Vor fünf Jahren stand Najeeb Ferotan vor dem Qasaba-Tor am Kabuler Flughafen und versuchte verzweifelt reinzukommen. Es war der 16. August 2021. Am Abend zuvor hatten die Taliban kampflos den Präsidentenpalast in der afghanischen Hauptstadt eingenommen. Der Präsident Ashraf Ghani war geflohen. Tausende Afghanen waren in Panik zum Flughafen geeilt.Die Bundeswehr hatte Ferotan angerufen. Er solle zum Qasaba-Tor kommen. Er werde ausgeflogen. Acht Jahre lang hatte er in Masar-i-Scharif für die Bundeswehr gearbeitet, für das Medienzentrum „Stimme des Nordens“. Sein Job war es, den Afghanen zu erklären, was die ausländischen Truppen in ihrem Land erreichen wollten. In den Augen der Taliban war er ein Verräter.Auf den Zementmauern am Tor standen amerikanische Soldaten und versuchten die Menge daran zu hindern, den Flughafen zu stürmen. „Go back, motherfucker“, riefen sie. So berichtet es Ferotan am Telefon zum fünften Jahrestag der Machtübernahme der Taliban. Er lebt heute in Nordrhein-Westfalen, im Kreis Siegen. Die Amerikaner, das bestätigen Bundeswehrsoldaten, hätten permanent in die Luft geschossen, knapp über die Köpfe der Menschen hinweg. Sie hätten auch Pfefferspray versprüht. „Obwohl wir unter freiem Himmel waren, hatte man das Gefühl zu ersticken“, sagt Ferotan.Bis vier Uhr morgens hätten er und ein Kollege am ersten Tag am Flughafen ausgeharrt. Sie schrien den Soldaten auf der Mauer zu, dass sie für die Bundeswehr gearbeitet hätten. Vergeblich. Ferotan sah Kinder, die im Gedränge fast zerquetscht wurden. Er sah Knochen brechen und Leute, die ohnmächtig zusammensackten. „Alle haben versucht, sich zu retten. Niemand hat auf andere geachtet.“ Elf Tage ging das so.Die Bundeswehr sagte, sie sollten einen Zettel mit einem Code hochhalten, um sich zu erkennen zu geben. Bei manchen seiner Kollegen hat das geklappt. Ferotan hatte weniger Glück. Am 26. August gab er auf und kehrte in seine Unterkunft zurück. Wenig später zündete ein Selbstmordattentäter am Abbey-Tor, wo er zuletzt gewartet hatte, einen Sprengsatz. 169 Afghanen und 13 US-Soldaten wurden getötet. Kurz darauf verließ der letzte deutsche Soldat Afghanistan.In elf Tagen flog die Bundeswehr 5347 Personen ausDie Bilder von der dramatischen Rettungsaktion am Flughafen haben sich nicht nur in Deutschland ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. In elf Tagen flog die Bundeswehr 5347 Personen aus. Deutsche Staatsbürger, Angehörige, Ortskräfte und andere mutmaßlich gefährdete Personen. Als „Wettlauf gegen Papierstapel“ beschreibt Hauptmann Marc Hinzmann in einem aktuellen Buch seine damalige Aufgabe als Feldjäger. An der Schleuse hinter dem North Gate musste er entscheiden, wer mitgenommen wird und wer nicht. „Immer mehr Menschen hielten uns Papiere und Schriftstücke entgegen, die auf den ersten Blick echt erschienen – doch nach genauerem Hinsehen wie Fälschungen wirkten.“Im Dienst für die Bundeswehr: die afghanische Ortskraft Najeeb FerotanprivatDie vom Auswärtigen Amt bereitgestellten Listen erwiesen sich als wenig hilfreich. Der Gedanke, eine falsche Entscheidung zu treffen, habe ihn innerlich zerfressen, schreibt der damalige Oberleutnant. Das, was er vor dem North Gate zu sehen bekam, „widersprach all meinen moralischen Vorstellungen“. Familien hätten versucht, den Soldaten ihre Säuglinge über die Mauer zu reichen, teils „wie Gegenstände“, teils um sich Zugang zu einem Evakuierungsflieger zu verschaffen.Manche Geschichten gingen dem deutschen Soldaten besonders nahe. Dann wieder ließen ihn die wiederkehrenden, kaum überprüfbaren Erklärungen zynisch werden. Über eine Frau, die nach eigenen Angaben im afghanischen Parlament gearbeitet hatte, sagt er: „Ich hätte sie vermutlich in den sicheren Tod geschickt, wenn ich sie wieder vor den Flughafen gebracht hätte.“ So empfand er das damals. Und so bewerteten es auch viele deutsche Politiker. Das führte dazu, dass bis heute mehr als 36.000 Afghanen nach Deutschland geflogen wurden, darunter rund 4100 Ortskräfte. Im Nachhinein muss man sagen, dass nicht alle von ihnen so gefährdet waren, wie es anfangs schien.