Das Weltgetümmel von InnsbruckZur Feier ihres 50-Jahre-Jubiläums zeigen die Festwochen der Alten Musik die barocke Mammut-Oper «Il pomo d’oro» von Pietro Antonio Cesti – erstmals seit 350 Jahren wieder vollständig. Zwei Tage dauert das überbordende Spektakel. Lohnt sich das?Marco Frei, Innsbruck15.08.2026, 05.30 Uhr5 LeseminutenIm Barocktheater werden Götter noch per Hand aus den Wolken hinab zur Erde geholt: Szene aus Pietro Antonio Cestis «Il pomo d’oro» bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.Birgit GuflerAls Goethe 1787 die barocke Villa Palagonia im sizilianischen Bagheria bei Palermo besichtigte, war er abgestossen. Ihre grotesken Figuren und Statuen nannte er «widerliche Missgeburten». Drinnen kam es womöglich noch schlimmer für den Dichter: Das Bizarre setzt sich nämlich im Mobiliar der Villa fort. Da gibt es Stühle mit ungleichmässig abgesägten Beinen oder Sessel, aus deren Polstern Stacheln ragen, die das Gesäss malträtieren. In einer Kapelle hängt sogar ein Kruzifix an der Decke, und aus dem Bauchnabel des Gekreuzigten baumelt eine Kette mit einem betenden Mann.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Was Goethe entsetzte, entzückte anderthalb Jahrhunderte später Surrealisten wie André Breton oder Salvador Dalí. Doch einen Nachklang der «palagonischen Raserei» gibt es auch bei Goethe: Er verarbeitete die dortigen «Spitzruten des Wahnsinns», wie er dies nannte, in der «Klassischen Walpurgisnacht» in «Faust II». Die ästhetischen Zumutungen dienten ihm immerhin als Anregungen, um einen Ort des Grauens und des Ekels zu entwerfen. Für den deutschen Klassizisten lag Schönheit in der Klarheit der Form und in der Ausgewogenheit der Mittel. Goethe und die überbordende Formensprache des Barocks – das ging nie recht zusammen.Pomp und ExzessMit der Oper «Il pomo d’oro» («Der goldene Apfel») von Pietro Antonio Cesti, derzeit zu erleben an den Festwochen der Alten Musik in Innsbruck, hätte Goethe daher vermutlich überhaupt nichts anfangen können. Denn Masshalten ist nicht ihre Stärke. Schon die Aufführungsdauer dieses Monstrums in fünf Akten nebst einem Prolog übertrifft mit über acht Stunden diejenige der längsten Wagner-Opern. Aufgeteilt auf zwei Abende, sollte damit 1666 in Wien die Hochzeit von Kaiser Leopold I. und Margarita Teresa von Spanien gefeiert werden. Die Uraufführung wurde dann aber auf Juli 1668 verschoben, auf den Geburtstag der Kaiserin.Auch sonst war dieses Stück das seinerzeit üppigste und exzessivste Werk der gerade erst 60 Jahre alten Gattung Oper. Knapp fünfzig Rollen fordert die Partitur, bei der Uraufführung sollen zudem dreihundert feurige Rösser ein Pferdeballett getanzt haben. Für die zahllosen Effekte und Ortswechsel wurden 24 Einzelbühnen bereitgestellt, und das Ganze endete mit einem gigantischen Feuerwerk.Das Libretto von Francesco Sbarra konfrontiert die Götterwelt der griechisch-römischen Mythologie mit dem irdischen Alltag. Von der aufgeklärten Rationalität eines Pietro Metastasio, auch Librettist einiger Gluck- und Mozart-Opern, ist das weit entfernt. Metastasio steht für die Wiederbelebung der aristotelischen Einheit von Zeit, Ort und Handlung. Sbarra hingegen kreiert ein an Dante orientiertes, schrill-absurdes, mythologisch durchdrungenes Weltgetümmel.Hier kann man studieren, was ein Zankapfel ist: Juno (Sophie Rennert) liebäugelt mit der auch von ihren göttlichen Konkurrentinnen begehrten Trophäe.Birgit GuflerDa ärgert sich der Unterwelt-Fährmann Charon, weil er sozusagen ein Konjunkturtief erlebt und die Toten ausbleiben. Aber die Furien verraten ihm, dass es bald mehr Arbeit für ihn gebe, da sich nämlich die Göttinnen Juno, Pallas Athene und Venus um einen goldenen Apfel zankten. Das könne ja nicht gutgehen. Denn