Die Aktien der Arzneimittelversender haben Investoren in den letzten Jahren keine Freude bereitet. Seit dem Frühjahr legen sie jedoch ein beeindruckendes Rally hin. Was ist passiert?Henning Hölder, «The Market NZZ»15.08.2026, 05.30 Uhr7 LeseminutenKräftig investiert: 2021 bezog der MDAX-Konzern Redcare Pharmacy seine neue Zentrale mit Logistikzentrum im niederländischen Sevenum.Piroschka Van De Wouw / ReutersDies ist ein Artikel aus dem digitalen Finanzmagazin «The Market NZZ».Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Es ist eines der erstaunlichsten Comebacks des Jahres. Während 2026 an den Börsen vor allem Aktien aus dem Bereich der künstlichen Intelligenz (KI) dominieren und seit kurzem auch bessere Konjunkturaussichten in Europa Industrieaktien Rückenwind verleihen, erhebt sich ein anderes Segment wie Phönix aus der Asche: die Online-Apotheken.Erweitern Sie Ihr NZZ-Abonnement um «The Market NZZ»Als NZZ-Kunde erhalten Sie «The Market NZZ» für 29.60 Euro statt 37 Euro im Monat. Testen Sie jetzt das flexible Angebot. Monatlich kündbar.Zum rabattierten Angebot für NZZ-AbonnentenDie Aktien der an der Schweizer Börse kotierten DocMorris sind seit dem Tief Ende März um fast 150 Prozent gestiegen – im Swiss-Performance-Index haben sich nur die Titel der Tessiner Technologiefirma Centiel besser geschlagen. Der in Deutschland gelistete Konkurrent Redcare Pharmacy, der auf dem deutschen Markt unter der Marke Shop Apotheke auftritt, hat sich im Wert immerhin verdoppelt. Mit dieser Performance können die beiden Versandapotheken sogar mit dem KI-Darling der Stunde, dem Speicherchiphersteller Micron Technology, mithalten.Der gegenwärtige Höhenflug ist jedoch nur eine Momentaufnahme, und besonders für langjährige DocMorris-Aktionäre ist der Blick zurück schmerzhaft. Seit dem Hoch während des Corona-Hypes 2021 beläuft sich das Minus noch immer auf satte 96 Prozent. Die Titel von Redcare konnten sich dank einer robusteren Finanzlage deutlich besser schlagen, haben sich insgesamt aber schlechter entwickelt als der europäische Stoxx Europe 600.DocMorris setzte damals voll auf das deutsche E-Rezept und investierte massiv in Marketing sowie Infrastruktur. Wegen jahrelanger technischer und politischer Verzögerungen bei der Einführung blieben die Einnahmen jedoch aus, während die Kosten hoch blieben. Das Unternehmen geriet in schwere Schieflage und konnte sich nur durch eine Kapitalerhöhung sowie den Verkauf seines Schweizer Geschäfts retten.Als Konsequenz überholte Redcare 2022 erstmals DocMorris beim Umsatz und konnte seinen Vorsprung seitdem ausbauen. Während es Redcare gelang, stark zu wachsen, trat DocMorris praktisch auf der Stelle.Online-Apotheken seit Frühjahr im AufwindDass es seit dem Frühjahr endlich vorwärtsgeht, hat einerseits mit der operativen Performance zu tun. Auch bei DocMorris scheint das Wachstum im Geschäft mit rezeptpflichtigen Medikamenten (Rx) – dieses macht für Investoren den Grossteil des Investment-Case aus – endlich in die richtige Richtung zu gehen. Im zweiten Quartal erreichte es ein Wachstum von 46 Prozent auf 80 Millionen Franken, nach einem Plus von 30 Prozent im ersten Quartal.Damit nähert sich DocMorris beim Wachstum langsam, aber sicher dem Konkurrenten Redcare an. Dessen Rx-Geschäft wächst bereits seit Jahren kräftig, hatte sich in letzter Zeit auf hohem Niveau jedoch etwas abgeschwächt. Im zweiten Quartal beschleunigte sich das Wachstum wieder auf 58 Prozent. Der Rx-Umsatz erreichte 180 Millionen Euro.Urs Kunz, Healthcare-Analyst beim unabhängigen Aktien-Research-Anbieter Research Partners, glaubt, dass sich die Rx-Wachstumsraten beider Online-Apotheken zunehmend angleichen werden. «Man darf nicht vergessen, dass Redcare in den letzten Jahren massiv in Marketing investieren konnte, während DocMorris jeden Franken zweimal umdrehen musste.»Rezepte werden noch immer bevorzugt in der Apotheke vor Ort eingelöstEin Grund für die enttäuschende Aktienkursentwicklung von DocMorris und Redcare in den vergangenen Jahren waren auch schlicht zu hohe Erwartungen an die Geschwindigkeit, mit der sich in Deutschland das Geschäft mit rezeptpflichtigen Medikamenten ins Internet verlagern würde. Während der Corona-Euphorie schien es