Seitdem André Henning Bundestrainer ist, haben die deutschen Hockeyherren in den Finals aller drei großen Turniere gestanden: 2023 wurden sie in Indien Weltmeister, 2024 sprang in Paris Olympiasilber heraus, und im vorigen Sommer gewann das Team die Heim-EM in Mönchengladbach. Henning wurde 2023 vom Welthockeyverband FIH als erster Deutscher als Welttrainer des Jahres ausgezeichnet. Seine aktive Karriere musste der heute zweiundvierzigjährige einstige Juniorennationalspieler früh verletzungsbedingt beenden.Sie sind ein hochdekorierter Trainer, leiten mit der deutschen Herren-Hockeynationalmannschaft den amtierenden Welt- und Europameister sowie Olympiazweiten an. Inwiefern sind Ihre Spieler keine Untergebenen, sondern Partner auf Augenhöhe?Es gibt diesen Begriff „Erfüllungsgehilfen“, der im deutschen Hockey einst verwendet worden ist. Genau das sollen meine Spieler nicht sein, sondern starke, eigenständige Entscheider auf und neben dem Platz.Wo rührt Ihr kooperativer Führungsstil her?Wir hatten eine lange titellose Phase im deutschen Herrenhockey. Oft waren die Mannschaften bei den großen Turnieren spielerisch super, in den K.-o.-Duellen aber fingen sie an, zu wackeln. Wir wollten das ändern, indem wir nicht nur individuell, sondern als ganzes System stabil sind. Gerade wenn der Druck groß und der Stress riesig sind, wenn Dinge nicht klappen, wir zurückliegen und der Schiedsrichter mehr gegen uns pfeift. Da als Team weiter zu kooperieren, nicht auseinanderzufliegen, war das Ziel.In Paris gewannen die deutschen Hockey-Männer Olympia-Silber.EPABei allen drei zurückliegenden erfolgreichen Turnieren hat sich Ihre Mannschaft in sehr engen Duellen gegen Topteams durchgesetzt …… weil wir sogar einen Schritt weitergekommen sind. Wir blieben in den schwierigsten Momenten nicht nur irgendwie im Spiel, sondern rückten noch enger zusammen. Das macht ein Topteam für mich aus. Das umfasst, wie die Spieler miteinander reden, wie sie Probleme erkennen, wie sie Lösungen finden. Das passiert in der Crunchtime auf dem Platz – und nicht daneben.Was folgt daraus?Ich bin noch aufgewachsen im Sport mit der Logik: Alle warten immer auf den Trainer; der Trainer ist der Allmächtige, entscheidet alles – welche Taktik wir spielen, was wir besprechen, Kultur, Struktur, Kommunikation, Tagesplanung, Wochenplanung, Jahresplanung. Das ist in meinen Augen völlig unlogisch, weil ich den Platz ja nicht betreten und den Ball nicht berühren darf. Ich leiste als Trainer keinen unmittelbaren Beitrag zum Spielerfolg, genau null Prozent. Daraus folgt für mich: Alle Spieler sollen beitragen zu den Fragen, was wir trainieren, wie wir spielen, wie die Steuerung und Abläufe sind. Bis hin zu den sozialen Faktoren, wie wir miteinander umgehen.Behalten Sie denn die Richtlinienkompetenz oder, überspitzt gesagt, schaffen Sie sich als Trainer Schritt für Schritt ab?Die Nominierung bleibt Trainersache. Bei allem anderen gibt es bei uns verschiedene Stufen: Die Spieler dürfen komplett eigenständig bestimmen, sie dürfen mitbestimmen, oder sie werden zumindest gefragt.Im zweiten Gruppenspiel bei den an diesem Samstag beginnenden Weltmeisterschaften trifft Ihr Team auf Gastgeber und Mitfavorit Belgien. Wird dort die deutsche Taktik wirklich von den Spielern miterarbeitet sein?Ja, auf jeden Fall. Natürlich bereiten wir uns im Trainerteam intensiver auf die Gegner vor. Dann filtern wir das Material, bereiten es auf und stellen unsere Ideen den Spielern zur Diskussion. Wir zielen darauf, die besten Ideen einzusammeln, und