PfadnavigationHomeWissenschaftPsychologieWie sich Ihr Charakter im Leben verändert, ohne dass Sie es merkenStand: 07:29 UhrLesedauer: 3 MinutenPersönlichkeit entsteht nicht nur in der KindheitQuelle: Klaus Vedfelt/Getty ImagesSchüchtern, extrovertiert oder gewissenhaft – viele glauben, solche Eigenschaften blieben ein Leben lang gleich. Wissenschaftler können nun erklären, warum das nicht stimmt.Über kaum etwas urteilen Menschen so schnell und endgültig wie über den Charakter. Wer schüchtern, besonders chaotisch oder extrovertiert ist, bleibt es vermutlich auch. „Der ist eben so.“ Viele glauben daher, den Charakter einer Person zu kennen. Zu wissen, wie sie worauf reagieren wird – und vor allem, dass sich daran auch in den nächsten Jahren nichts ändert. Doch die Persönlichkeit ist weniger starr. Über Jahrzehnte können sich Eigenschaften wie Gewissenhaftigkeit, Geselligkeit oder die Offenheit für Neues deutlich verändern. Teilweise verändern sie sich ähnlich stark oder sogar stärker als das Einkommen oder die Lebenszufriedenheit. Lesen Sie auchDas zeigt eine Studie, die im Fachjournal „Communications Psychology“ erschienen ist. Für ihre Untersuchung werteten Forscher der Universität Zürich, der Texas A&M University, des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung in Berlin und der Health and Medical University Düsseldorf acht große Langzeitdatensätze aus Deutschland, den USA, Australien und den Niederlanden aus. Insgesamt berücksichtigten sie Daten von 166.971 Menschen. Im Mittelpunkt standen die sogenannten Big Five. Also die Merkmale, mit denen Psychologen die Persönlichkeit beschreiben: wie gesellig und kontaktfreudig jemand ist, wie verträglich und kooperativ, wie gewissenhaft, wie offen für neue Erfahrungen und wie anfällig man für Sorgen und negative Gedanken ist. Lesen Sie auchDie Langzeitdaten zeigen: Diese zentralen Persönlichkeitsmerkmale bleiben im Laufe des Lebens nicht gleich. Im Durchschnitt nehmen Extraversion und Offenheit über die Lebensspanne ab. Auch Neurotizismus – also die Neigung zu Sorgen und negativen Gefühlen – geht zurück. Verträglichkeit und Gewissenhaftigkeit nehmen dagegen zu. Unter den Big Five verändert sich die Gewissenhaftigkeit über die Lebensspanne insgesamt am stärksten. Auch im Vergleich mit den anderen untersuchten Lebensmerkmalen fällt ihre Veränderung deutlich aus. Lesen Sie auchInteressant an der Studie ist, wie sehr Menschen diesen Wandel unterschätzen. Um das herauszufinden, haben die Forscher im Vorfeld 887 Erwachsene aus den USA schätzen lassen, wie stark sich verschiedene Eigenschaften eines Menschen zwischen dem 15. und 90. Lebensjahr im Durchschnitt verändern. Die Befragten waren im Schnitt rund 45 Jahre alt. Neben den fünf Persönlichkeitsmerkmalen sollten sie auch Veränderungen in 20 anderen Größen einschätzen – etwa bei Selbstwert, Lebenszufriedenheit, Gesundheit, Einkommen, Schlafdauer oder Sportverhalten. Dabei wurde deutlich, wie sehr die Stabilität der Persönlichkeit überschätzt wird. Denn die Befragten hielten ausgerechnet die Persönlichkeit für besonders stabil. Tatsächlich zeigten die Langzeitdaten jedoch, dass sich die fünf Persönlichkeitsmerkmale ähnlich stark oder teilweise sogar stärker veränderten als viele der anderen untersuchten Lebensmerkmale. Für besonders fest verankert hielten die Befragten Geselligkeit und die Neigung zu Sorgen und schätzten diese beiden Merkmale als stabiler ein als die übrigen Big-Five-Merkmale. Der Irrtum vom „wahren Ich“ Warum fällt es Menschen offenbar so schwer, sich Persönlichkeit als formbar vorzustellen? Die Autoren sehen eine mögliche Erklärung in der verbreiteten Vorstellung eines festen „wahren Ichs“. Selbst Formulierungen wie „Bleib dir selbst treu“ vermitteln die Idee, es gebe einen stabilen inneren Kern. Wer seinen Charakter für unveränderlich hält, könnte weniger daran glauben, bestimmte Verhaltensweisen oder Eigenschaften verändern zu können, und es deshalb womöglich gar nicht erst versuchen. Die Autoren verweisen darauf, dass die Forschung inzwischen Hinweise darauf liefert, dass Persönlichkeit nicht nur natürlicherweise über das Leben hinweg veränderlich ist, sondern bestimmte Eigenschaften grundsätzlich auch gezielt beeinflusst werden können. Das heißt allerdings nicht, dass Persönlichkeit beliebig oder völlig instabil ist. Menschen können sich im Durchschnitt deutlich verändern und zugleich im Vergleich zu anderen relativ ähnlich bleiben – etwa weiterhin geselliger sein als die meisten Gleichaltrigen. Dennoch: Ganz so fest, wie viele glauben, ist Persönlichkeit nicht. Wenn beim nächsten Familienfest wieder jemand erklärt, er sei „schon immer so gewesen“, ist das vielleicht weniger endgültig, als es klingt.