nur eine Frage der Zeit, bis der Anteil der Versandapotheken am Rx-Markt von damals unter 1 auf rund 10 Prozent steigen und damit das Niveau des Vorreiters Schweden erreichen würde.Gemäss einer Umfrage des Apotheken-Softwaredienstleisters Scanacs aus dem Jahr 2021 gingen die Hersteller verschreibungspflichtiger Medikamente davon aus, dass der Online-Anteil am Rx-Markt bis 2025 auf rund 9 Prozent steigen würde. Tatsächlich liegt er derzeit je nach Schätzung eher bei etwas mehr als 2 Prozent. Die britische Grossbank Barclays reduzierte kürzlich ihre Schätzung für 2030 von 8 auf 6,5 Prozent.Der grösste Bremsklotz ist gemäss den Analysten weiterhin das Verhalten der Patienten, bei denen die Gewohnheiten tiefer sitzen als gedacht. Gespräche mit Branchenkennern bestätigten zudem, dass der digitale Bestellprozess in der Praxis noch immer oft umständlicher und weniger intuitiv ist als erhofft. Zudem sei vielen noch immer nicht bewusst, dass man das E-Rezept überhaupt online einlösen könne. «Das zeigt, wie gross das ungenutzte Marktpotenzial ist, aber eben auch, wie viel Erklärungsbedarf nach wie vor besteht», urteilen die Analysten.Der Regulierer hat das Geschäftsumfeld verbessertWährend die Entwicklung der sogenannten Online-Penetration noch harzig verläuft, haben sich auf einem anderen wichtigen Gebiet die Dinge spürbar verbessert. Das regulatorische Umfeld war schon immer zentral für den Investment-Case deutscher Online-Apotheken. Ende 2021 etwa brachte die plötzliche Verschiebung des elektronischen Rezepts DocMorris – das Unternehmen hatte seine sämtlichen operativen Hebel darauf ausgerichtet – beinahe in den Ruin.Auch danach sahen sich die Online-Apotheken immer wieder mit Verzögerungen bei der Digitalisierung des deutschen Gesundheitssystems sowie regulatorischem Gegenwind konfrontiert. Doch mittlerweile hat der regulatorische Druck auf den Sektor spürbar nachgelassen.Seit Juli 2026 können Chronischkranke Folgerezepte auch ohne erneuten Arztbesuch erhalten. Das vereinfacht den Bestellprozess und könnte laut Barclays-Analysten dem Onlinehandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten zusätzlichen Schub verleihen. Zudem soll der neue Gematik-Standard «Proof of Patient Presence» (PoPP) den Prozess der E-Rezept-Einlösung einfacher gestalten.Die Gematik ist die Nationale Agentur für Digitale Medizin in Deutschland. Bald werden Patienten etwa keine physische Versichertenkarte mehr an das Smartphone halten müssen, auch die ständige PIN-Eingabe entfällt. Barclays erwartet dadurch eine bessere Konversionsrate und geringere Abbruchquoten der Kunden.Verschärfte Regeln für Online-Apotheken zunächst vom TischAber auch die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen haben sich verbessert. So ist das sogenannte Fixum – die feste Vergütung, die Apotheken für die Abgabe eines verschreibungspflichtigen Medikaments von den Krankenkassen erhalten – zum 1. Juli von 8.35 Euro auf 9 Euro gestiegen. Zum 1. Januar 2027 wird es nochmals auf 9.50 Euro erhöht. Das klingt zwar nach wenig. Da dem höheren Fixum keine zusätzlichen Kosten gegenüberstehen, wirkt sich die Erhöhung jedoch nahezu vollständig auf die Rohmarge aus.Hinzu kommt, dass Pläne für deutlich strengere Vorschriften beim Versand von Medikamenten wieder aufgegeben wurden. Diese hätten wohl zu höheren Kosten geführt. So wurde ein Vorschlag, der Logistikdienstleister beim Versand von Medikamenten zu einer lückenlosen Temperaturüberwachung verpflichtet hätte, nach einer Intervention der EU-Kommission fallen gelassen.«Das Lobbying der stationären Apothekenverbände dürfte weiterhin für Unruhe sorgen, doch kurzfristig sehen wir eine geringe Wahrscheinlichkeit für eine Wiedereinführung», sagen dazu die Barclays-Analysten. Deutsche Apothekerverbände versuchen seit Jahren, den Versandhandel mit rezeptpflichtigen Medikamenten einzuschränken, um die Präsenzapotheken zu schützen.Finanzierungsrisiko ist bei DocMorris gesunkenDas regulatorische Umfeld bleibt ein wichtiger Faktor, den Investoren aufmerksam verfolgen müssen, da hier unterschiedliche Interessen aufeinanderprallen. Entsprechend risikobehaftet bleibt ein Investment in DocMorris oder in Redcare. Die jüngsten Entscheidungen schaffen jedoch eine