fragen zum Beispiel: Was denkt ihr? Wie habt ihr das in den letzten Duellen gegen Belgien erlebt? Was habt ihr in euren Klubs für Lösungen für dies und jenes?Und dann?Ich verstehe mein Coaching so, dass ich mehr Nachfragen stelle, als Ansagen zu machen. Je mehr Leute gehört werden, desto mehr sorgt es für Klarheit auf dem Platz. Die Spieler müssen überzeugt sein von unserer Herangehensweise ans Spiel, sollen mit dem bestmöglichen Gefühl auf den Platz gehen. Überzeugung und Mut sind auch im Fußball Modebegriffe geworden. Wie entstehen diese? Sie entstehen auf der Basis von einem Gefühl von Sicherheit – und erst dann kann ich die Dinge mit höchstmöglicher Qualität umsetzen.Nicht jeder Spieler stellt gerne Fragen oder redet gerne vor der gesamten Gruppe.Genau. Die Hürden, sich aktiv zu beteiligen, sinken, wenn nicht 30, sondern nur fünf Leute im Raum sind. Deshalb geht der Weg bei uns über die Arbeit in diversen Kleingruppen. Während wir hier sprechen, sitzen meine Spieler gerade in gemischten Fünfergruppen beisammen. Ihre Aufgabe lautet: sich gegenseitig Aufträge zu formulieren für ihre jeweilige Rolle im Turnier. Wir schaffen Plattformen, in dem jeder Einzelne sichtbarer und damit auch wirksamer ist. Das ist viel dynamischer, als dass jeder nur auf sein Einzelgespräch mit dem Bundestrainer wartet.Haben Sie ein Beispiel?Ein Innenverteidiger kann mit einem Sechser und einem Mittelstürmer darüber sprechen, wie sie auf ihrer Linie gemeinsam spielen wollen, was zuletzt gut und was weniger gut geklappt hat. Aber eben auch emotional: Wie verhalten wir uns, und welches Coaching benötigen wir vom anderen auf dem Platz, wenn wir 0:2 zurückliegen sollten? Es gibt Spielertypen, die wollen dann einen Tritt in den Hintern, andere wollen nach einem Fehler mal eine Minute in Ruhe gelassen werden. Das wissen die Spieler untereinander besser von sich, als ich es bei aller Empathie wissen kann. Von dem Glauben, dass ein Trainer bei 20 Spielern für alles und jeden immer die Lösung haben kann, habe ich mich, Gott sei Dank, vor längerer Zeit verabschiedet.Erodiert nicht Ihre Autorität innerhalb dieser Prozesse? Zumal Sie das Team schon länger als vier Jahre betreuen.Wofür benötige ich Autorität?Viele Berufskollegen auch aus anderen Sportarten halten viel auf ihren Führungsanspruch samt Autorität.In meinen frühen Trainerjahren habe ich versucht, Unsicherheit mit Autorität zu überspielen. Mittlerweile fände ich es traurig, wenn ich Autorität oder mein Amt einsetzen müsste, um meine Entscheidungen durchzusetzen. Das Team will vor und während einer WM die Ideen verwirklichen, die am erfolgversprechendsten sind. Und wenn das nicht die des Trainerteams sind, sondern andere mehr Zuspruch finden, dann sage ich: Top, Jungs, das habt ihr super gemeinsam entwickelt.Wie läuft das konkret ab?Ein aktuelles Beispiel aus dieser Woche. Ich saß bei einer Besprechung hinten in der Ecke, weil einer meiner Assistenten die Leitung hatte. Er brachte eine eigens vorbereitete Idee vor, aber letztlich fand eine andere viel mehr Zustimmung. Und er war völlig okay damit, dass in dem Moment jemand anders im Raum smarter war als er. An den Reaktionen der Spieler konnte man ablesen: Das hat ihn in deren Augen gestärkt. Nicht seine Autorität hat ihn gestärkt, sondern seine Offenheit.Endet Ihr kooperativer Führungsstil notgedrungen während der 4 mal 15 Minuten Spielzeit?Nein, ich bleibe auch während des Spiels empfänglich für Beobachtungen und Lösungsansätze der Spieler. Ein Beispiel aus dem WM-Halbfinale vor vier Jahren