Integrative Schule: «Man kann nicht einem inklusiven Idealbild nachhängen, wenn der reguläre Unterricht verunmöglicht wird»Nach einer vernichtenden Umfrage fordert Dagmar Rösler, die höchste Lehrerin der Schweiz, schnelle Anpassungen. Am inklusiven Modell will sie zwar festhalten, aber sie spricht sich auch für Separation aus.15.08.2026, 05.30 Uhr4 Leseminuten«Halb geglückt ist nicht genügend», sagt Dagmar Rösler über die integrative Schule.Christoph Ruckstuhl / NZZFrage: Frau Rösler, eine Umfrage mit über 10 000 Lehrern offenbarte ein vernichtendes Urteil zur integrativen Schule. Wird diese nun beerdigt?Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Antwort: Das kann ich nicht entscheiden. Aber dass die Lehrerschaft gespalten ist, ist tatsächlich ein Warnsignal, das wir sehr ernst nehmen müssen. Wichtig ist mir, festzuhalten, dass die kritischen Lehrerinnen und Lehrer nicht grundsätzlich gegen das Modell sind, sondern die Umsetzung als gescheitert sehen.Frage: Wenn man nur die Lehrer nimmt, die auf Sekundarstufe tätig sind, und jene, die mit verhaltensauffälligen Kindern konfrontiert sind, dann ist die Ablehnung der integrativen Schule sogar wuchtig. Das ist doch ein inakzeptabler Zustand?Antwort: Ja. In der Schweiz vertreten wir zu Recht die Haltung: Halb geglückt ist nicht genügend. Ich halte nichts davon, den inklusiven Gedanken zu beerdigen. Aber es braucht nun schleunigst eine Kurskorrektur.Frage: Wie soll diese aussehen, wenn man weiterhin alle Kinder und Jugendlichen in einer Regelklasse unterrichten soll? Offensichtlich führt das dazu, dass die Schwächeren nicht profitieren und die Stärkeren sogar darunter leiden.Dagmar Rösler, Präsidentin des LehrerverbandssNZZAntwort: Da muss ich präzisieren: Zwei Drittel der Befragten erleben Lernfortschritte von Kindern mit Förderbedarf als bereichernd – und 80 Prozent geben an, dass heterogene Klassen soziale Kompetenzen fördern. Aber ja: Die Aussage, dass man unter den gegebenen Rahmenbedingungen nicht allen vollumfänglich gerecht werden kann, muss uns schon aufhorchen lassen. Ich habe immer gesagt, dass es Möglichkeiten geben muss, beispielsweise verhaltensauffällige Kinder aus einer Klasse zu nehmen, wenn die Spannungen zu gross sind und nicht aufgelöst werden können. Um dem Kind zu helfen, sich in einer ruhigeren Umgebung entfalten zu können. Aber auch, um der Regelklasse ein entspanntes Klima zu ermöglichen.Frage: Dem Schweizer Radio und Fernsehen sagten Sie aber auch: «In einer Klasse mit zweiundzwanzig Kindern habe ich vielleicht sechs mit diagnostiziertem Förderbedarf und weitere mit individuellen Bedürfnissen. Unser Anspruch ist es, allen gerecht zu werden.» Wie soll das gehen? Das klingt nach Utopie.Antwort: Die Wahrheit ist: Lehrerinnen und Lehrer können dem Anspruch nicht immer gerecht werden. Das kann man nicht leugnen. Sie wollen gute Arbeit leisten und sind belastbar. In vielen Klassen ist der Alltag aber einfach nicht bewältigbar. Wer merkt, dass er seinem pädagogischen Anspruch nicht gerecht wird, ist frustriert. Verständlicherweise. Zurzeit bekommt mehr Unterstützung, wer mehr diagnostizierte Kinder unterrichtet. Das führt zu falschen Anreizen. Ressourcen sollten nicht immer zwingend an Diagnosen geknüpft werden.Frage: Setzen Sie sich künftig für mehr Separation ein? Mit Förderklassen, in denen die Verhaltensauffälligen unterrichtet werden? Und nicht nur für Massnahmen, in denen ein Kind einmal für einen Nachmittag ein Time-out bekommt?Antwort: Auch das wirft man mir seit langem vor: dass ich mich gegen diese Instrumente zur Separation aussprechen würde. Wenn es nötig ist, ist es wichtig, dass ein Kind über längere Zeit aus der Regelklasse genommen werden kann. Ich sage einfach als Addendum, dass die Chance, zurückzukehren, immer das Ziel sein muss. Und übrigens: Auch gegen Sonderschulen bin und war ich nicht. Es braucht sie für diejenigen, die in einer Regelklasse überfordert sind. Man kann nicht einem inklusiven Idealbild nachhängen, wenn der reguläre Unterricht verunmöglicht wird. Das wäre unredlich. Die integrative Schule hat ihre Grenzen.Frage: Sonderschulen stehen in der Kritik, da sie häufig weit weg von den regulären Schulhäusern gebaut wurden. Bürgerliche wie die Aargauer Bildungsdirektorin Martina Bircher (SVP), die die integrative Schule in der heutigen Form abschaffen wollen, sehen die Lösung im Kompromiss: Ja zum getrennten Unterricht, aber wenn immer möglich unter demselben Dach. Ist das für Sie ein gangbarer Weg?Antwort: Es sind nicht nur die Bürgerlichen, die diese Idee haben. Ich finde, es ist ein integrativer Gedanke, wenn Kinder im gleichen Schulhaus unterrichtet werden, den gleichen Schulweg haben und gemeinsam in der Pause spielen können. Das setzt einfach voraus, dass wir die nötigen Räumlichkeiten haben – und auch hier braucht es genügend Ressourcen.Frage: Sie fordern mehr Geld, damit sich die Lage verbessert. Aber nicht so energisch wie auch schon. Warum?Antwort: Es ist mir bewusst, dass viele Kantone und Gemeinden in einer finanziell angespannten Lage sind. Mehr Ressourcen zu erhalten, wäre zwar für eine erfolgreiche Umsetzung sehr wichtig. Ich glaube aber, dass auch im bestehenden System etwas zu machen ist. Wie können wir die bestehenden Ressourcen möglichst effektiv und effizient einsetzen? Es zeigt sich beispielsweise, dass diese vor allem den Fächern Deutsch und Mathematik zugutekommen. Viele unserer Kantonalsektionen haben eine gesonderte Auswertung der Umfrage erhalten, wie es bei ihnen aussieht. Nicht überall sind dieselben Probleme akut.Frage: Mehr Ressourcen fordern Sie dennoch. Ist das nicht unrealistisch? Es gibt beispielsweise nicht genügend Heilpädagogen, um den Unterricht besser zu machen.Antwort: Das stimmt. Seit zwanzig Jahren weiss man, dass es doppelt so viele Heilpädagogen brauchen würde. Seit zwei Dekaden hat man zu wenig dafür gemacht.Passend zum Artikel
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