„Mir war klar, dass wir keinen Platz auf den Fliegern bekommen“Die meisten Ortskräfte und andere als gefährdet eingestufte Personen wurden nicht mit Militärmaschinen ausgeflogen, sondern verließen das Land erst Monate später über den Landweg nach Pakistan. Ferotan bekam im April 2022 das Signal aus Deutschland. Er fuhr mit seiner Frau und seinen drei Kindern zur pakistanischen Grenze. Die Taliban ließen ihn ohne Nachfragen ziehen. Bis dahin war er bei Verwandten untergetaucht und hatte sich eine Tarnidentität als Mitarbeiter einer Firma für Tierfutter zugelegt. Nur einmal kamen die Islamisten zu ihm nach Hause und fragten nach ihm, aber er war nicht da.Im Unterschied zu Ferotan haben die lokalen Mitarbeiter der Konrad-Adenauer-Stiftung vor fünf Jahren gar nicht erst versucht, zum Flughafen durchzukommen. „Mir war schon am ersten Tag klar, dass es völlig unrealistisch war, dass wir für unsere Mitarbeiter einen Platz auf einem Flieger bekommen“, sagt Ellinor Zeino, die damalige Landesdirektorin der Stiftung. „Als die Evakuierung anstand, tauchten plötzlich Hunderte deutsche Staatsbürger auf, Deutsch-Afghanen, die sich im Land aufhielten, aber nie auf der Krisenliste des Auswärtigen Amts registriert waren. Die hatten das Vorrecht, vor den Ortskräften auszureisen.“Das Gerücht, dass man visafrei nach Deutschland kämeAußerdem habe sich überall im Land das Gerücht verbreitet, man könne visafrei nach Deutschland einreisen. Deshalb hätten Tausende Menschen den Flughafen bevölkert. „Die deutschen Stellen waren so überfordert, dass mir sofort klar war, dass wir uns selbst evakuieren müssen“, sagt Zeino. Ihre Mitarbeiter und jene der Friedrich-Ebert-Stiftung brachten sich am 31. August über den Landweg in Sicherheit – wenige Stunden, nachdem der letzte amerikanische Soldat das Land verlassen hatte.Dafür brauchten sie eine Ausreisegenehmigung der Taliban. Die nötigen Gesprächskanäle in das Umfeld der Islamisten hatte Zeino schon in den Jahren zuvor diskret aufgebaut. „Teilweise zu Taliban-Mitgliedern aus dem ersten Emirat.“ Das bestand zwischen 1996 und 2001. „Ich habe eine Woche vor der Machtübernahme von einem hochrangigen Mitglied der früheren Taliban-Regierung eine Schutzgarantie für unsere Mitarbeiter bekommen“, sagt Zeino.Solche Kontakte seien sowohl von der damaligen afghanischen Regierung als auch von vielen ausländischen Akteuren „quasi als Verrat angesehen“ worden. Zeino sieht das als Form der Realitätsverweigerung in einer Lage, in der eine Machtübernahme der Taliban zu erwarten gewesen sei. „Ich kann mich noch an ein Gespräch mit einem afghanischen Regierungsmitglied erinnern, der noch nach Bidens Bestätigung des Abzugs gesagt hat: ‚Die Amerikaner werden hier nie abziehen. Afghanistan ist geostrategisch so wichtig als Puffer gegen China.‘“ Auch auf internationaler Seite habe man bis zum Schluss noch so gesprochen, „als würde der Verhandlungsprozess zu einem Wunschergebnis führen, obwohl wir militärisch gar keine Karten mehr in der Hand hatten“.„Es gab Panik auf den Straßen, aber unsere Mitarbeiter waren ruhig“Doch Zeino sah den Zusammenbruch kommen. Auf Drängen ihres Arbeitgebers verließ sie eine Woche vor dem Sturz das Land. Die Möglichkeit, ihre Mitarbeiter pauschal nach Deutschland zu holen, gab es da noch nicht. Am 15. August war sie in einem Meeting mit ihren Mitarbeitern, als es hieß, die Taliban würden jetzt in die Stadt kommen. „Es gab Panik auf den Straßen. Keiner wusste, was kommt, aber unsere Mitarbeiter waren relativ ruhig“, erinnert sie sich. „Ich weiß nicht, ob sie so ruhig geblieben wären, wenn sie gewusst hätten, dass ich überhaupt nichts in der Hand hatte, um sie rauszuholen.“Schließlich erhielten alle ihre Mitarbeiter mit ihren Kernfamilien eine Aufnahmezusage. Ihre Eltern und erwachsene Kinder mussten sie zurücklassen. Zu dieser Regel gab es Ausnahmen in Härtefällen. „Das hat im Nachhinein für sehr viel Neid und Unmut gesorgt“, sagt Zeino. Bis zum Tag der Machtübernahme sei jeder ihrer Mitarbeiter „strukturell gefährdet“ gewesen. „Wir waren im Krieg, und es war Teil der Kriegsführung der Taliban, Ausländer und Ortskräfte anzugreifen.“ Auch Köche oder Fahrer.Als die Taliban am 15. August Kabul übernahmen, habe niemand gewusst, ob es Racheakte oder einen Bürgerkrieg geben würde. So wie es viele Afghanen bei früheren Machtwechseln erlebt hatten. „Es ist dann relativ schnell klar geworden, dass das schlimmste Szenario ausgeblieben ist“, sagt Zeino. „Nicht weil die Taliban so nett sind, sondern weil sie gewonnen haben und keinen Grund mehr hatten, Afghanen, die vorher für die Regierung gearbeitet haben, pauschal anzugreifen.