Ansicht, dass Schwab seine Rechte als Stiftungsgründer verloren hat.Eine Sprecherin der Behörde schreibt auf Anfrage, man gehe aufgrund der bisherigen Rechtsprechung sowie der juristischen Literatur davon aus, dass Stifter nur dann eine Stiftungsaufsichtsbeschwerde einreichen können, wenn sie ein eigenes, konkretes und aktuelles schutzwürdiges Interesse an der Kontrolle der Stiftung haben. «Zieht sich ein Stifter aus der Stiftung zurück, etwa durch Rücktritt oder eine entsprechende Vereinbarung mit der Stiftung, entfällt dieses Interesse und damit die Beschwerdelegitimation.»Die Angst um das ErbeDer WEF-Gründer Schwab hat also nicht so viel Macht, wie er in seinem Schreiben glauben machen will. Was ihm jedoch bleibt, sind seine persönlichen Verbindungen in den Stiftungsrat. Das achtundzwanzigköpfige Gremium ist keine homogene Gruppe. Die Hintergründe und Werte der einzelnen Mitglieder unterscheiden sich stark – ebenso wie ihre Einstellung und Loyalität gegenüber dem WEF und dessen Gründer.Die Frage der Loyalität ist in diesen Tagen, in denen es um die Neuausrichtung des WEF geht, entscheidend. Schwab vermutet hinter dem geplanten Umbau des Stiftungsrats den Versuch, das WEF in eine rein kommerziell orientierte Netzwerkplattform umzuwandeln. Ende Juni schrieb er dazu in einem Gastbeitrag in der NZZ, das grösste Risiko für das WEF sei eine schleichende Verwandlung von einer «vertrauenswürdigen Institution für öffentlich-private Zusammenarbeit» zu einem «prestigeträchtigen Konferenz- und Netzwerkunternehmen».Die Frage ist, ob eine Mehrheit des Stiftungsrats das genauso sieht – und, falls ja, ob es ihr ein Anliegen ist, ein solches Szenario zu verhindern. In den vergangenen Monaten sah es lange so aus, als ob Schwab im Stiftungsrat kaum noch Verbündete hätte. Die Auseinandersetzung um die Grösse, Zusammensetzung und Funktionsweise des Stiftungsrats könnte Schwab nun jedoch plötzlich zu neuem Einfluss verhelfen.In der Tendenz sei es so, dass sich diejenigen Stiftungsräte, die am längsten dabei seien, Schwab am meisten persönlich verpflichtet fühlten, sagt ein Mitglied des Gremiums. Er hält es auch für möglich, dass diese Fraktion Christine Lagarde zur neuen Präsidentin küren könnte – die langjährige Wunschkandidatin Schwabs.Der Freund der Mächtigen: 2011 begrüsst Klaus Schwab den ehemaligen amerikanischen Präsidenten Bill Clinton in Davos.KEYSTONEEin heimliches SchuldgeständnisSchwab selbst fühlte sich vom Stiftungsrat betrogen und verraten, als dieser an Ostern 2025 entschied, wegen anonymer Whistleblower-Vorwürfe eine externe Untersuchung gegen ihn einzuleiten. Mitte August 2025 wurden er und seine Frau Hilde zwar öffentlich rehabilitiert, und der Stiftungsrat verkündete, dass in der Untersuchung der Kanzlei Homburger «keine Anhaltspunkte für ein wesentliches Fehlverhalten» aufgetaucht seien. Eine echte Versöhnung blieb dennoch aus. Das Jahrestreffen in Davos fand im Januar 2026 erstmals ohne Schwab statt.Das hat auch damit zu tun, dass innerhalb des WEF längst nicht alle mit der öffentlichen Rehabilitierung Schwabs einverstanden waren. Teile des Stiftungsrats und auch des Managements sind bis heute der Meinung, dass sich Schwab nicht nur «kleinere Unregelmässigkeiten» geleistet hat, wie vor einem Jahr kommuniziert wurde.Der Anführer dieser Fraktion war der Interimspräsident Peter Brabeck-Letmathe. Der langjährige Nestlé-Lenker gab seine Funktion als Stiftungsratspräsident im vergangenen August ab, weil er die Rehabilitierung Schwabs nicht mittragen wollte. Doch auch andere Mitglieder des Stiftungsrats sind bis heute der Meinung, dass es sich um eine ungerechtfertigte Reinwaschung gehandelt habe.Als Beweis dafür führen sie den «Interim Report» der Kanzlei Homburger ins Feld, der auf der Prüfung von 43 000 Dokumenten und 68 Interviews beruhte. In diesem 60-seitigen Zwischenbericht, der mit dem 10. Juli 2025 datiert ist und der «NZZ am Sonntag» vollständig vorliegt, ist unter anderem die Abrechnung privater Ausgaben über das Forum sowie die Subventionierung persönlicher Reisen von Klaus und Hilde Schwab durch die Organisation detailliert dokumentiert.Im Statement des WEF wurde all dies mit der «Vermischung von persönlichen Beiträgen und dem Betrieb des Forums» abgehakt, die von grossem Engagement des Gründers zeuge. In der nichtöffentlichen Vergleichsvereinbarung gestand Schwab jedoch ein, nicht alles sauber abgerechnet zu haben. Wörtlich heisst es darin: «KS (Klaus Schwab, Anm.) hat eingeräumt, dass bestimmte private Angelegenheiten im Rahmen der Dienstleistungen des WEF fälschlicherweise dem WEF zugerechnet wurden; die Gesamtsumme beläuft sich auf ca. 35 000 CHF.»Die Ernennung von Schwabs StiftungsratEine reine Weste sieht anders aus. Zumal die Homburger-Anwälte anhand von E-Mails auch unmissverständlich zu dem Schluss kamen, dass Schwab 2017 beim Ranking des Global Competitiveness Report eingegriffen und dadurch verhindert hatte, dass Indien zahlreiche Ränge verlor und das Vereinigte Königreich einen Sprung nach vorne machte. Schwab argumentierte dabei in E-Mails, dass das Vereinigte Königreich keine Verbesserung haben könne, da dies «vom Brexit-Lager ausgenutzt würde». Darüber hinaus berichteten gegenüber Homburger zahlreiche Mitarbeitende von Schikanierung, Diskriminierung und der Belästigung von Angestellten.All dies spielte am Ende keine Rolle mehr. Die Mehrheit des Stiftungsrats wollte das Kapitel abschliessen und wieder Ruhe einkehren lassen. Davon kann ein Jahr später jedoch nicht die Rede sein. Beim Treffen in der kommenden Woche ist Klaus Schwab auch ohne physische Anwesenheit präsent.Unabhängig davon, was dabei herauskommen wird, wird die Personalie Schwab beim WEF auch in den kommenden Wochen und Monaten zu reden geben. In den Statuten ist nach wie vor festgehalten, dass ein Mitglied der Familie Schwab im Stiftungsrat sitzen soll – und dass Klaus Schwab als Gründer das Recht hat, die entsprechende Person zu ernennen. In der Vergleichsvereinbarung hat sich Schwab dazu verpflichtet, dieses Recht nicht auszuüben – allerdings nur vorübergehend, bis Ende 2026.Ein Artikel aus der «NZZ am Sonntag»Passend zum Artikel
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