Der nette Ordner, der den Eingang zum Pressezentrum der Reit-WM bewacht, sagt, er fühle sich ausgesprochen privilegiert. Schließlich sitze er den ganzen Tag im Schatten, anders als die Kollegen draußen in der glühenden Sonne. Die Hitze, am Freitag bis 35 Grad, prägt auch die Tage in der Aachener Soers. Wie geht es den Pferden dabei? Eine Frage, die nicht nur Tierschützer stellen, sondern vor allem Reiter, Pfleger und Betreuer der vierbeinigen Sportler.Es geht ihnen, die Aussage sei gewagt, besser als den meisten Menschen. Denn denen schüttet niemand ab und zu einen Eimer kaltes Wasser über den Rücken, sowie es Turniertierarzt Friedrich-Wilfried Hanbücken für die Pferde empfiehlt. Der deutsche Dressurreiter Raphael Netz musste nach seinem Ritt im Grand Prix Special in der Mixed Zone das Interview abbrechen, weil er einem Kollaps nahe war. Er hatte sich bereits durch den Frage-Marathon mit den Fernsehanstalten gequält; auf die Idee, ihm ein Wasser zu reichen, war niemand gekommen.Reit-WM in Aachen:Die Pferde sind die VIPsSiebzig Nationen haben sich bei der Reit-WM in Aachen angesagt. Reelle Medaillenchancen hat in den olympischen Disziplinen aber nur eine Handvoll Länder. In der Dressur sind die Deutschen nicht mehr die Könige von einst.Auf die Zuschauer warten auch keine mannshohen wassersprühenden Ventilatoren zur Abkühlung, wie sie am Ziel der Geländestrecke für die Vielseitigkeit am Samstag stehen. Dort hat jede Mannschaft ein eigenes schattiges Zelt und eine Batterie mit Eimern voller Eiswasser zur Verfügung. Das, so haben zahlreiche wissenschaftliche Untersuchungen ergeben, ist immer noch ein ebenso simples wie probates Mittel, um die Kreislaufwerte schnell zu normalisieren.Für die Dressurpferde, die Freitag ihre erste Einzelentscheidung, den Grand Prix Special, austrugen, wurde eine zweieinhalbstündige Mittagspause eingelegt, anders als für die Vielseitigkeitspferde. Letztere, die schlanken Ausdauerathleten unter den Pferden, kämen mit der Hitze besser zurecht als die üppig bemuskelten und manchmal auch übergewichtigen Dressurpferde, war die Ansicht der Veterinäre. Andreas Dibowski, Geländetrainer der deutschen Mannschaft, erwartet auch für den 5600 Meter langen Cross am Samstag keine Probleme durch die Hitze. „Es gibt die Tendenz, Pferde zu vermenschlichen“, sagt er, „und wenn der Mensch schwitzt, meint er, es müsste dem Pferd ebenso ergehen. Aber Pferde sind ursprünglich Steppentiere, können mit hohen Temperaturen besser umgehen.“ Das hat sich bei vielen Championaten bestätigt.Fast jedes Hindernis stellt eine Denksportaufgabe darEin größeres Problem dürfte für die meisten Reiter die Geländestrecke selbst sein. Der italienische Parcourschef Giuseppe della Chiesa sah sich vor der Aufgabe, dass er einerseits einen WM-würdigen Kurs erstellen musste, der aber die schwächeren Reiter nicht überfordern darf. Von den 91 Startern verfügen nicht alle über die Expertise von Briten oder Deutschen, versuchen gleichwohl einen der sechs Olympiastartplätze, die hier vergeben werden, zu ergattern. Das Gelände in der Soers ist relativ klein und topfeben, bietet wenig Platz zum Vorwärtsgaloppieren.Die Trasse kringelt sich wie eine grüne Schlange durch die braunen Wiesen, perfekt gewässert und seit März jeden zweiten Tag gemäht. Darauf geht es sich wie auf Wolken. Viele Reiter laufen die Strecke sogar barfuß ab, manche sechsmal. Denn die Tücke liegt im Detail, in den komplizierten Labyrinthen, die della Chiesa ihnen in den Weg gestellt hat. „Ich musste quasi drei Strecken bauen, für die verschiedenen Leistungsstufen. Wer eine Medaille gewinnen will, muss sie sich verdienen, aber auch den Schwächeren müssen wir den Weg nach Hause zeigen“, sagt er.Will ihre Führung verteidigen: Vielseitigkeitsreiterin Julia Krajewski liegt nach der Dressur in der Einzelwertung vorn. Uwe Anspach/dpaWer lesen und rechnen kann, ist klar im Vorteil bei dem Gewirr aus Zahlen und Buchstaben in den Hinderniskomplexen. Wer sich auch noch alles merken kann, was er sich beim Abgehen vorgenommen hat und dazu die Nerven hat, sich im Krisenfall schnell anders zu entscheiden, kann vorne mit dabei sein. Fast jedes Hindernis eine Denksportaufgabe. „Ein Kurs für intelligente Menschen“, findet Giuseppe della Chiesa und grinst bei diesen Worten vergnügt.Er rechnet mit fünf Ritten innerhalb der erlaubten Zeit von 9,50 Minuten für die 28 Hindernisse mit 43 bis 45 Einzelsprüngen. Dibowski ist vorsichtiger: „Es wird sehr schwer, innerhalb der Bestzeit zu bleiben. Diese Prüfung wird durch die Zeit entschieden.“ Es gibt kaum Strecken, auf denen man durch schnelles Galoppieren Boden gut machen kann. Nicht die großräumige Galoppiermaschine, sondern das wendige, mutige, Pferd, das genauso schnell schaltet wie sein Reiter, ist hier gefragt. So einer wie Nickel, der zwölfjährige Holsteiner der deutschen Meisterin Julia Krajewski, die sich mit einer makellosen Dressur vorläufig an die Spitze des Feldes setzte. Die Olympiasiegerin von 2021 findet den Kurs „anspruchsvoll, aber sehr fair“, peilt den direkten Weg an und setzt darauf, dass sie Nickel genauso auf ihrer Seite hat wie im Dressurviereck.