“ Am 17. August riefen die Taliban eine Generalamnestie für Mitarbeiter der früheren Regierung aus.„Viele Afghanen kommen trotz Asylstatus nach Afghanistan“Ein Diplomat in Kabul, der ungenannt bleiben will, bilanziert die Lage ähnlich wie Zeino. „Wir haben Fälle gesehen, in denen gegen die Amnestie verstoßen wurde, aber im Großen und Ganzen haben wir keine Fälle gesehen, in denen Personen und Gruppen institutionell und systematisch wegen ihrer früheren Aufgaben verfolgt wurden.“ Diese Personen würden jedoch von den Taliban engmaschig überwacht und gerieten ins Visier, wenn sie in einer Weise aktiv würden, die das Regime als Bedrohung empfinde.Die UN-Mission für Afghanistan hat etliche Tötungen, willkürliche Festnahmen und Folter dokumentiert. Dabei handelt es sich vor allem um Soldaten der früheren Regierung. Solche Fälle gibt es immer noch. So wurden laut UN allein zwischen April und Juni 2026 acht ehemalige Soldaten getötet, 29 willkürlich festgenommen, fünf gefoltert. Die tatsächlichen Motive seien schwer zu ermitteln, sagt der Diplomat. In manchen Fällen geschehe das vielleicht wegen aktueller Aktivitäten, in anderen handle es sich vielleicht um individuelle Racheakte oder Blutfehden zwischen Familien.Zugleich gebe es viele Leute, die trotz ihres Asylstatus in Europa für persönliche Angelegenheiten nach Afghanistan kämen und von den Machthabern nicht bedrängt würden. „Von außen sieht es so aus, als sei alles dunkel und furchtbar. Manche Dinge sind extrem negativ, vor allem die Beschränkungen für Frauen und Mädchen. Aber die Tatsache, dass seit fünf Jahren relativer Frieden herrscht, ist auch extrem wichtig“, sagt der Diplomat.Zeino, die frühere Landesdirektorin der Konrad-Adenauer-Stiftung, kehrte 2022 noch einmal nach Kabul zurück. Als Deutsche sei sie heute in Afghanistan weniger gefährdet als in den Kriegsjahren. In Kabul habe sie viele ehemalige, ranghohe Mitglieder der Vorgängerregierung getroffen, die noch dort lebten, „weil sie einfach das Land nicht zurücklassen wollen“. Dasselbe gelte für manche Vertreter der Zivilgesellschaft und Frauenrechtsaktivistinnen. Einige von ihnen hätten allerdings eine zweite Staatsbürgerschaft, die ihnen das Bleiben erleichtere, weil sie jederzeit ausreisen könnten.„Man kann nicht jedes Mal alle Ortskräfte nach Deutschland bringen“Auch ihre früheren Mitarbeiter hätten vor der Machtübernahme der Taliban gesagt, sie wollten unter allen Umständen weiterarbeiten. „Aber dann war irgendwann klar, dass wir das Büro nicht offen lassen können, und dann haben wir gemeinsam entschieden, dass alle rausgehen.“ Der frühere Fahrer arbeitet in Deutschland als Busfahrer. Andere holen ihr Studium nach. „Die eher höher gebildeten Mitarbeiter sind natürlich frustrierter, weil sie jetzt erst mal zurückstecken müssen.“ In manchen Fällen seien die Ehefrauen Analphabetinnen, was die Lage zusätzlich erschwere.Zeino glaubt, dass das „sehr hohe Schutzversprechen“, das Deutschland im Fall Afghanistans gegeben habe, auch in anderen Ländern die Erwartungen von Mitarbeitern erhöht habe. „Da muss man vorsichtig sein, dass man ein gesundes Erwartungsmanagement macht. Man kann nicht jedes Mal die gesamten Ortskräfte plus Familie nach Deutschland evakuieren.“Najeeb Ferotan, der früher für die Bundeswehr gearbeitet hat, ist inzwischen gut in Deutschland angekommen. Der Neuanfang war nicht einfach. Aber Ferotan hat sich durchgekämpft. Der Neununddreißigjährige spricht eloquent Deutsch und arbeitet als Personalsachbearbeiter bei einem Industriedienstleister in Siegen. In Afghanistan hatte er einen Master in Finanzbuchhaltung abgeschlossen. Die Bundesagentur für Arbeit schlug vor, er solle Busfahrer werden. Ferotan blieb standhaft und bekam eine zehnmonatige Fortbildung in seinem Fachgebiet bewilligt. Seine Frau hat in Afghanistan als Hebamme gearbeitet und will sich jetzt zur Zahnarzthelferin ausbilden lassen. Ferotan wirkt angekommen. „Dankbar“, wie er sagt. Nur eines macht ihm zu schaffen: die Angst, dass er seine Eltern womöglich nie wiedersehen wird.