DatenanalysePro ArtikelGespaltenes Deutschland: So unterschiedlich sind West und Ost bis heuteAuch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung bleibt die wirtschaftliche Lücke zwischen den beiden Landesregionen gross. Eine Übersicht in sechs Grafiken.15.08.2026, 05.30 Uhr3 LeseminutenOst- und Westdeutschland sind wirtschaftlich weiterhin unterschiedlich.Illustration Sophia Kissling / NZZDeutschland steht vor schicksalhaften Wochen: Im September finden in Sachsen-Anhalt, Mecklenburg-Vorpommern und Berlin Wahlen statt, die das politische Gefüge des Landes durcheinanderbringen könnten. In Sachsen-Anhalt liegt die AfD in den Umfragen weit voraus, sie könnte die absolute Mehrheit erringen und dann zum ersten Mal in einem Bundesland einen Ministerpräsidenten stellen.Optimieren Sie Ihre BrowsereinstellungenNZZ.ch benötigt JavaScript für wichtige Funktionen. Ihr Browser oder Adblocker verhindert dies momentan.Bitte passen Sie die Einstellungen an.Überall in Deutschland legt die Protestpartei gerade zu, aber nirgendwo ist sie so stark wie im Osten. Eine mögliche Begründung dafür liegt in der wirtschaftlichen Spaltung, die mitten durch das Land geht. Denn auch 35 Jahre nach der Wiedervereinigung der Bundesrepublik mit der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) sind West und Ost weit voneinander entfernt.Wie weit, zeigen diese sechs Grafiken:Grosse Unterschiede in der WirtschaftsleistungZwischen den deutschen Bundesländern zeigen sich in Sachen Wirtschaftsleistung erhebliche Unterschiede. Während das Bruttoinlandprodukt (BIP) pro Kopf in Hamburg einen Wert von über 80 000 Euro erreicht, beträgt es in vielen ostdeutschen Bundesländern nicht einmal die Hälfte davon.In den Bundesländern Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern, wo im September gewählt wird, sind die Werte neben Thüringen deutschlandweit am geringsten. So gibt es in den ostdeutschen Bundesländern zwar zahlreiche kleine und mittelständische Betriebe. Es fehlen allerdings weitgehend grosse Industrie- oder Dienstleistungskonzerne, die überproportional zur Wertschöpfung beitragen.Kaum sichtbare AufholeffekteWest- und Ostdeutschland starteten nach der Wiedervereinigung ungleich. Der Westen hatte in den Jahrzehnten nach dem Zweiten Weltkrieg zum Wachstum zurückgefunden, im Osten hingegen herrschte Knappheit. Als die Mauer fiel, sollten Transferleistungen einen «Aufbau Ost» stemmen.Gemessen am BIP je Einwohner ist es jedoch seit der Wiedervereinigung zu keiner deutlichen Angleichung gekommen. Ost- und Westdeutschland entwickelten sich in den letzten Jahrzehnten praktisch parallel, der Abstand ist in absoluten Zahlen ähnlich wie unmittelbar nach der Wiedervereinigung. Einzig in den frühen 1990er Jahren stieg das BIP pro Kopf im Osten deutlich schneller. Dafür gibt es aber eine Erklärung: In dieser Zeit wanderten besonders viele Menschen von Osten nach Westen aus, womit die Einwohnerzahl in den neuen Bundesländern schrumpfte.Der Osten ist seit der Wiedervereinigung geschrumpftSeit der Wiedervereinigung sind 1,2 Millionen Menschen mehr vom Osten in den Westen umgezogen als umgekehrt. Am stärksten zeigte sich der Effekt bei jungen Menschen zwischen 18 und 25 Jahren, die fürs Studium oder für den Start ins Berufsleben abwanderten und nicht mehr zurückkehrten.Folglich ist der Anteil der Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter in den ostdeutschen Bundesländern oft niedriger als im Westen – ein Umstand, der die wirtschaftliche Weiterentwicklung eines Standorts erschwert.Die Forschung bleibt im WestenForschungsaktivitäten gelten oft als Vorboten wirtschaftlichen Aufschwungs. Denn wo neue Anwendungen entstehen, könnte etwas heranwachsen.Auch in dieser Hinsicht liegen ostdeutsche Bundesländer weit hinter den Spitzenreitern aus dem Westen. So meldeten Forscher und Unternehmer aus Baden-Württemberg umgerechnet auf die jeweilige Zahl der Wohnbevölkerung im vergangenen Jahr knapp 17-mal so viele neue Patente an wie ihre Konkurrenten in Sachsen-Anhalt und Mecklenburg-Vorpommern.Weniger Ostdeutsche in SpitzenpositionenViele Ostdeutsche fühlen sich von den Eliten schlecht vertreten, wie Umfragen häufig zeigen. Tatsächlich sind sie in vielen Bereichen unterrepräsentiert, wie eine Auswertung der Ostbeauftragten der Bundesregierung zeigt. So machen Ostdeutsche knapp 20 Prozent der gesamten Bevölkerung des Landes aus. In Führungspositionen liegt ihr Anteil aber weit darunter.Weitere Dinge tragen zum Minderwertigkeitsgefühl bei. So hat gegenwärtig kein einziges der 40 Unternehmen, die im deutschen Leitindex DAX sind, seinen Hauptsitz in den neuen Bundesländern. Und im WM-Kader der Fussballnationalmannschaft gab es mit Maximilian Beier nur einen Spieler, der in Ostdeutschland geboren wurde.Geringerer Kapitalstock im OstenEin West-Ost-Graben zeigt sich auch bei der Vermögenssituation. So besitzt ein Haushalt in den Ostbundesländern im Durchschnitt weniger als halb so viel wie im Nord- sowie Südwesten des Landes. Zurückführen lässt sich das auf unterschiedliche Rahmenbedingungen in der Vergangenheit: Während im Westen Vermögen über Generationen weitergereicht wurde, verstaatlichte die DDR Familienbetriebe und untersagte den Handel mit Aktien oder Wertpapieren. Das sozialistische System verhinderte, dass überhaupt jemand reich werden konnte.Daraus folgen vielschichtige Effekte, die die wirtschaftliche Weiterentwicklung der ostdeutschen Bundesländer bis heute beeinträchtigen. So sind Ostdeutsche in der Rente häufiger stärker auf staatliche Transferleistungen angewiesen als Westdeutsche. Sie erben weniger. Und gründen sie ein Unternehmen, hat ihr nahes Umfeld im Durchschnitt weniger Kapital, mit dem es das Startup in der Frühphase unterstützen könnte.Passend zum Artikel