der Apfel soll allein «der Schönsten» unter den drei Diven gehören, und über einer derart entscheidenden Frage droht der Welt alsbald ein Krieg.Momus, der Gott des Spotts und des Tadels, besingt wiederum in einer Szene mobile Nachtstühle, mit denen kranke oder ältere Menschen ihre Notdurft verrichten könnten. «Was für eine schöne Fortbewegungsart, sich von den Lüftchen tragen zu lassen», trällert er – und das seinerzeit in Anwesenheit des Kaisers. In Österreich hatte man damals mit derartigen Bizarrerien anscheinend weniger Probleme, als es später der gestrenge Geist aus Weimar gern gesehen hätte.Vielleicht war man ein Jahrhundert früher einfach weniger prüde und stand der heute geradezu postmodern anmutenden Vielfalt der Einfälle offener gegenüber. Mit der Wiederaufführung von Cestis kunterbuntem Welttheater gelingt den Festwochen jedenfalls ein Coup, pünktlich zum 50-jährigen Bestehen des Barock-Festivals. Es markiert damit zugleich seine Bedeutung im kulturell reichen Dreieck zwischen München, Innsbruck und Salzburg als wichtigstes Festival für Alte Musik – mit Ausstrahlung weit nach Italien und in die Schweiz. Und nicht zuletzt gibt es einen lokalen Bezug: Als Cesti das Werk komponierte, wirkte er in Innsbruck als Hofkomponist.Barockes Casting der Schönsten und Besten: Szene aus «Il pomo d’oro» bei den Innsbrucker Festwochen der Alten Musik.Birgit GuflerKluge RekonstruktionFür die erste vollständige Wiedergabe von «Il pomo d’oro» seit der Wiener Uraufführung musste Ottavio Dantone, der musikalische Leiter des Festivals, allerdings Teile des dritten und des fünften Akts rekonstruieren. Deren Partitur gilt zu etwa zwei Dritteln als verschollen. Immerhin haben sich in Modena Manuskripte von etwa 35 Arien erhalten, die lediglich orchestriert werden mussten. Darüber hinaus hat Dantone auf Material aus anderen Opern und einigen Kantaten von Cesti zurückgegriffen.Ein solches «Pasticcio» war im Barock gängige Praxis, ähnlich auch bei Händel oder Vivaldi. Bei einer Opernaufführung über zwei Tage liegt freilich die Frage nach möglichen Strichen auf der Hand. Der Prolog mit dem (epochentypischen) Lobgesang auf Kaiser Leopold I. und die Personifikationen der habsburgischen Territorien wäre beispielsweise entbehrlich.Weil jedoch in Innsbruck unter Dantone frisch musiziert wird, mit exzellenten Sänger-Darstellern, stellt sich die Frage nach weiteren Kürzungen bald kaum noch – auch dank manchen Arien, die bereits visionär in die Zukunft schauen, indem sie den Ton der über ein Jahrhundert jüngeren italienischen Belcanto-Oper vorwegzunehmen scheinen. Überdies fächert Dantone mit der Accademia Bizantina aus Ravenna den Reichtum von Cestis Musik vorbildlich auf, so dass nie der Eindruck von stilistischer Gleichförmigkeit entsteht, der manche Barockopern leicht etwas länglich wirken lässt.Die Inszenierung von Fabio Ceresa setzt dazu im Bühnenbild von Nikolaus Webern auf eine Gegenüberstellung von Gestern und Heute, sie changiert zwischen mythologisch-barocker Ausstattung und moderner Alltagswelt. Zugleich bewahrt sie der Oper ihren Witz, der immer wieder ins Groteske ausgreift und unversehens an manche Absurditäten unserer Zeit erinnert.Etwa wenn Athene vom Himmel herabsteigt und bereit ist, um der Rache willen ihr gesamtes Volk als Kanonenfutter zu verheizen. Denn ungehörigerweise hat man sie nicht zur Schönsten erwählt, und in ihrer masslosen Eitelkeit ist sie darüber ebenso masslos empört. Stattdessen übergibt Jupiter den sprichwörtlichen Zankapfel am Ende der in EU-Farben gekleideten Europa, die umgehend für Einigung und Frieden sorgen soll. Was leider, damals wie heute, ein Wunschtraum bleibt.Die Innsbrucker Cesti-Produktion soll 2027 beim Label «cpo» erscheinen.Passend zum Artikel