solidere Grundlage für das weitere Wachstum der Online-Apotheken.Redcare galt lange als die konservativere Wahl für Investoren, da das Unternehmen finanziell solider aufgestellt war. Bei DocMorris schwang dagegen stets das Risiko eines weiteren Kapitalbedarfs mit. Für Kunz von Research Partners ist Redcare zwar weiterhin die konservativere Wahl. «Das Finanzierungsrisiko bei DocMorris hat jedoch deutlich nachgelassen», sagt er.DocMorris startete mit einer Liquidität von 160 Millionen Franken ins Jahr 2026. Nach der Rückzahlung einer Wandelanleihe über 22 Millionen Franken erwarten die Analysten der Deutschen Bank für 2026 zudem einen Cash-Abfluss von 67 Millionen Franken. Dadurch dürfte der Barmittelbestand bis Ende Jahr auf rund 70 Millionen Franken sinken. Für 2027 rechnen die Analysten nur noch mit einem negativen Cashflow von 24 Millionen Franken. Da DocMorris ab 2027 planmässig einen positiven freien Cashflow erwirtschaften soll, würde die vorhandene Liquidität theoretisch ausreichen.Ganz vom Tisch ist das Finanzierungsthema allerdings nicht. 2028 und 2029 werden zwei weitere Wandelanleihen fällig. Die erste über knapp 50 Millionen Franken dürfte jedoch, Stand heute, unproblematisch sein. Ihr Wandelpreis von 6.54 Franken liegt mittlerweile deutlich unter dem aktuellen Aktienkurs. Eine Wandlung in Aktien erscheint deshalb wahrscheinlicher als eine Rückzahlung in bar.DocMorris hat mit TeleClinic möglicherweise eine PerleLangfristig könnte vor allem das Segment Digital Services die Aktien von DocMorris besonders spannend machen. Der noch kleine, aber schnell wachsende und hochmargige Bereich könnte auf dem Weg zur nachhaltigen Profitabilität eine Schlüsselrolle spielen. Der Umsatz stieg 2025 um 110 Prozent auf 40 Millionen Franken. Im ersten Quartal 2026 lag das Wachstum bei 61 Prozent, im zweiten beschleunigte es sich wieder auf 81 Prozent.Obwohl das Segment erst rund 5 Prozent des Konzernumsatzes ausmacht, trägt es bereits überproportional zum Ergebnis bei. TeleClinic erzielt Rohmargen von rund 90 Prozent und bereinigte Ebitda-Margen im niedrigen 30-Prozent-Bereich. Die 2020 von DocMorris übernommene Telemedizin-Plattform ermöglicht digitale Arztkonsultationen und die Ausstellung von E-Rezepten. Für DocMorris ist die Plattform vor allem deshalb interessant, weil sich Rezepte direkt in den eigenen Bestellprozess integrieren lassen.Das Retail-Media-Geschäft (dmr Advertising) erzielt gemäss Schätzungen von Barclays sogar Margen von über 50 Prozent. DocMorris nutzt hier die Daten seiner rund 11 Millionen aktiven Kunden, um Pharmaherstellern gezielte Werbemöglichkeiten anzubieten. Nach Ansicht von Kunz unterschätzt der Markt das Potenzial des Segments Digital Services deutlich. «Für TeleClinic allein sehe ich langfristig einen Wert, der den der DocMorris-Gruppe von heute übersteigen könnte», sagt der Analyst.Aktien nur etwas für risikoaffine AnlegerOb die Aktien von DocMorris und Redcare teuer sind, lässt sich nur schwer beurteilen, da beide Unternehmen – insbesondere DocMorris – noch nicht nachhaltig profitabel sind. DocMorris verspricht, spätestens im vierten Quartal die operative Gewinnschwelle beim bereinigten Ebitda zu erreichen.Ein Blick auf das Verhältnis von Unternehmenswert zu Umsatz (EV/Umsatz) zeigt jedoch eine interessante Entwicklung: DocMorris wird inzwischen erstmals höher bewertet als Redcare. Darin dürfte sich vor allem das deutlich gesunkene Finanzierungsrisiko spiegeln.Sowohl mit Redcare als auch mit DocMorris können Anleger auf das Wachstum des Online-Apotheken-Markts setzen. Dass diese Wette aufgehen kann, dafür sprechen die zuletzt deutlich verbesserte operative Performance sowie die regulatorischen Rahmenbedingungen. Dennoch bleibt das Investment mit Risiken behaftet – insbesondere, weil regulatorische Eingriffe oder operative Rückschläge jederzeit für negative Überraschungen sorgen können.Aber auch die Unternehmen dürfen nicht enttäuschen. Am 19. August stellt DocMorris seinen ausführlichen Halbjahresbericht vor. Der Marktkonsens geht dann von einer Korrektur der Jahresprognose nach oben aus, auch getrieben durch die positiven Aussagen des Managements in den zurückliegenden Monaten. Es ist zu hoffen, dass diese auch kommt.