gegen Australien: Wir hatten damals im ganzen Turnier große Probleme mit unseren Strafecken. Wir Trainer hatten schon überlegt, ob mal jemand anderes schießen sollte als Gonzalo Peillat, an sich einer der weltbesten Schützen. Mehrere Spieler wandten sich bei den Wechseln an uns Trainer und baten darum: Lasst Gonzo von nun an durchspielen, weil der gleich sicher treffen würde. Fürwahr ein Eingriff in den ureigenen Kompetenzbereich von uns Trainern. Aber da ist eine irre Dynamik entstanden. Am Ende hat Gonzo bei unserem 4:3-Sieg drei Ecken verwandelt und unseren vierten Treffer vorbereitet.Wenn alle eingreifen und mitreden können – entsteht da nicht leicht ein Kompetenzwirrwarr?Der negative Klassiker in solch einem System ist: Alle dürfen entscheiden, aber keiner tut es. Genau um dies zu verhindern, haben wir unsere Gruppenformate und Rollenbesprechungen. Es geht immer um diese drei Punkte: dein Job in der Defensive, dein Job in der Offensive, dein Job als Persönlichkeit. Sodass am Ende alles klar verteilt ist und jeder weiß, für was er auf seiner Position verantwortlich ist. Im Spitzenhockey ist und hat eine Mannschaft verloren, die allein darauf wartet, was der Trainer in der nächsten Pause sagt. Was selbstverständlich nicht ausschließt, dass ich Ansagen mache. Nur eben nicht als Einziger.Entstehen in solch einer flachen Hierarchie nicht intern mehr Konflikte?Eine Mannschaft in solch einem Turnier, in der es keine Konflikte gibt, befindet sich in einer der größten Dysfunktionen: nämlich in Scheinharmonie. Da muss man sehr aufpassen. Wenn meine Spieler immer nur sagten, dass die Stimmung super ist, würde ich sehr hellhörig. Denn es muss bei so vielen unterschiedlichen Leuten mit auch unterschiedlichen Interessen Konflikte geben. Und deshalb muss Konflikt ebenfalls trainiert werden. Ich nenne es gerne „wertschätzende Konfrontation“. Ungelöste Konflikte sorgen nämlich dafür, dass eine Mannschaft in Crunchtime-Momenten auseinanderfliegt.Mehr Verantwortung für jeden bedeutet gleich mehr Identifikation von jedem für die gemeinsame Sache?Jeder hat einen Job, der wichtig ist, egal ob Führungsspieler oder Turnierdebütant. Ein Satz, der in unserem Kreis häufig fällt: Unterschätze nicht deine Wirkung und Wichtigkeit für das Team. Grundvoraussetzung ist: Der jüngste Neuling kann dem erfahrensten Führungsspieler und natürlich auch dem Bundestrainer alles sagen. Bei uns ist seit dem EM-Sieg im vorigen Sommer durch Verletzungen und Rücktritte reichlich Qualität und Erfahrung weggebrochen. Es sind jetzt Leute in Führungsrollen, die bisher noch keine hatten, zum Teil nicht mal in ihrem Verein. Diese mal eben bei der Nationalmannschaft anzunehmen, ist herausfordernd. Es macht uns aber auch stabiler.Wann hat Ihre Mannschaft ein gutes WM-Turnier gespielt?Wenn wir so gefestigt auftreten, wie es die jüngsten Auftritte schon nahelegten. Wenn wir weiter in Druckmomenten als Team am stärksten sind und dann möglichst ein selbstbewusstes, gutes Hockey spielen. Wenn wir von den noch nicht abgerufenen Potentialen, die unser verjüngtes Team hat, noch einige wecken können.Ist die Titelverteidigung drin?Es gibt sechs bis sieben Titelkandidaten, wir sind einer davon. Neues Turnier, neuer Angriff. Wir wollen um den Titel mitspielen.
Bundestrainer André Henning vor Hockey-EM: "Wofür benötige ich Autorität?"
Hockey-Bundestrainer André Henning setzt auch vor der WM auf einen maximal kooperativen Führungsstil. Seine Spieler sollen mitbestimmen, was gespielt wird und wie. Kann das funktionieren?






